Vom Lama zum Löwen – so ist ein 690-Franken-Seminar bei Patrick Fischer
Patrick Fischer schläft. Friedlich liegt er auf der Bühne des OYM in Cham – gekleidet in ein Lama-Kostüm.
Ein spezieller Anblick ist das zweifellos. Ein völlig unerwarteter vielleicht weniger. Es passt zu dem Bild, das Fischer von sich zeichnet: einer, der gerne Neues ausprobiert, einen unkonventionellen Weg einschlägt und den Mut dazu propagiert. An diesem Samstag tut er das vor rund 140 Menschen beim Tagesseminar «TimeOut», hinter dem Fischer gemeinsam mit seinem Bruder Marco und ihrem Team steht. Die Teilnahme kostet 690 Franken. Wo sonst Spitzensportler trainieren, sitzen Menschen aus unterschiedlichsten Berufen.
Zum Auftakt spielt Fischer Theater. Als Lama ist er die Hauptfigur eines Stücks über Zweifel und Veränderung. Neben ihm taucht ein Richter auf, der jene innere Stimme verkörpert, die einem erklärt, weshalb man etwas besser nicht tun sollte. «Wenn du dich öffnest, bist du verletzlich», steht auf einem Schild um Fischers Hals. Dann erscheint «Change» – die Veränderung –, gespielt von Fischers Frau Madeleine. Sie fordert das Lama auf, gross zu denken und seinem Herzen zu folgen. «Heute wird schwierig, aber ich gehe jetzt in den Tag hinaus», sagt es schliesslich, ohne sich auf die Veränderung einzulassen.
Die Erwartungen im Publikum sind unterschiedlich. Ein Teilnehmer erhofft sich Tipps für den Umgang mit Druck. Ein anderer sagt: «Ich bin einfach Fischer-Fan.»
Viele Wege führen zum gleichen Ziel
Erfahrung hat Fischer reichlich. 2013 gewann er als Nati-Assistenztrainer WM-Silber, als Cheftrainer führte er die Schweiz 2018, 2024 und 2025 in den WM-Final. Nach der Affäre um sein gefälschtes Covid-Zertifikat musste er seinen Posten räumen. Nun richtet er sich mit «TimeOut» an Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die Impulse sollen ihnen im Beruf, im Alltag und in Beziehungen helfen.
So gross findet Fischer den Unterschied jedoch nicht. «Für mich machen eigentlich alle Spitzensport», sagte er im Sommer gegenüber dieser Zeitung. Was lässt sich also aus seinen Erfahrungen im Spitzensport auf das alltägliche Leben übertragen?
Mit Fischer arbeiten unter anderem die weiterhin für die Nati tätigen Benoît Pont und Stefan Schwitter sowie Alain Steim und Fischers Bruder Marco. Die Themen reichen von Energie über Profiling bis Leadership. So wechseln sich komplexe Theorien, einfache Übungen und persönliche Geschichten ab. Wie breit das Spektrum ist, zeigt sich schnell.
Ein Tag zwischen Theorie und persönlichen Geschichten
Steim spricht über Zellvorgänge, Energie und Aktionspotenziale. Bei Pont geht es um Profiling. Der ehemalige Eishockeyprofi und Sportwissenschaftler versucht anhand von Bewegungsmustern, körperliche und mentale Präferenzen zu erkennen. Wie unterschiedlich Menschen funktionieren, demonstriert er mit einer simplen Übung: Arme verschränken – und dann andersherum. Was eben noch automatisch ging, erfordert plötzlich Konzentration. «Es gibt nicht richtig und falsch», sagt Pont.
Bei Schwitter geht es wiederum darum, die ganze Aufmerksamkeit auf den Moment zu richten. Dabei gehe es weder um positives Denken noch um Motivationssprüche, sondern darum, nicht ständig zu bewerten oder zu analysieren, sondern wahrzunehmen und anzunehmen, was gerade ist.
«Uns ist bewusst, dass das Programm sehr breit ist», sagt Fischer am Tag danach. Nach der ersten Durchführung wolle man prüfen, ob künftig Teile gekürzt oder anders gestaltet werden sollen.
Als Arno Del Curto mit dem jungen Fischer um die Häuser zog
Vieles dreht sich um Vertrauen, Verantwortung und darum, wie man anderen Menschen begegnet. Für sich genommen können solche Aussagen nach bekannten Lebensweisheiten klingen. Was Fischer damit meint, wird klarer, wenn er erzählt, wie er selbst zu diesen Überzeugungen kam.
Als junger Spieler hat Fischer an einer U20-WM in Frankreich eine schwierige Phase durchgemacht. Eines Abends wollte er sich in den Ausgang schleichen. Arno Del Curto erwischte ihn und schickte ihn zurück ins Zimmer. Danach rief der Trainer Fischers Vater an und erfuhr, dass sich Fischer in einer schwierigen Situation befand. Später klopfte Del Curto an Fischers Hotelzimmertür – und ging mit ihm in den Ausgang.
