Freundschafts-Forscher: «Ich würde mir eher Sorgen um die machen, die nie einsam sind»
Herr Schobin, in unserer Umfrage haben 61 Prozent der Befragten angegeben, dass sie zwischen einer und sechs engen Freundschaften haben. Wie viele Freundschaften hat eine Person im Schnitt?
Janosch Schobin: In Deutschland liegt die Zahl der engen Freundinnen und Freunde konstant bei etwa vier, in der Schweiz sieht es ähnlich aus. Es kommt aber immer darauf an, wie man fragt, ob man in einer Studie zum Beispiel Verwandte ausschliesst. Es ist aber auch völlig normal, dass Menschen zehn enge Freundschaften haben.
Wer hat besonders viele Freundschaften?
Reiche und gut gebildete Menschen haben im Schnitt mehr Freundinnen und Freunde. Einerseits haben sie mehr Ressourcen, um Freundschaften zu pflegen. Bildung und Geld geben einem aber auch Zugang zu besseren Netzwerken und dadurch zu mehr Möglichkeiten, Freundschaften zu schliessen.
Können Sie ein Beispiel machen?
Es ist zum Teil ganz simpel: Wer eine gute Bildung hat, hat häufiger einen Job. Und wer einen Job hat, bewegt sich eher in einem Umfeld, in dem er Kontakte knüpfen kann. Klar, auch wer erwerbslos ist, kann einem Verein beitreten. Vielleicht wird er oder sie dort dann aber abgewertet.
In der Umfrage hat sich gezeigt, dass viele Freundschaften zu Menschen führen, die ihnen ähnlich sind – sei das in Bezug auf das Geschlecht, die politische Einstellung, die Sprache oder finanzielle Möglichkeiten. Warum ist das so?
Freundschaften bilden sich häufig in Kontexten, in denen viele Leute gleichzeitig Freunde finden, zum Beispiel in der Schule. Das kann man sich vorstellen wie beim Spiel «Reise nach Jerusalem», bei dem sich alle hinsetzen müssen, sobald die Musik aussetzt und es immer einen Stuhl zu wenig hat. Niemand will am Schluss die Person ohne Stuhl beziehungsweise ohne Freunde sein. Wir versuchen unser Glück häufig dort, wo wir die höchste Wahrscheinlichkeit vermuten, akzeptiert zu werden. Wir sortieren uns sozusagen selbst in Gruppen. Interessanterweise werden Freundeskreise gleicher, je freier man seine Freundschaften wählen kann. Etwa in Bezug auf das Geschlecht.
Wieso?
Freiheit führt dazu, dass man sich eher Menschen aussucht, die ähnlich sind wie man selbst. Norwegen ist ein Land, das einen sehr hohen Grad an Gleichstellung hat. Gleichzeitig ist es auch ein Land mit einer sehr hohen Geschlechtshomogenität bei besten Freundschaften. Auf der anderen Seite haben wir Chile, ein sehr familiaristisch geprägtes Land. Die besten Freundschaften sind dort im Vergleich zu Norwegen wesentlich häufiger geschlechtlich gemischt. Das liegt daran, dass man dort eher Freundschaften innerhalb der Familie findet. Wo die Auswahl begrenzt ist, lässt sich das Geschlecht der Freunde nicht so gut steuern.
Es ist gar nicht so leicht, Freundschaft zu definieren. Können Sie es dennoch versuchen?
Freundschaft ist eine spezifische Vertrauensbeziehung zu Menschen. Im deutschsprachigen Raum meinen wir damit meist Personen, mit denen wir nicht verwandt sind oder in einem romantischen oder sexuellen Verhältnis stehen. Wenn wir Leute in Studien aber nach ihren Freundinnen und Freunden fragen, zählen sie häufig auch ihre Schwester oder ihren Partner auf. Und es gibt auch kulturelle Unterschiede: Ausserhalb von Europa sind Freunde zum Beispiel häufiger Familienmitglieder oder Verwandte.
Ab wann bezeichnen Sie jemanden als Freund oder Freundin?
