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Freundschaften als Kind und als Erwachsener: Wir müssen zurück

Erwachsene Freundschaften sind anders als als Kind – dabei müssten sie das gar nicht sein. Eine Ode auf die Kindheit auf dem Dorf. Und wie man sie auch als Erwachsene wiederaufleben lassen kann.
Bild: watson/shutterstock
Kommentar

«Chunsch use go spiele?» – warum ich diesen Satz als Erwachsene vermisse

Eine Ode auf die Kindheit auf dem Dorf. Und wie man sie auch als Erwachsene wiederaufleben lassen kann.
24.05.2026, 10:0624.05.2026, 10:46

Ich bin sieben, acht oder neun Jahre alt, vielleicht auch zehn, womöglich elf. Das Gedächtnis kennt keine exakten Zahlen, es kennt nur ein Gefühl. Und dieses verdichtet sich zu einem einzigen, langen Sommernachmittag.

Die Luft steht träge in der Stube, der Ventilator an der Decke zieht seine Kreise und ich liege darunter. Schaue zu. Der Fliesenboden unter mir kühl, der Kopf leer. Bis ich es endlich höre: Dingdong.

Ich springe auf und renne zur Haustür. Salome:

«Chunsch use go spiele?»

Es ist ein Ritual. Ich laufe in die Küche zu Mama, die nie Nein sagt. Nur: «Nimm den Hund mit. Und deine Schwester.»

Weder der Hund noch die Schwester haben Lust, mitzukommen. Der Hund nicht wegen des heissen Teers. Die Schwester nicht, weil sie lieber in ihrem Zimmer Bücher liest. Aber der Sommer duldet keinen Widerspruch. Und Mama sowieso nicht: «Das Wetter ist zu schön, um hier drin zu verrotten!»

Unser Dorf ist klein genug, um es zu Fuss zu durchqueren, und gross genug, um stets Mitspielerinnen und Mitspieler zu finden. Wir klingeln hier, rufen dort, sammeln Kinder ein wie verlorengegangene Gegenstände. Am Ende stehen wir als lose Traube beisammen. Gewachsen ohne Plan. Aber mit einem Ziel: dem Wald.

Wir laufen durch den eiskalten Bach, bis wir unsere Füsse nicht mehr spüren. Wir drehen Steine um und begutachten die Tierchen, die sich darunter befinden. Wir fangen Juni- und Marienkäfer. Wir verbrennen uns an Brennnesseln und trösten uns gegenseitig. Wir essen Sauerampfer und verziehen dabei das Gesicht. Wir klettern auf Bäume. Wir suchen Lehm, um daraus Figuren zu formen.

Unsere Kreativität ist ein Muskel, den die Langeweile gut trainiert hat.

ARCHIV - 30.07.2020, Niedersachsen, Bad Harzburg: Ein Kind überquert mit nackten Füßen einen kleinen Bach Wenke. (zu dpa: «Ab nach draußen? In der Natur lernen macht nicht unbedingt schlauer») Foto: H ...
Bild: DPA

Die Stunden vergehen, ohne dass sie jemand zählt. Der Nachmittag endet mit dem ersten Kind, dessen Znacht bereitsteht, und unserem Hund, der schlotternd nach Hause zieht.

Wir kehren heim mit dreckigen Fingernägeln, grünen Fusssohlen und wunderbar schweren Augenlidern.

Zu Ende geht ein Nachmittag unter vielen. Und doch ist keiner wie der andere.

Kindheit auf dem Dorf in den 2000er-Jahren: Wie wir dieses Gefühl wiederaufleben lassen können.
Bild: Shutterstock

Mal spielen wir im Heustock der Bauerntöchter Fangis und schwingen uns mit der Schaukel von Heuballen zu Heuballen. Mal pflücken wir Blumensträusse und drehen sie der lieben, alten Nachbarin für 50 Rappen oder eine Packung Kaugummi an. Mal spielen wir auf einer Picknickdecke Barbie. Mal machen wir auf dem Velo das Dorf unsicher. Mal bringt uns der älteste Bub im Quartier neue Schimpfwörter bei. Mal üben wir auf dem grossen Trampolin bei der Käserei Saltos.

