«Wenn ich mich nicht melde, passiert nichts» – so ist es, keine engen Freunde zu haben
Die meisten Leute freuen sich aufs Wochenende. Luisa*, Tristan* und Martin* fürchten sich davor. Denn dann, wenn sich die Restaurants und Bars mit Menschen füllen, wenn abends draussen gegrillt wird, wenn sich in der Stadt, auf den Spazierwegen oder an Ausflugszielen Gruppen tummeln, fühlen sie sich besonders allein.
Obwohl sie auf den ersten Blick kaum etwas verbindet, haben sie alle etwas gemeinsam: Sie gehen ohne enge Freundinnen und Freunde durchs Leben.
Neun Prozent der Menschen in der Deutschschweiz haben keine engen Freundschaften, das hat die Umfrage von watson und Demoscope ergeben. Hinter dieser Zahl stehen Menschen wie Luisa, Tristan und Martin.
Gegenüber watson erzählen sie, womit sie hadern und was sie vom Alleinsein gelernt haben. Sie möchten dabei anonym bleiben.
«Wenn ich mich nicht melde, passiert nichts»
Luisa* (28): Zuerst kommt die Krankheit, dann die Einsamkeit
Luisa* spielt leidenschaftlich gerne. Escape-Rooms, Schnitzeljagden, Brettspiele. Doch oft fehlen ihr Menschen, die miträtseln. Nicht nur Mitspielerinnen, sondern echte Freundinnen und Freunde.
Luisa spricht vorsichtig, manchmal resigniert, doch schwingt auch ein entschlossener Ton mit, wenn sie erzählt. Etwa, wenn sie sagt:
In ihrer Kindheit und Jugend in der Ostschweiz und auch später am Gymnasium hatte Luisa immer Freundinnen um sich. Doch die Freundinnen zogen später in unterschiedliche Städte, gingen andere Wege, der Kontakt verlor sich. Wenn es heute noch zu einem Treffen kommt, ist es Luisa, die es initiiert.
Luisa selbst zog mit 20 Jahren fürs BWL-Studium nach Zürich, lebte in einer WG, hatte einen Freund. Sie fühlte sich wohl in der neuen Stadt, unternahm viel mit dem Freundeskreis ihres Freundes. «Dann haben wir uns getrennt», erzählt Luisa. Und Luisa blieb oft allein. In einem Tanzkurs freundete sie sich mit einer jungen Frau an, sie teilten dieselben Hobbys.
In ihrer WG fand Luisa nicht so recht Anschluss, im Studium kam sie in den grossen Vorlesungssälen nur selten ins Gespräch, danach kam Corona. Neben dem Studium deckte sich Luisa mit Arbeit ein: «Ich dachte mir: Was soll ich allein zu Hause? Dann gehe ich lieber arbeiten.»
Dann wurde Luisa krank, sie entwickelte eine starke Angststörung. Die Unternehmungen mit der Freundin vom Tanzkurs wurden weniger, diese besuchte Luisa manchmal noch zu Hause. Dann brach die Freundschaft auseinander. Eine andere Freundin zog in derselben Zeit ins Ausland. «Seitdem habe ich keine wirkliche Freundin mehr», sagt Luisa.
Luisa ging es in der Zeit darauf so schlecht, dass sie die Freundschaften kaum vermisste. Als es ihr langsam besser ging, merkte sie, dass etwas fehlte. Heute sagt sie:
Bei der Arbeit gründeten ihre Kolleginnen und Kollegen einen Gruppenchat, gingen gemeinsam wandern, assen zusammen zu Mittag. Luisa war auch im Gruppenchat, konnte wegen ihrer Krankheit aber nie mit. Sie hatte das Gefühl, den Anschluss verpasst zu haben.
Luisa suchte darauf den Kontakt zu alten Schulkolleginnen. Die Kontaktversuche bleiben meist einseitig. «Dass mich mal jemand fragt, etwas zu unternehmen, passiert quasi nie», sagt Luisa. «Wenn ich mich nicht melde, passiert nichts.»
