«Beschämend!»: Mutter von Brandopfer kritisiert Féraud an Gemeindeversammlung
«Der traditionelle Apéro nach der Versammlung findet heute Abend nicht statt.» Mit diesen Worten eröffnete Gemeindepräsident Nicolas Féraud am Dienstag die Gemeindeversammlung von Crans-Montana. Fünfeinhalb Monate nach dem Brand im Constellation stellte er sich erstmals öffentlich den Fragen der Bevölkerung.
Im Mehrzwecksaal von Les Martelles in Chermignon-d'en-Bas nahm Féraud mit ernster Miene hinter dem Tisch der Behörden Platz. Unter den Anwesenden befand sich auch Laetitia Brodard. Ihr Sohn Arthur kam beim Brand im Constellation ums Leben.
Mit leicht zitternder Stimme richtete Féraud eine Entschuldigung an die Opfer und ihre Angehörigen für «diesen unermesslichen Schmerz». Anschliessend folgte eine Schweigeminute. Die Anwesenden wurden gebeten, aufzustehen. Nicht alle kamen dieser Aufforderung nach. Brodard dankte später jenen, die sich erhoben hatten.
«Nach der Zeit des Notfalls kommt die Zeit des Erinnerns und der Lehren», sagte Sébastien Rey, Leiter des Krisenstabs. Nun gehe es darum, die Sicherheit zu stärken und die Strukturen der Gemeinde weiterzuentwickeln. Patrick Clivaz, der für Sicherheit zuständige Gemeinderat, kündigte an, seit Januar seien bereits 56 Kontrollen von öffentlichen Betrieben durchgeführt worden. Bis Ende Jahr sollen sämtliche Einrichtungen überprüft sein.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Danach ergriff Féraud das Wort. Crans-Montana sei eine junge Gemeinde, die 2027 ihr zehnjähriges Bestehen feiere. Gleichzeitig sei sie eine «bedeutende, exponierte, touristische und komplexe Gemeinde», die immer anspruchsvollere Entscheidungen treffen müsse.
Während der Ausführungen des Gemeindepräsidenten stand Brodard auf und verliess den Saal. Féraud sprach derweil von seinem Ziel, Crans-Montana zu einer «leistungsfähigeren und widerstandsfähigeren Gemeinde im Dienst ihrer Einwohner» zu machen.
Kritik an Rettungskräften und Gemeindeführung
Die Fragerunde verlief konfrontativ. Mehrere Einwohner kritisierten die Organisation der Rettungskräfte in der Brandnacht. Auch die Auswahl und Führung der Verantwortlichen wurden hinterfragt. Von gravierenden Mängeln war die Rede. Eine Stimme aus dem Publikum forderte die Schaffung einer unabhängigen Personalabteilung mit klaren Regeln und ohne Begünstigungen.
Im Saal war die Anspannung spürbar. Gleichzeitig beschäftigten viele die möglichen finanziellen Folgen der Tragödie. Befürchtungen über steigende Steuern oder eine stärkere Kontrolle durch den Kanton standen im Raum.
Andere Redner mahnten zur Geschlossenheit. «Unsere Priorität darf nicht die Spaltung sein. Unsere Priorität müssen die Opfer sein», sagte ein Teilnehmer.
Zur finanziellen Situation äusserte sich Féraud klar. «Unsere Zukunft ist für die nächsten 10 bis 15 Jahre nicht gefährdet. Wir werden die Steuern nicht erhöhen.»
«Das Vertrauen ist verloren»
Besonders aufmerksam verfolgte die Versammlung die Diskussion über die Führung der Gemeinde. Féraud räumte ein, dass die Ereignisse tiefe Spuren hinterlassen hätten. «Das Vertrauen ist verloren», sagte er. Nun brauche es Taten statt Worte. Die Gemeindestrukturen würden überprüft und vereinfacht.
Ein Einwohner stellte daraufhin eine der zentralen Fragen des Abends: Ob jemand die Funktion des Gemeindepräsidenten noch uneingeschränkt ausüben könne, wenn er gleichzeitig in einem Strafprozess seine eigene Verteidigung führen müsse. Auch die Frage nach einem Rücktritt wurde offen angesprochen.
Féraud erklärte, er habe sich diese Frage im Kreis seiner Familie und für sich selbst gestellt – und tue dies noch immer. Ein Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt würde seiner Ansicht nach jedoch ein institutionelles Vakuum schaffen und die Gemeinde zusätzlich schwächen. Deshalb bleibe er im Amt, um Verantwortung zu übernehmen.
Zum Abschluss appellierte er an Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Die Tragödie solle nicht als lähmende Wunde in Erinnerung bleiben, sondern als Ausgangspunkt für notwendige Veränderungen.
Dann fügte er leise hinzu: «Vor dem 1. Januar war alles so viel einfacher.»
Mutter von Opfer versuchte, «so laut wie möglich zu schreien»
Dieser Satz brachte Laetitia Brodard aus der Fassung. Ein lautes «Beschämend!» durchbrach die Stille im Saal.
Später erklärte sie vor dem Gebäude, sie sei an diesem Tag zum ersten Mal seit der Tragödie nach Crans-Montana zurückgekehrt. «Ich lerne, mit der Amputation meines halben Herzens zu überleben», sagte sie. Weil sie noch ein weiteres Kind habe, versuche sie, stark zu bleiben. Für ihn stehe sie morgens auf und gehe abends schlafen.
Die Aussagen des Gemeindepräsidenten über seine Verantwortung und die Folgen eines Rücktritts seien für sie «unerträglich» anzuhören gewesen. Sie habe deshalb versucht, «so laut wie möglich zu schreien».
Vor dem Eingang zum Saal steht eine Absperrung. Darauf sind die Gesichter und Vornamen von 17 der 41 Opfer zu sehen. Laetitia Brodard stellte sich dorthin und sprach jede Person an, die den Saal verliess:
Ob sie sich manchmal noch für etwas begeistern könne, wollten wir von der Mutter wissen. «Ich weiss gar nicht mehr, was Begeisterung ist», sagte sie.
Sie zeigte uns Fotos von sich und ihrem Sohn. Lebendig, zusammen, trotz allem. Für ihn steht sie morgens auf. Für ihn geht sie abends ins Bett. Das ist alles, vorerst. Und das ist schon unermesslich viel.
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