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Idyllisch – Toggenburg mit den Churfirsten. bild: sandra ardizzone

Traumatisiert im Toggenburg: So sieht das «Asylchaos» in Toni Brunners Heimat aus

Am liebsten spricht SVP-Präsident Toni Brunner im Wahlkampf vom «Asylchaos». Woher stammt dieser Eindruck? Aus seiner Heimat? Ein Augenschein.

Daniel Fuchs, Sandra Ardizzone, Ebnat-Kappel / Aargauer Zeitung



Ein Artikel der

Toni Brunners «Haus der Freiheit», der Landgasthof Sonne, hat Betriebsferien. Regelmässig bittet Bergbauer Brunner hier zur Audienz. Wie letzthin im August, als er in der aufgeräumten Toggenburger Landschaft über sein Lieblingsthema referierte: das Asylchaos.

Beim Begriff Asylchaos denken wir zuallererst an die Fernsehbilder: Wie die Flüchtlinge in Mazedonien im Regen stehen. Wie sie am Grenzzaun der Ungarn hängen bleiben. Wie sie am Hauptbahnhof von Budapest auf dem Boden schlafen. Toni Brunner denkt bei Asylchaos an die Schweiz und an die Justizministerin Simonetta Sommaruga, die es aus seiner Sicht verursacht hat.

Und doch: Ganz vor der europäischen Flüchtlingskrise schirmen die Churfirsten das Toggenburg nicht ab. Die Flüchtlinge im Kanton St.Gallen werden den Gemeinden gemäss einem bestimmten Schema zugeteilt. Toni Brunners Wohngemeinde Ebnat-Kappel beherbergt 30. Das sind sechs Flüchtlinge auf 1000 Bewohner im 5000-Seelen-Dorf. Der bekannte Basler Integrationsexperte Thomas Kessler sagte im Interview mit der «Nordwestschweiz», die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt klappe in kleinen Gemeinden besser, als in grösseren.

Was also liegt näher, als die Suche nach dem «Asylchaos» im ländlichen Toggenburg?

Traumatisiert im Toggenburg

Die Familie des 37-jährigen Jamal Mahmud hat uns spontan zum Mittagessen eingeladen. Er und seine Frau Naza Kerim haben drei Töchter. Sie sind irakische Kurden und leben seit 2007 in Ebnat-Kappel. Die 34-jährige Frau kocht Reis und Hackfleisch, garniert mit Rosinen. Dazu gibt es Zucchini-Suppe.

Die Wohnung ist einfach eingerichtet, aber gemütlich. Wie bei den meisten Flüchtlingen sichert die Sozialhilfe den Lebensunterhalt. Die Frau ist kriegstraumatisiert und deshalb arbeitsunfähig. Sie besucht in St.Gallen eine Therapie. Seit Jahren schon. Im Irak hat sie niemanden mehr. Der Krieg hat die ganze Familie ausgelöscht. Jamal Mahmud hat noch Verwandte im Nordirak. Er fragt: «Was will ich zurück? Meine Frau hat dort niemanden mehr und ist krank. Unser Leben ist hier.»

In Ebnat-Kappel fühlt sich die Familie wohl. Die 9-jährige Tochter Sozi kommt zum Mittagessen. Stolz präsentiert sie die Note einer Lernkontrolle in Mathematik: «Schau, Baba, eine -6.» Mahmud scheint nicht ganz zu verstehen. Seine Deutschkenntnisse sind bruchstückhaft. Seine Frau findet sich besser auf Deutsch zurecht. Sie ist froh, hat ihr Mann endlich eine Arbeitsstelle gefunden. Bei der Brockenstube des Blauen Kreuzes im Nachbarsdorf Wattwil. Auch wenn es nur drei Tage pro Woche sind. «Mein Mann muss sich den Tag über beschäftigen», sagt Naza Kerim.

