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Sexism, Feminism

Können wir die Sexismus-Debatte endlich ernsthaft führen, bitte? Bild: Shutterstock

Kommentar

Liebe Männer, lasst euch von der Sexismus-Debatte nicht verunsichern. Benutzt euer Hirn.

Auf den Weinstein-Skandal in den USA folgt der Aufschrei. Auf den Aufschrei folgt die Sexismus-Debatte. Auf die Sexismus-Debatte folgt die Frage: Was darf man(n) denn noch? Diese Frage nervt.



Es läuft immer ähnlich ab. Am Anfang steht ein Skandal. So wie jetzt derjenige um Harvey Weinstein. Dem US-Filmproduzenten wird vorgeworfen, über Jahrzehnte Frauen sexuell belästigt zu haben. Anklage erheben unter anderem die Schauspielerinnen Léa Seydoux, Gwyneth Paltrow, Asia Argento, Angelina Jolie und das Topmodel Cara Delevingne.

Auf den Skandal folgt die Empörung. Erbarmungslos wird Weinstein daraufhin von Journalisten niedergeschrieben und von den Paparazzi unter Blitzlichtgewitter bis in die Sex-Entzugsklinik  verfolgt. Seine Ehefrau Georgina Chapman verlässt ihn und sein Filmstudio The Weinstein Company stellt ihn auf die Strasse. 

Dann kommt die Welle der Solidarisierung mit den Opfern. Die Schauspielerin Alyssa Milano lanciert eine Diskussion über sexuelle Belästigung. Auf Twitter fordert sie all jene, die schon einmal Opfer von sexueller Belästigung geworden sind, dazu auf, unter dem Hashtag #Metoo ihre Erfahrungen zu teilen.

Die Reaktionen sind gewaltig. Innerhalb von drei Tagen werden 1,2 Millionen Tweets unter dieser Verschlagwortung abgesetzt. Frauen berichten von Busengrapschern im Ausgang, davon, wie sie mit K.-o.-Tropfen betäubt wurden, von fremden Männern, die ihnen zwischen die Beine gefasst haben oder von noch Schlimmerem.

Innerhalb von drei Tagen werden 1,2 Millionen Tweets unter dem Hashtag #Metoo abgesetzt.

Die Debatte ist angestossen. Jetzt wollen alle mitreden. Eine Diskussion über Sexismus und über sexuelle Belästigung entbrennt. So weit, so gut. Denn diese ist auch bitter nötig, solange wir in einer Gesellschaft leben, in der Menschen wie Weinstein noch immer jahrzehntelang frivol Frauen belästigen. 

Der nächste Schritt wäre, aus dem Vorfall Lehren zu ziehen. Die Themen Sexismus, sexuelle Belästigung und Missbrauch mit einer Ernsthaftigkeit zu behandeln, so wie sie es tatsächlich verdient hätten. Opferhilfe zu institutionalisieren, die Gesellschaft mit Kampagnen zu sensibilisieren, Gesetze dort zu verschärfen, wo sie heute noch zu wenig greifen. Alles daran zu setzen, dass verhindert wird, dass Frauen weiterhin weltweit missbraucht, gedemütigt, unterdrückt, diskriminiert und ausgebeutet werden.

Der nächste Schritt wäre, aus dem Vorfall Lehren zu ziehen. Doch dem ist nicht so.

Doch dem ist nicht so. An diesem Punkt schlägt jeweils die Stimmung um.

Auf die Solidarisierung folgt die Entsolidarisierung. Männer melden sich zu Wort, die den Vorfall verharmlosen. Sie erzählen, dass ihnen auch schon mal in einer Bar an den Po gefasst wurde und sie das aber als Bestätigung aufgenommen hätten. Sie beklagen sich, inzwischen gelte schon jedes Kompliment als sexuelle Belästigung, jedes Nachpfeifen aus Jux als übergriffig und das Flirten im Club als aufdringlich.

Es kommt zur Verballhornung der Sexismus-Debatte. Wo beginnt Sexismus? Wo der sexuelle Übergriff? Verunsicherte Männer schreiben über ihre Unsicherheit. Sie fragen sich, was darf man(n) noch? Frauen schreiben über verunsicherte Männer, die zunehmend verweichlichen. Alles gerate durcheinander, heisst es. Alle seien verwirrt. Die Menschheit stehe am Abgrund.

