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Was ich wirklich denke

Eine Muslimin erzählt, warum sie ein Kopftuch trägt und was sie über das Burkaverbot denkt

Emina fragt sich: «Kommt nach dem Burkaverbot ein Kopftuchverbot?» Bild: KEYSTONE

Team watson



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke:» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem Bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Kürzlich war ich mit meinen zwei Kindern im Hallenbad. Als ich ins Wasser stieg, verliessen zwei Frauen naserümpfend das Becken und beschwerten sich beim Bademeister. Sie warfen mir vor, es sei unheimlich, nicht zu sehen, was ich darunter trage. Dabei war mein Burkini so enganliegend, dass sich meine Knochen darunter abzeichneten.

Die eine Frau erkannte ich als eine Bekannte aus dem Dorf. Doch sie wusste offenbar nicht mehr, wer ich bin. Erst als ich sie darauf ansprach, erschrak sie und sagte: «Ach, Sie sind es! Ja, Sie sind ja eigentlich eine ganz nette Frau.»

Sie sagen mir, ich müsse mich anpassen. Ein lächerlicher Vorwurf! Denn ich mache alles, was sie von mir verlangen. Ich kümmere mich um meine Kinder, verlasse das Haus, gehe ins Hallenbad und tue etwas Gutes für meinen Körper. Ich bin angepasst. Und doch werde ich wegen meiner Bekleidung, wegen meines Kopftuches vorverurteilt.

Natürlich tun mir solche Erlebnisse weh. Oder wenn ich das Gefühl habe, nicht ernst genommen zu werden, ich in Gesprächen überhört und übergangen werde. Wenn jemand gar nicht erst mit mir sprechen will. Aber eigentlich finde ich solche Momente gar nicht erwähnenswert.

Bild: FAROOQ KHAN/EPA/KEYSTONE

Warum? Nun, wenn beispielsweise der Busfahrer unwirsch wird, weil ich nicht auf Anhieb sage, dass ich auch ein Rückreiseticket benötige, dann liegt der Fehler doch auch bei mir, oder nicht? Schliesslich habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Ich lerne also aus der Situation und steige ich das nächste Mal in einen Bus, sage ich: «Einmal dorthin, einfach, mit Halbtax.»

«Auf meine Bewerbung erhielt ich eine Absage. Im Vertrauen sagte man mir, es liege an meinem Kopftuch.»

Ich will halt nicht ständig meinen Glauben in den Vordergrund stellen und solche Vorkommnisse mit meiner Religionszugehörigkeit verbinden. Ich will als Frau wahrgenommen werden. Nicht als Muslima mit Kopftuch. Also nehme ich auch nicht immer gleich an, dass ein Verhalten islamfeindlich ist.

Das mag jetzt selbstlos klingen. Und einfach ist es natürlich nicht immer. Nein, eigentlich ist es gar nie einfach, sondern ein ständiger Kampf. Auch wenn ich sehr gerne in der Schweiz lebe und ich mich hier grundsätzlich wohl fühle, die Sprache perfekt spreche, hier meine Familie gegründet habe, fühle ich mich manchmal diskriminiert. Kein schönes Gefühl. Ich bin sehr gut ausgebildet, habe in der Schweiz an der Universität Islamwissenschaft studiert. Und doch erhielt ich auf die simpelsten Jobangebote Absagen.

Einmal bewarb ich mich bei einem Lebensmittelladen als Aushilfe. