Wenn Therapeutinnen falsche Missbrauchserinnerungen einimpfen, wird es dramatisch
Einbildungen führen uns oft in die Irre und können fatale Folgen haben. Wer von einer Idee oder einem Gedanken beseelt ist, lässt sich nur selten davon abbringen. Egal, wie absurd die Vorstellung daherkommt.
Ein Beispiel: Man benötigt eine gehörige Portion Einbildungskraft, um überzeugt zu sein, dass die Erde flach sei. Manche bilden sich sogar ein, unser Planet sei hohl, und in ihm hausten Reptiloide. Das sind angeblich ausserirdische Echsenwesen, die uns manipulieren würden.
Weder plausible Argumente noch wissenschaftliche Erkenntnisse bringen Flacherdler von ihren Wahnvorstellungen ab.
Einbildungen können auch im zwischenmenschlichen Bereich dramatische Auswirkungen haben. Ein klassisches Beispiel ist das Phänomen von «false memory», von falschen oder eingebildeten Erinnerungen. Wo false memory lauert, kommt meist noch die Verschwörungstheorie um die Ecke, was das Problem potenziert.
Diese Erfahrung musste Petra Peier (Name geändert) mit ihrer Tochter Nadia (Name geändert) machen. Ihre schmerzliche Geschichte bewog die Mutter, die Beratungsstelle «False Memory Schweiz» zu gründen. Um das Familiendrama nicht weiter anzuheizen, will sie anonym bleiben.
Petra Peier hatte eine innige Beziehung zu ihrer Tochter, die mit psychischen Belastungen kämpft und seit Jahren therapeutisch betreut wird.
Der Leidensweg von Petra Peier und ihrer Tochter begann 2020, nachdem ihre Tochter zu einer Traumatherapeutin gewechselt hatte. Die Mutter hatte bei der Betreuerin kein gutes Gefühl. Die Therapeutin wollte bei einem Beratungsgespräch von ihr wissen, ob in der Kindheit ihrer Tochter schlimme Ereignisse passiert seien. Petra Peier verneinte die Fragen, doch die Therapeutin liess nicht locker und stocherte unnachgiebig in der Kindheit von Nadia herum. Sie habe sich an den Pranger gestellt gefühlt, erklärt die Mutter.
Es kam zur schleichenden Entfremdung. Die Kontakte wurden seltener, die Tochter machte sich rar. Im Herbst 2021 verbrachte sie auf Empfehlung ihrer Therapeutin längere Zeit in der Traumaklinik Littenheid. Eine umstrittene Einrichtung, wie sich noch zeigen wird. Die Bitte für ein Gespräch wurde von der Therapeutin abgelehnt.
Petra Peiers Bemühungen, ihre Tochter zu treffen, verliefen meist im Sand. 2022 kam es lediglich noch zu zwei Begegnungen in Restaurants. Dabei stellte die Mutter fest, dass ihre Tochter neu unter Verfolgungsängsten litt. Beim raren Email-Kontakt ging es meist nur um Geldfragen.
Im gleichen Jahr brach Nadia den Kontakt zur gesamten Familie abrupt ab, was sie schriftlich kundtat. Der Brief erschien ihrer Mutter wie diktiert. Ihre Tochter reagierte nicht mehr auf Emails, löschte alle Kontakte und nahm keine Anrufe mehr entgegen.
Dann eskalierte die Situation vollends. Der Anwalt von Nadia forderte von Petra Peier ein Kontaktverbot. Es folgte eine Strafanzeige wegen Nötigung. Ihre Mutter wurde zu einer polizeilichen Einvernahme vorgeladen. Der Vorwurf: Sie habe ihre Tochter als Kind manipuliert.
Petra Peier fiel aus allen Wolken. Es sei ihr ein grosses Anliegen gewesen, ihre Kinder zu selbstständigen Menschen zu erziehen, sagt sie. Weiter warf ihr Nadia vor, sie bedroht und gestalkt zu haben. Beides weist die Mutter weit von sich.
Petra Peier ist heute überzeugt, dass ihre Tochter durch suggestive Beeinflussung durch ihre Therapeutinnen manipuliert worden ist. «Sie wurde vollgestopft mit falschen Erinnerungen in ihrer Kindheit», ist Petra Peier sicher. Es gehe so weit, dass ihre Tochter heute Angst vor ihr habe.
Was für angeblich dramatische Erinnerungen bei ihrer Tochter während der Therapien geweckt oder eingeimpft wurden, weiss Petra Peier nicht. Ähnliche Fälle in der Klinik Meiringen und mehrerer Traumatherapeutinnen lassen aber erahnen, in welche Richtung sie gegangen sein könnten.
Aufgedeckt haben solche eklatanten Therapiemissbräuche der SRF-Kanal "rec.-Reportage" und die Rundschau vor rund drei Jahren. Die Journalistinnen und Journalisten wiesen unter anderem nach, dass Ärzte und Therapeutinnen ihren Patientinnen ohne Anhaltspunkte weismachten, sie seien Opfer satanistischer Rituale geworden. Sie erklärten den ahnungslosen Frauen, sie hätten die Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse «gelöscht» oder verdrängt.
Einzelnen Patieninnen wurde sogar eingeredet, sie stünden in der Gewalt von Satanisten und würden bei rituellen Sessions unfreiwillig Babys aufschlitzen, ihnen das Herz aus der Brust reissen und ihr Blut trinken.
Besonders dramatisch war der Fall einer jungen, psychisch belasteten Frau. Ihr wurde weisgemacht, ihre Familie und ihr Umfeld gehörten einer Satanssekte an.
Um sie vor weiteren angeblichen Ritualen zu schützen, trackte die Therapeutin ihre Patientin permanent in Echtzeit. Sie hoffte offenbar, dabei auch die Tatorte der Satanisten ausfindig machen zu können. Der Chatverlauf zwischen den beiden umfasste über 5.000 Nachrichten.
Bei ihrer therapeutischen Odyssee landete die junge Frau in der Privatklinik Meiringen. Die zuständigen Psychiater und Therapeutinnen glaubten ebenfalls, ihre Patientin sei durch satanistische Rituale traumatisiert worden. In einem psychiatrischen Gutachten der Klinik steht, in der satanistischen Sekte hätten auch sodomistische Rituale stattgefunden.
Wörtlich: «Für die Penetration durch ein Pferd wird sie auf einem Tisch platziert.» Eine hirnrissige Geschichte der Therapeutinnen.
Diese erwogen, die junge Patientin für mehrere Jahre nach Südafrika zu schicken, um sie dem Einflussbereich der Täter zu entziehen.
Doch die Patientin geriet vom Regen in die Traufe. Die KESB brachte sie in der Psychiatrischen Klinik Münsingen unter, wo sie drei Wochen lang nachts auf einer Pritsche zwangsfixiert wurde. Die Begründung der Ärzte: Die Patientin sei suizidgefährdet. Kein Wunder, dass sie sich bei der unmenschlichen Tortur den Tod herbeisehnte.
Die Solothurner Staatsanwaltschaft und die Polizei ermittelten wochenlang in diesem Fall. Sie führten Hausdurchsuchungen durch, konfiszierten Handys, observierten die junge Frau und überwachten ihr Telefon. Die Untersuchungen verliefen im Sand, die Beamten konnten nicht die geringsten Hinweise auf einen satanistischen Einfluss oder eine Sekte beibringen.
Die Klinikleitung musste nach Untersuchungen eingestehen, dass bei mehreren Fällen «verschwörungstheoretische Ideen eine Rolle spielten».
Die fehlbaren Therapeutinnen wurden entlassen. Ähnliche Vorfälle gab es auch in der Psychiatrischen Klinik Littenheid. Ein weiterer Hinweis, dass das Phänomen der falschen Erinnerungen im therapeutischen und psychiatrischen Umfeld recht weitverbreitet ist.
Es ist nicht nachzuvollziehen, wie Fachleute auf die Idee von satanistischen Sekten kommen, die angeblich Babys ermorden. Das sind reine Einbildungen der Therapeutinnen. In der Schweiz ist kein einziger Fall von systematischer ritueller Gewalt bekannt.
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