Dabei wäre es doch so einfach. All die Verunsicherung müsste nicht sein, die Lösung läge so nahe: Benutzt euer Hirn! Tut ihr das, merkt ihr in den meisten Fällen, ob die Frau geküsst werden will oder nicht. Ihr merkt, ob sie zu betrunken für Sex ist. Auch, ob sie an der Bar zurückflirtet oder euch den Mittelfinger zustreckt. Und falls ihr trotz Benutzung eures Hirns noch immer unsicher seid, ob die Frau auch wirklich gut findet, was ihr gerade mit ihr macht, fragt doch zur Sicherheit nach. Kann nicht schaden.

All die Verunsicherung müsste nicht sein, die Lösung läge so nahe: Benutzt euer Hirn!

Es ist frustrierend. Eigentlich könnte man annehmen, dass wir inzwischen darin geübt sein müssten, Sexismus-Debatten reflektierter zu führen. Schliesslich lancierte die deutsche Bloggerin und Feministin Anne Wizorek schon 2013 das Hashtag #Aufschrei. In den USA twitterten ein Jahr später Tausende unter #YesAllWomen. Während Donald Trumps Präsidentschaftskandidatur gingen die Hashtags #ThePussyGrabsBack und #NotOkay viral und vor einem Jahr kam die Sexismus-Debatte auch unter #SchweizerAufschrei bei uns an.

Doch auch dort war das Schema dasselbe: Skandal, Empörung, Solidarisierung, Debatte, Entsolidarisierung. Was erfahrungsgemäss nach solchen Diskussionen zurückbleibt, ist gähnende Leere. Schlimmstenfalls werden wir noch mit einem Artikel der «Weltwoche» beglückt, in dem ein alternder Journalist über die «Bekenntnisse eines Unanständigen» berichtet. Schade.

Was also lernen wir dieses Mal aus der Sexismus-Debatte? Nichts. Das nervt.

Vier Beweise, dass Weinsteins Verhalten kein Geheimnis war

Video: Angelina Graf

#Jegharopplevd – #Aufschrei in Norwegen

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276 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Sapere Aude
18.10.2017 10:58registriert April 2015
Bitte schreib mir als Mann, der selbst schon Opfer von Sexueller Belästigung und einem Vergewaltigungsversuch wurde nicht vor, was er zu tun hat. Ich würde eine Sexismusdebatte nämlich extrem wichtig finden, nur nicht auf diese Art. Dein Kommentar machts nämlich nicht besser. Denn all den Männern die sich jetzt schon nicht getrauen sich bezüglich Sexismus zu äussern nimmst du damit die Stimme. Einfach Hirn einschalten und gut ist? Die Sache ist um einiges verzwickter. Vor allem wenn man mir und anderen schon das Recht nimmt auch Opfer sein zu dürfen nur weil wir einen Penis haben.
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262d
18.10.2017 11:18registriert July 2016
Die ganze Problematik hat zwei Dimensionen, eine gesellschaftliche, und eine persönliche.
Im Persönlichen ist es schon fast lächerlich einfach: Seid. Keine. Arschlöcher. Alle. Oder zumindest möglichst selten.
Die Gesellschaftliche ist bedeutend komplexer - und hängt recht stark davon ab, wie man sich die Welt erklärt. Kann man, muss man diskutieren. Aber: in erster Linie können wir alle in unserem Umfeld sensibler auf jede Art von Unterdrückung - sei sie sexueller, rassistischer, etc. Natur - reagieren und dagegen ankämpfen. Ein bisschen weniger Arschloch sein. Alle.
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McBeans
18.10.2017 10:34registriert June 2014
Teil 1
Als Mann bekommt man in den letzten Tagen acht ein schlechtes Gewissen, weil man durch die ganze Disskusion das Gefühl bekommt, einen Teil des Problem zu sein. Dies obwohl ich von mir bauhaupten kann, dass ich noch nie eine Frau sexuell belästigt habe. Trotzdem wird nur noch über diese Männer gesprochen! Dass zu 90% anständige Männer in der Schweiz herum laufen, wird in der Disskusion total vergessen.
Und natürlich, jegliche Art von sexuellem Übergriff oder Belästigung ist eine Schande!!
12012
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