Am nächsten Tag spielte die Schweiz gegen Österreich. Del Curto fragte Fischer, ob er spielen könne. Er sagte Ja. Vor dem Spiel erklärte der Trainer: «Wir müssen Vollgas geben, damit Fischer nach dem ersten Drittel schlafen gehen kann.» Nach 20 Minuten führte die Schweiz 4:0 – Fischer durfte tatsächlich zurück ins Hotel. «Er hat verstanden, geholfen und Wort gehalten», erinnert sich Fischer. «Für so einen Coach macht man alles.»
Den Menschen hinter seiner Rolle sehen
Nur: Wie lässt sich eine derart enge Beziehung auf einen gewöhnlichen Arbeitsplatz übertragen? Nicht jeder Chef kennt seine Mitarbeitenden so persönlich. Und längst nicht jeder möchte das.
«Es geht um einfache Werte: dass man einander zuhört, den Menschen dahinter versteht, sich gegenseitig sieht und Vertrauen aufbaut», sagt Fischer. Das müsse nicht in derselben Intensität geschehen. «Jeder Mensch will gesehen werden.» Manchmal könne das schon bedeuten, jemandem zu sagen: «Cool, dass du diese Rolle einnimmst.» Oder schlicht einmal Danke.
Einfacher wird der Transfer vom Eisfeld ins Büro bei einer anderen Geschichte. Vor einer WM kamen drei Torhüter infrage, die Nummer eins stand aber noch nicht fest. Fischer konnte den Spielern ihre Rollen noch nicht zuteilen – wohl aber klar kommunizieren, was sie erwarten würde: Einer werde ungefähr sieben Spiele bestreiten, einer drei, der dritte möglicherweise nur Ersatz sein. Ebenso Ergänzungsspielern, die womöglich nie aufs Eis kommen, müsse klar sein, was von ihnen erwartet werde. Im Büro ist die Situation eine andere, das Prinzip dasselbe: Nicht jeder kann die wichtigste Rolle haben. Aber jeder möchte wissen, welche Rolle er hat. «Es gibt wahrscheinlich kaum etwas, das so mühsam ist, wie wenn man nicht weiss, was von einem erwartet wird», sagt Fischer.
Warum Fischers Erfahrung mehr überzeugt, als manche Theorie
Fischer spricht an diesem Tag auch von «goldenen Lehrern»: schwierigen Erfahrungen, aus denen sich etwas lernen lasse. Seine Knieverletzung mit 25 bezeichnet er als einen solchen. War auch die Affäre um sein gefälschtes Covid-Zertifikat ein «goldener Lehrer»?
«Auf jeden Fall», sagt Fischer. Damals sei vieles zusammengekommen. Ohne die Resilienz, die er sich über die Jahre angeeignet habe, hätte er mit dieser schwierigen Phase kaum so umgehen können. «Wenn jemand mit meinen Erfahrungen über Resilienz spricht, dann wissen die Leute, dass ich weiss, wovon ich spreche», sagt Fischer.
Was aber soll von all den Geschichten, Modellen und Übungen bei den Teilnehmenden hängen bleiben? Fischer nennt keine Atemtechnik und keine theoretische Führungsmethode. Ihm sei besonders wichtig, dass die Menschen den Mut mitnehmen, Dinge anders zu sehen, andere Wege zu erkennen und den Glauben an die eigenen Möglichkeiten zu bewahren.
Am Ende dieses langen Tages habe ich vieles gehört und gelernt. Nicht jede Theorie und nicht jedes Modell werde ich mit nach Hause nehmen. Hängen bleibt mir vor allem der Gedanke, wie schnell man sich selbst Grenzen setzt und bei dem bleibt, was man kennt.
Was Fischer an diesem Tag über den Glauben an die eigenen Möglichkeiten erzählt, hat er als Nationaltrainer selbst gezeigt. Noch vor 15 Jahren konnte die Schweizer Nati mit einem WM‑Viertelfinale zufrieden sein. Unter Fischer veränderte sich das Selbstverständnis: Aus einer Mannschaft, die die grossen Eishockeynationen ärgern wollte, wurde eine, die selbst zu ihnen gehören will. Heute fährt die Schweiz mit dem Anspruch an eine WM, um die Medaillen zu spielen.
Das heisst nicht, dass alles möglich ist, wenn man nur fest genug daran glaubt. Aber manchmal weiss man erst, was möglich ist, wenn man es versucht. Den ersten Schritt machen, bei Widerstand nicht gleich umkehren und sich auch den nächsten zutrauen – gerade dann, wenn man noch nicht weiss, wohin er führt. Ein Gedanke, an den sich wahrscheinlich nicht nur ich hin und wieder erinnern sollte.
Am Ende führt dieser Gedanke zurück zum Lama, das am Morgen noch schlafend auf der Bühne lag. Zunächst bleibt es bei dem, was es kennt, gebremst von seinem inneren Richter. Im Verlauf des Tages findet es zurück zu seinem Herzen, lässt sich auf die Veränderung ein und beginnt aufzublühen. Am Ende folgt die Verwandlung: Fischer tritt mit einer Löwenmaske auf die Bühne, «Eye of the Tiger» dröhnt aus den Boxen. Aus dem zögernden Lama ist ein Löwe geworden, der Kraft ausstrahlt. (schweizheute.ch)