Sie wünscht sich eine Person, die in den schwierigen Momenten für sie da ist – «jemand, der mich im Spital besuchen würde». Eine Person, die weiss, was im Leben der anderen passiert, sich meldet, da ist, um etwas zu unternehmen. Gleichzeitig weiss sie, dass Freundschaften auch bedeuten, sich die Sorgen und Probleme anderer anzuhören. Das kostet Kraft, und diese fehlt Luisa häufig.
«Ich habe mich daran gewöhnt, keine nahen Freunde zu haben», sagt sie. «Aber ich wünschte, es wäre anders.» Besonders schwierig ist es an Wochenenden oder an ihrem Geburtstag. «Ich muss immer schauen, dass ich jemanden finde, der etwas mit mir unternimmt», sagt sie. Manchmal zweifelt Luisa dann an sich selbst:
Kürzlich sagte jemand zu Luisa, wohl um Trost zu spenden: «Ich fühle mich manchmal auch einsam.» Luisa ärgert sich über diesen Vergleich. «Es ist schon normal, sich ab und zu einsam zu fühlen. Aber ich fühle mich vielleicht nur an einem Tag im Monat nicht einsam.»
Luisa hat den Eindruck, dass es gesellschaftlich auf wenig Verständnis stosse, wenn junge Menschen keine Freundinnen und Freunde haben: «Wenn man alt ist, kann man wenigstens sagen, dass alle gestorben sind. Wenn man jung ist, keine Kinder oder Verpflichtungen hat, können das die Leute kaum nachvollziehen.»
Die 28-Jährige besucht Spiele-Treffs, Kennenlern- oder Dating-Events, um neue Kontakte zu knüpfen. Wie sie kommen dort die meisten alleine. Doch nicht immer sind die Menschen im selben Alter und häufig muss Luisa auf Englisch Kontakte knüpfen. Denn: «Oft sind dort nur Expats.»
Trotzdem geht sie weiterhin hin, in der Hoffnung, dass sie Menschen trifft, mit denen sie künftig gemeinsam an den See fahren, ins Restaurant oder auf einen Ausflug in eine andere Stadt gehen kann. Dinge, die für andere eine Selbstverständlichkeit sind.
Luisa arbeitet mittlerweile Teilzeit, nachmittags besucht sie eine Tagesklinik. Bei der Arbeit hat sich nun etwas getan: Kürzlich hat sie zum ersten Mal mit ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen zu Mittag gegessen.
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
«Ich fühlte mich wie im freien Fall»
Tristan* (28): Umzug in die Schweiz – und plötzlich steht er allein da
Tristan* sitzt in einem grauen Hoodie, einer blauen Jeans und schwarzen Sneakern da. Er hat einen offenen Blick, wägt jedes Wort sorgfältig ab. Manchmal stockt er. «Ich rede so wenig, dass mir manchmal bestimmte Wörter nicht einfallen, weil ich sie so selten benutze», sagt er entschuldigend.
Zwar hat er sich mittlerweile daran gewöhnt, meist allein zu sein.
Tristan zog vor drei Jahren aus Deutschland in die Schweiz, weil er dort keine Perspektive für sich sah. Er begann eine Lehre im Industriebereich. Den Lehrabschluss vor Augen zu haben, gibt ihm Halt. «Ohne dieses Ziel wäre ich wohl schon längst zusammengebrochen.»
Das Ankommen in der Schweiz war schwer. Kurz nach seinem Umzug trennte sich seine damalige Freundin von ihm, seine Grosseltern erkrankten, und dann wurde Tristan selbst krank. Er hat eine Herzkrankheit, welche genau, versuchen die Ärztinnen und Ärzte noch immer herauszufinden. «Ich fühlte mich wie im freien Fall, weil ich ständig nur schlechte Nachrichten erhalten habe.»