Bei einem Ehepaar aus dem Irak ist das nicht anders als bei einem Paar aus der Schweiz: Sitzen beide nur zu Hause rum, gehen sie einander bald auf die Nerven. Bei Mahmuds geht es aber nicht nur um den Hausfrieden. Leute, die arbeiteten, seien auf dem Arbeitsmarkt überhaupt erst vermittelbar, sagte Integrationsexperte Kessler im Interview.

Der Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel, Christian Spoerlé, hält Beschäftigung ebenfalls für sinnvoll. Einfach sei es aber nicht. Beschäftigungsprogramme für Flüchtlinge dürften das lokale Gewerbe nicht konkurrenzieren, sagt der SVP-Politiker, der uns zu Mahmuds begleitet hat.

Mahmuds sind nur vorläufig aufgenommen und haben Aufenthaltsstatus F. In Ebnat-Kappel fühlen sie sich wohl. «Hier will ich nicht weg», sagt Naza Kerim. Das Leben der Mahmuds läuft nach ihrer Flucht aus dem Irak in immer geregelteren Bahnen. Sie hoffen, es dereinst aus der Abhängigkeit der Sozialhilfe zu schaffen. Von Asylchaos mögen weder Mahmuds noch der SVP-Gemeindepräsident Christian Spoerlé reden. Das einzige Chaos richtet an diesem Tag die 1½-jährige Larin an, die das Essen mit Löffel und Gabel noch nicht ganz im Griff hat.

Deutsch für die Abgewiesenen

Mahmuds haben Zugang zu Integrationskursen, Therapie, Beschäftigung und Sozialhilfe. Ihre Kinder gehen zur Schule und in den Kindergarten. Wie aber geht es den Asylbewerbern im Toggenburg, die nicht bleiben dürfen?

Die Zivilgesellschaft funktioniert nicht nur in München oder Wien, wo dieser Tage Freiwillige die Flüchtlinge mit Essen, Wasser, Kleidung und Matratzen unterstützen. Im Toggenburg kümmern sich Freiwillige um Flüchtlinge, die keine Angebote haben. Hort des freiwilligen Engagements ist in Ebnat-Kappel an diesem Nachmittag wie so oft eine Kirche. Diejenige der Freikirche Chrischona. Der Glaube spielt nur eine untergeordnete Rolle, wie uns die Hausherrin Anne-Catherine Kalt versichert. «Wir wollen hier nicht missionieren, sondern haben erkannt, dass es ein solches Angebot braucht», sagt sie. Im Garten unterhält sie eine Art Kinderkrippe. Schüler mit Kindern können diese hier abgeben, während sie den Deutschunterricht besuchen.

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Anne-Catherine Kalt von der Freikirche Chrischona erteilt Asylbewerbern Deutsch-Unterricht. bild: sandra ardizzone

Zwei Klassen werden unterrichtet. Vreni Hofer kümmert sich um die Fortgeschrittenen. Es geht um die mündliche Verständigung. Die Schüler sollen Warum-Fragen formulieren und diese ihren Kollegen stellen. Eine Tibeterin fragt den jungen Mann aus der Elfenbeinküste: «Warum hast du Hunger?» «Weil ich nichts gegessen habe», antwortet dieser. Ein anderer antwortet: «Weil ich kein Geld habe.»

Es sind existenzielle Fragen, die die Flüchtlinge beschäftigen. Sie, die sich nur das Allernötigste leisten können, dank der Nothilfe vom Staat. Die Trägerorganisation des Freiwilligenunterrichts bezahlt die Billettkosten, damit auch diejenigen nach Ebnat-Kappel anreisen können, die sich die Zugbillette nicht leisten können.

«Migranten, die ohne einen Erfolg vorzuweisen in ihre Heimat zurückkehren müssen, werden sich eher gegen eine Rückreise wehren», sagte der Integrationsexperte Kessler in dieser Zeitung. Vreni Hofer, die den Migranten Deutsch beibringt, geht es um noch etwas anderes: «Sie sollen unser Land auch von einer positiven Seite erleben.» (aargauerzeitung.ch)

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