Mal gehen wir auf den «Spielpi» schaukeln und fordern uns gegenseitig heraus, vom höchsten Punkt abzuspringen. Mal entdecken wir auf Tinas Familiencomputer mit dem YouTube-Video vom niesenden Panda die grosse neue Welt des Internets.

Mal verzieren wir die gesamte Gasse mit unseren Kreidemalereien. Mal kochen wir im Garten einen «Hexentrank» und ernten von der Nachbarin Schimpfis, weil wir dafür ihren Rhododendron geköpft haben. Mal sammeln wir Schnecken und veranstalten ein Rennen. Mal knüpfen wir aus Gänseblümchen Halsketten und Kronen. Mal klauen wir Mamas Lippenstift und schminken uns. Mal ziehen wir unserem Hund Sonnenbrille und Kopftuch an und kugeln uns vor Lachen.

Unsere Abenteuer beginnen immer gleich:
Dingdong.
«Chunsch use go spiele?»

So einfach war das als Kind. Und ist es heute nicht mehr.

Irgendwo zwischen Schule und Beruf ist diese Einfachheit verloren gegangen. Das Klingeln wich der WhatsApp-Nachricht, die spontane Frage ersetzte eine koordinierte Online-Umfrage mit Terminvorschlägen.

Die Zeit von uns Erwachsenen ist eine kostbare Ressource, die wir sorgfältig verwalten.

Wir treffen uns. Zum Kaffee, zum Abendessen, auf einen Drink, zum Sport. Wir erzählen uns vom Leben. Und erleben es nur noch selten zusammen.

Dabei wäre die Alternative naheliegend. Nein, sie ist naheliegend. Oder?

Ich kann zwar nicht mehr spontan bei Freundinnen klingeln gehen. Meine Freundschaften haben sich auf die ganze Schweiz verteilt. Aber ich habe trotzdem wieder angefangen, ihnen die besagte Frage zu stellen.

Das Ergebnis ist erstaunlich unspektakulär, aber nicht weniger bereichernd.

Mal malen wir hochkonzentriert nebeneinander Bilder und wechseln einen Nachmittag lang fast kein Wort. Mal gehen wir im Bach schwimmen, auch wenn das Wasser eigentlich zu seicht dafür ist. Mal basteln wir Collagen. Mal puzzeln wir.

Mal suchen wir vierblättrige Kleeblätter. Mal bauen wir Lego zusammen. Mal finden wir heraus, ob unsere erwachsenen Hände noch in der Lage sind, Gänseblümchenketten zu knüpfen. Mal spielen wir auf einer Picknickdecke in der Stadt Karten. Mal machen wir uns mit dem Feldstecher auf in den Wald, um Vögel zu beobachten. Mal basteln wir aus alten Kartons ein Diorama.

EINMALIGER GEBRAUCH: Diorama von Autorin Aylin Erol
Besagtes Diorama.Bild: watson/ aylin erol

Mal versuchen wir uns im Falten von Origami. Mal lernen wir mit YouTube-Videos die japanische Blumensteckkunst Ikebana. Mal bringt mir eine Freundin Sticken bei. Mal bringt sie mir Häkeln bei. Mal ziehen wir Perlenketten auf. Mal basteln wir Schlüsselanhänger, die wir uns gegenseitig schenken, weil wir sie zu hässlich finden, um sie selbst zu behalten.

Kreativität ist ein Muskel, den wir lange nicht trainiert haben. Aber wir sind gewillt, ihn wieder aufzubauen.

Natürlich, die Leichtigkeit der Kindheit lässt sich nicht gänzlich rekonstruieren. Es reihen sich nicht mehr endlose Nachmittage aneinander. Die Stunden vergehen, aber wir zählen.

Unsere Fingernägel bleiben meist sauber, unsere Fusssohlen färben sich nur noch selten grün. Und der Tag endet mit der ersten Person, die verkündet, dass sie am nächsten Morgen früh raus muss oder zuhause Arbeit auf sie wartet.

Die Zeit von uns Erwachsenen ist und bleibt eine kostbare Ressource, die wir sorgfältig verwalten. Aber das ist in Ordnung. Solange wir uns wenigstens ab und zu zum Spielen treffen können. Weil unsere Augenlider anschliessend genauso wunderbar schwer sind wie damals. Und das Gefühl bleibt, zusammen ein Abenteuer erlebt zu haben.

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