Tristan fühlt sich in der Schweiz sehr allein, er hat kaum soziale Kontakte. In der Berufsschule sind die meisten jünger, in seinem Ausbildungsbetrieb älter. Wenn die anderen auf Schweizerdeutsch sprechen, kommt Tristan oft nicht mit. Wegen der vielen Arzttermine fehlt Tristan oft in der Schule und im Betrieb. Immer wieder bekommt er deswegen spitze Kommentare zu hören.
Er hat zwar einzelne Bekannte, zum Beispiel einen, mit dem er Pingpong spielt, oder einen Mitschüler, mit dem er sich gut versteht. Als Freunde bezeichnen würde er sie aber nicht. «Noch nicht», sagt Tristan.
Solche Menschen hatte Tristan in Deutschland in seinem Leben. Aufgrund der Distanz sieht er seine alten Freunde aber nur noch etwa einmal im Jahr. Wenn er sie trifft, merkt er, wie eine Last von ihm abfällt. Zwischen diesen Treffen finden aber kaum tiefere Gespräche am Telefon statt. Stattdessen schicken die Freunde ihm Reels auf Instagram. «Das ist leider nichts, was mir in meiner Situation hilft», sagt Tristan.
Als Tristan einmal die Angst wegen seiner Krankheit überkam, schickte er einem Freund eine Sprachnachricht und erzählte ihm von seinen Sorgen. Sechs Wochen ist das inzwischen her. «Ich habe immer noch nichts von ihm gehört.»
Unter der Woche hat Tristan kein Problem damit, allein zu sein. Dann ist er beschäftigt mit der Arbeit. «Die Einsamkeit kommt vor allem dann, wenn ich nichts zu tun habe.» Die Wochenenden verbringt er meist in seiner Wohnung. Tristan muss sich jedes Mal überwinden, wenn er das Haus verlässt.
Er kenne die Tipps, die Psychologinnen und Psychologen Menschen wie ihm geben würden: unter die Leute gehen. Doch das sei einfacher gesagt als getan. Das Alleinsein ist ihm zur Gewohnheit geworden.
Für Freizeitaktivitäten oder einen Verein fehlt ihm ausserdem das Geld. Sein Lehrlingslohn reicht gerade für eine kleine Wohnung und das, was er zum Leben braucht. Im ersten Lehrjahr konnte er sich kaum die Zugfahrt zur Berufsschule leisten.
Tristan bezeichnet sich selbst als «Geek». Er mag Mangas, Animes, programmiert eine eigene App. Er kennt seine negativen Bewältigungsstrategien. Früher habe er oft gekifft oder exzessiv gegamt. Das macht er heute nicht mehr. Dafür ertappt er sich manchmal dabei, wie er stundenlang auf Instagram scrollt, vor allem dann, wenn er sich einsam fühlt.
Im gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Einsamkeit wünscht sich Tristan mehr Offenheit, Verständnis und weniger Stigmatisierung:
Tristan ist in einem Jahr fertig mit der Lehre. Was passiert, wenn er sein Ziel erreicht hat? Ob er in der Schweiz bleibt, weiss er noch nicht. Vielleicht kehrt er zurück nach Deutschland, zu seinen alten Freunden. Vielleicht aber auch nicht.
Denn Tristan hat einen Traum, der zunächst paradox erscheint: Irgendwann möchte er sich in Neuseeland, Norwegen oder Alaska ein Grundstück kaufen und darauf eine Blockhütte bauen. «Ich habe gemerkt, dass ich kein Problem damit habe, allein zu sein, solange ich ein Ziel habe.» In der Natur hätte er immer etwas zu tun. «Da hat man gar keine Zeit, einsam zu sein.»
«Ich habe Kontakte, aber keine engen Freundschaften»
Martin* (81): Ein Rückkehrer sucht einen engen Freund
Martin* hat in seinem Leben schon einiges erlebt: Er heiratete, lebte in einer Kommune, reiste um die Welt, wanderte in die USA aus, heiratete ein zweites Mal, gründete eine Familie, hatte einen erfüllenden Job.