Die Grenze zwischen einem Freund und einem Bekannten ist sehr fein abgestuft. So kann es sein, dass jemand eine Person als Freund ansieht, diese Person das aber anders bewertet. Wir beweisen uns Freundschaft häufig dadurch, dass wir uns gegenseitig verletzlich zeigen und Geheimnisse erzählen. Das schafft Vertrauen und Verbundenheit.
An unserer Umfrage haben über 5500 Personen teilgenommen. Auffallend viele waren Frauen. Interessieren sich Frauen stärker für Freundschaft?
Das ist schwierig zu sagen. Frauen geben zwar häufiger an, dass sie eine Person haben, mit der sie persönliche Dinge besprechen können, und haben tendenziell etwas mehr Freundschaften. Aber bereits in der Bewertung von Beziehungen spielen Geschlechternormen eine grosse Rolle. Es könnte auch sein, dass Männer in Befragungen anders antworten, weil sie etwa nicht als «emotional» gelten wollen.
Neun Prozent aller Befragten haben keine engen Freundinnen oder Freunde. Darunter sind überdurchschnittlich viele Männer. Überrascht Sie das?
Nein, das passt gut zur wissenschaftlichen Evidenz, die wir haben. Interessanterweise sagen Frauen in Umfragen häufiger, dass sie einsam sind. Ich würde sagen, im Durchschnitt sind Frauen und Männer etwa ähnlich sozial eingebunden. Extreme soziale Isolation ist aber eher ein männliches Phänomen.
Woran zeigt sich das?
Man kann sich etwa die Statistiken zu amtlichen Bestattungen anschauen: Männer werden deutlich häufiger vom Amt bestattet als Frauen, weil niemand da ist, der sie bestatten will. Und auch die Suizidrate von Männern ist typischerweise höher, das weist ebenfalls auf geschwächte soziale Netzwerke hin.
Ist das die «male loneliness epidemic», also eine männliche Einsamkeitsepidemie, von der in letzter Zeit häufig die Rede ist?
Davon würde ich nicht sprechen – zumindest nicht in Europa. In den USA sieht es anders aus: Dort gibt es eine Gruppe junger Männer, die weniger Freunde haben und noch nie eine Liebesbeziehung gehabt haben. Für Europa zeigen unsere Daten: Einsamkeit ist kein männliches Phänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches.
Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen für die Schweiz, dass sich 42 Prozent der Menschen manchmal oder häufig einsam fühlen. Sollte uns das besorgen?
Einsamkeit ist nicht per se etwas Schlechtes. Einsamkeit ist ein sozialer Schmerz, der mir sagt: Meine Beziehungen sind nicht so, wie sie sein sollten. Es ist ein Veränderungssignal so wie Hunger. Manchmal ist Einsamkeit darum gut, weil sie uns hilft, etwas an unserer Situation zu verändern. Ich würde mir darum eher Sorgen um die machen, die nie einsam sind.
Ab wann wird Einsamkeit zum Problem?
Problematisch ist Einsamkeit da, wo die Leute es nicht mehr schaffen, etwas zu ändern. Zum Beispiel weil sie arm, stigmatisiert oder psychisch krank sind. Dazu kommt: Langfristige Einsamkeit verändert die Leute. Irgendwann fällt es schwer, in die Gesellschaft zurückzukehren.
Wie stark hängen Freundschaften und Einsamkeit zusammen? Kann man vom einen auf das andere schliessen?
Freunde sind ein Puffer gegen Einsamkeit. Aus der Forschung wissen wir, dass der erste Freund der wichtigste ist. Wenn du null Freunde hast, bist du deutlich einsamer, als wenn du einen Freund hast. Der «Gewinn» wird mit jedem zusätzlichen Freund immer kleiner.
20 Prozent der Menschen, die keine engen Freundschaften haben, sind damit zufrieden, zeigt unsere Umfrage. Heisst das, dass nicht alle Freundschaften wollen oder brauchen?
