Weshalb unsere Fussballstadien die Festplätze der Zukunft sein könnten
Als der Innerschweizer Martin Grab vor 21 Jahren in Huttwil letztmals für einen Gästesieg an einem Berner Kantonalen sorgte, da waren gerade mal 3500 Zuschauende zugegen. Zwei Jahrzehnte später ist der Schwingsport längst in einer anderen Dimension gelandet. Wenn sich am Sonntag die gut 160 gemeldeten Athleten um den Festsieg und die Kränze balgen, dann tun sie das in einer Fussballarena. Das Berner Wankdorfstadion bietet die Bühne für das erste grosse Kräftemessen der besten Schwinger im Jahr 2026.
Von den Eidgenössischen Schwing- und Älplerfesten ist man sich Zuschauerzahlen jenseits der 50'000er-Marke längst gewohnt. Dass sich jedoch ausserhalb dieser alle drei Jahre stattfindenden Grossveranstaltung derart viel Publikum bei einem Schwingfest versammelt wie am Sonntag, zeigt, wie populär der Schweizer Nationalsport mittlerweile geworden ist, welch riesiges Interesse er generiert. Und damit aber auch Organisatoren an ihre Grenzen bringt.
Die Berner machten aus der Not eine Tugend und verfrachteten ihr Jubiläumsschwingfest zum 125-jährigen Bestehen des Kantonalverbands kurzerhand ins Wankdorfstadion. Man stellte ein Fest der Superlative auf die Beine, für welches im Vorverkauf knapp 27'000 Tickets abgesetzt wurden.
Perfekte Infrastruktur für alle Beteiligten
Die Vorteile eines solchen Stadion-Fests liegen auf der Hand: Die Infrastruktur ist bestehend, teure Auf- und Abbauten von mobilen Tribünen und ganzen Festarealen fallen weg. Ganz zu schweigen vom Komfort für die Zuschauer (gedeckte Tribünen), Athleten (Garderoben, Platz), die Veranstalter (Verpflegung, Sponsoren-Betreuung) und nicht zuletzt auch für die Live-Übertragung der TV-Sender (Technik).
Kommt dazu: Der Anlass wird von der Stadion-Betreibergesellschaft mitorganisiert und durchgeführt, weshalb auch die ganze Erfahrung und das Know-how im Zusammenhang mit dem Wankdorf für den Anlass genutzt werden kann.
Gehören Schwingfeste in Fussballstadien ab einer gewissen Grösse also in Zukunft zur Tagesordnung? Es zeichnet sich tatsächlich ein Trend ab: Im kommenden Jahr werden zwei weitere Feste in Fussball-Arenen ausgetragen: das Berner Oberländische in der Thuner Stockhorn-Arena und das Luzerner Kantonale in der Luzerner Thermoplan-Arena.
Der Eidgenössische Schwingerverband ESV lässt auf Nachfrage verlauten: «Wir stehen neuen Austragungsformen grundsätzlich offen gegenüber, sofern sämtliche sportlichen, organisatorischen und traditionellen Anforderungen erfüllt werden. Jeder Anlass wird individuell beurteilt. Im Vordergrund steht stets die Qualität des Schwingfestes und nicht die Art des Veranstaltungsortes.»
Die regionale Vielfalt als Stärke
Befürchtungen, wonach die traditionellen Schwingplätze in den – teils peripher gelegenen – Dörfern je länger, je mehr verloren gehen könnten, teilt man beim Verband nicht: «Wir sehen verschiedene Veranstaltungsformen als Ergänzung und nicht als Konkurrenz. Die grosse Mehrheit der Schwingfeste wird auch künftig auf traditionellen Festplätzen stattfinden. Diese regionale Vielfalt gehört zu den grossen Stärken des Schwingsports.» Der Schwingsport sei breit in der ganzen Schweiz verankert. «Der ESV, aber auch die Teil-, Kantonal- und Gauverbände legen grossen Wert darauf, dass diese Vielfalt erhalten bleibt.» Die zahlreichen kantonalen, regionalen und Teilverbandsfeste würden weiterhin das Fundament des Schwingens bilden.
Bleibt die Frage, wie ein «Fussball-Schwingfest» letztlich beim Publikum Anklang findet. Die Berner Organisatoren taten jedenfalls alles, um sämtliche Gewohnheiten ins Wankdorf zu transferieren. Sackmesser werden folglich im Stadion ebenso erlaubt sein wie Glasflaschen. Die Zuschauer dürfen ihre Rucksäcke mitbringen und somit auch ihre Znüniplättli sowie den eigenen Apéro-Wein.
Bei allem aufkommenden Gigantismus: Die eigene Seele lässt sich das Schwingen nicht so schnell rauben. «Unser Sport lebt sowohl von seinen langjährigen Anhängerinnen und Anhängern als auch davon, neue Menschen für den Sport zu begeistern. Beides schliesst sich nicht aus. Wichtig ist, dass die traditionellen Werte und der sportliche Kern jederzeit im Mittelpunkt bleiben», unterstreicht der ESV. (schweizheute.ch)