Der 81-Jährige hat einen wachen, neugierigen Blick, spricht mit klarer, fester Stimme, stellt immer wieder Fragen und Thesen auf. Zum Beispiel diese:
Vor sieben Jahren ist Martin aus dem Ausland in die Schweiz zurückgekehrt. Und ist seither auf der Suche nach einem engen Freund.
In den USA, wo er vierzig Jahre lang lebte, hatte er zwei davon. Mit ihnen konnte er über alles reden. Auch über Dinge, die er sonst mit niemandem teilte. «Es gab keine Geheimnisse», sagt Martin heute. Damals telefonierten die Freunde oft, sie besuchten sich gegenseitig. «Das war genug für mich.» Dann starben beide Freunde kurz nacheinander. Martins Kinder waren erwachsen, die Ehe am Ende, Martin verlor seinen Job. Er kehrte in die Schweiz zurück.
Dort suchte er Anschluss bei seinen alten Freunden und Freundinnen, traf sie, unternahm Ausflüge mit ihnen. Doch in den letzten vierzig Jahren hat sich viel verändert.
Viele in Martins altem Umfeld sind so eingebunden, dass wenig Platz für Neues ist:
Während sich andere am Ende ihres Lebens angelangt sehen, fühlt es sich für Martin wie ein Neuanfang an. «Ich kenne alte Leute, die sagen, dass sie vielleicht noch zwei oder drei Jahre leben werden. Das ist doch furchtbares Denken!» Martin sagt, dass es mit der modernen Medizin auch sein könne, dass er hundert Jahre alt werde, dann hätte er noch 19 Jahre zu leben. Das soll keine verlorene Zeit werden, findet Martin.
Und Martin hat als Rentner viel Zeit. Er ist aktiv, engagiert sich in verschiedenen Vereinen und Kunstprojekten. Dort trifft er immer wieder auf Menschen, mit denen er sich gut versteht.
Ein Mittagessen hier, ein Vereinstreffen da, ein Kaffee mit seinem Nachbarn dort. An sozialen Kontakten fehlt es Martin nicht. Doch ab einem gewissen Punkt stösst er immer wieder auf eine unsichtbare Wand. Er sagt: «Smalltalk, Spass und eine gute Zeit haben, das genügt vielen.» Ihm genügt es nicht.
Martin wünscht sich eine richtig tiefe Verbindung.
Der 81-Jährige fühlt sich oft einsam. Besonders am Wochenende, wenn er zu Hause ist und andere mit ihren Partnerinnen und Partnern oder mit ihren Familien Zeit verbringen. Seine eigenen Kinder leben im Ausland. Sie sehen sich alle paar Monate. «Das deprimiert mich schon», sagt Martin. Er versucht sich dann jeweils abzulenken, sich zu beschäftigen. «Aber es gibt einen Punkt, da hilft nichts mehr.» In diesen Momenten hätte er früher seine engen Freunde angerufen. Heute meditiert er.
Manchmal überlegt er sich, was passiert wäre, wenn er als junger Mann nicht ins Ausland gezogen, sondern in der Schweiz geblieben wäre. «Dann hätte ich jetzt wohl enge Freundschaften hier.» Trotzdem bereut er es nicht, ausgewandert zu sein. «Wenn ich nie weggegangen wäre, hätte mir etwas gefehlt.» Diesen Blick auf die Welt, der sich durch seine Zeit im Ausland eröffnet hat, würde er gegen nichts eintauschen wollen.
Sich selbst und all jenen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, rät Martin: «Gebt nicht auf!» Er ist sich sicher: Wirklich enge Freundschaften in der Schweiz brauchen viel Geduld. Martin ist hoffnungsvoll, dass aus den neuen Bekanntschaften bald engere Freundschaften werden.
(*Namen geändert)