Ich sehe hier zwei Erklärungen. Es gibt Menschen, die viele gute soziale Beziehungen in ihrem Leben haben, die aber eine sehr hohe Hürde haben, bis sie jemanden als Freund oder Freundin bezeichnen. Und die sind dann zufrieden, nennen die Beziehungen aber anders. Dann gibt es aber auch Menschen mit einem geringen Geselligkeits- und Sozialbedürfnis, die mit sehr wenigen Kontakten auskommen.
In der Umfrage hat sich gezeigt, dass fast jede zweite Person ihre Freundschaften aus der Kindheit oder Schulzeit hat. Sind Freundschaften also auch einfach Zufall?
Ich vermute, dass dieser Wert in der Schweiz höher ist als in anderen Ländern. Hier herrscht eine sehr hohe ökonomische Stabilität, das heisst, die Leute sind häufig nicht gezwungen, ihren Herkunftsort zu verlassen. Das führt zu stabilen Freundschaften. In einem Land wie Deutschland, wo du der Ausbildung oder des Berufs wegen auch mal 500 Kilometer weit wegziehen musst, siehst du die Leute aus deiner Schulzeit in späteren Lebensphasen häufiger nicht mehr.
Es gibt viele Videos auf Social Media, in denen Expats darüber sprechen, wie schwierig es ist, in der Schweiz Anschluss zu finden. Ist das eine Folge dieser stabilen Freundeskreise?
Ja. Wenn Menschen stabile Freundeskreise aus der Kindheit oder Jugend haben, sind sie häufig zufrieden mit der Menge ihrer Freundschaften und auch die Qualität der Freundschaften ist dann sehr hoch. Das bedeutet auch, dass da nicht wirklich Platz ist, wenn jemand von aussen neu dazukommt. Die Leute brauchen keine neuen Freunde. Das führt zu einem Paradox: Liberale Gesellschaften mit hohem Wohlstand wie die Schweiz wirken von aussen kalt, sind aber von innen sehr warm.
Sie sagen, wenn jemand wenig Freunde hat oder sich einsam fühlt, könnte das vielleicht also auch einfach unserem Wohlstand geschuldet sein?
Es gibt dieses Vorurteil, dass Menschen, die einsam sind, sozial inkompetent und selbst schuld sind. Das stimmt nicht – im Gegenteil. Einsame Menschen werden häufig sogar als empathischer beschrieben. Man muss auch auf die äusseren Umstände schauen: Wenn man als Kind zum Beispiel schlecht hört und niemand es bemerkt, kommt man vielleicht in keinen Freundeskreis hinein, baut sich kein Netzwerk auf und steht dann später vor einer Wand, weil alle anderen ja zufrieden sind. Wir wissen auch, dass Menschen, die oft Ablehnung erfahren, häufig gar nicht mehr versuchen, in Beziehungen zu gehen.
In romantischen Beziehungen sind Rituale, um die eigene Beziehung zu formalisieren, gang und gäbe. Warum gibt es das eigentlich nicht für Freundschaften?
Früher gab es öffentliche Rituale, die eine Freundschaft vor Publikum besiegelten. Zum Beispiel durch Schwüre, bei denen sich Männer Beistandschaft im Gewaltfall versprachen. Heute müssen sich Freunde aber kaum noch Schutz vor Gewalt bieten. Wir leben nicht mehr in Freund-Feind-Gesellschaften, sondern in Netzwerken. In modernen Gesellschaften ist das Gegenteil von Freundschaft darum nicht mehr Feindschaft, sondern Gleichgültigkeit. Deswegen braucht es diese Rituale auch nicht mehr.
Früher boten Freunde also Schutz vor Gewalt. Welche Rolle haben Freundinnen und Freunde in der heutigen Gesellschaft?
Freundschaften füllen eigentlich immer die Lücken des Systems: Sie decken die Bedürfnisse ab, die Staat oder Gesellschaft nicht abdecken. Ein Beispiel: In der frühen Neuzeit gab es kaum ein Sozialversicherungssystem, also sicherten sich Freunde gegenseitig finanziell ab. Heute fokussieren sich Freunde eher auf den emotionalen Bereich: Sie hören zu, wenn jemand Sorgen hat, unterstützen emotional, wenn jemand krank ist, geben Rat, Anerkennung oder stiften Sinn.
