Erst waren sie leer, jetzt übervoll: Trotzdem beschäftigt die Public Viewings ein Problem
Der Start verlief harzig. Die Umsätze lagen deutlich unter den Erwartungen. Einige Veranstalter fragten sich bereits, ob sich die Investitionen in die Infrastruktur und das Personal lohnen werden.
Der überladene Spielplan der WM half den Public Viewings nicht. Wer will Haiti gegen Schottland oder Australien gegen Paraguay auf einer Grossleinwand sehen? Es gab in der Vorrunde reizvollere Spiele, die aber in Europa mitten in der Nacht liefen – und darum für Public Viewings nicht geeignet waren.
Die meisten Veranstalter sahen von einem Vollprogramm ab und zeigten Spiele der Schweizer Nationalmannschaft und einiger Favoriten wie Spanien und Frankreich. Der erste Match der Schweiz endete mit einem Dämpfer, dem späten Ausgleich der Katarer.
Eventhalle muss 700 Personen abweisen
Ein frühes Ausscheiden der Nati wäre verheerend gewesen für die Public Viewings. Eine Woche nach dem Start der WM gewann die Schweiz aber klar gegen Bosnien und Herzegowina. Von da an wuchs das Interesse.
Die Veranstalter registrierten steigende Besucherzahlen. Der Durchbruch kam an einem Freitagmorgen um 5 Uhr. Die Maag-Halle in Zürich musste 700 Menschen abweisen, die das Spiel der Schweiz gegen Algerien sehen wollten. In der vollen Halle waren bereits 1700 Personen. Das trockene Wetter kam auch den Übertragungen unter freiem Himmel entgegen.
Steht die Schweiz in der K.-o-Phase einer Fussball-WM, spielt die Anspielzeit keine Rolle mehr. Die Besucher kommen in Scharen. Einige Organisatoren hatten daran gezweifelt – und freuen sich nun über die hohen Umsätze.
Ein Veranstalter bezeichnet es als Geschenk, dass die Schweiz eine weitere Runde überstanden habe. Nun richtet man im ganzen Land gross an: Am Samstagabend um 23 Uhr zeigen viele Public Viewings die Begegnung zwischen England und Norwegen. Das Spiel interessiert Fussballfans allein schon wegen der beiden Torjäger Harry Kane und Erling Haaland.
Um 3 Uhr am Sonntagmorgen trifft die Schweiz dann auf Argentinien. Schon jetzt ist klar: Die Kapazität mancher Veranstaltungsorte wird nicht ausreichen, um alle Interessierte aufzunehmen.
Die Jungen von heute nippen am Hahnenwasser
Drei Faktoren schmälern aber die Umsätze der Veranstalter: Erstens bieten viele von ihnen zusätzliches Sicherheitspersonal auf. Wenn die Zahl der Besucher hoch ist, sind meistens welche unter ihnen, die sich danebenbenehmen. Zudem versuchten in den vergangenen Tagen mehrfach Personen, in bereits ausgebuchte Veranstaltungen zu gelangen. Die Sicherheitsfachleute sollen solche Vorfälle verhindern.
Zweitens erhalten die Angestellten der Public Viewings in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag Zuschläge, was die Personalkosten erhöht. Drittens sind die Jungen weniger trinkfreudig als frühere Generationen.
Ein Veranstalter sagt, rund die Hälfte der Jugendlichen verzichte vollständig auf Alkohol. Viele bestellten zudem kein Mineralwasser, sondern Hahnenwasser. Das wirke sich auf die Einnahmen aus. «Noch vor 15 Jahren war der Getränkeumsatz deutlich höher, wenn viele junge Menschen eine Veranstaltung besuchten.»
Sollte die Schweiz am Sonntagmorgen Lionel Messi aus dem Turnier verabschieden, verleitet das den einen oder anderen Besucher vielleicht doch zum Konsum eines alkoholfreien Bieres. Der Erfolg der Nati trägt am Ende auch die Public Viewings. (schweizheute.ch)

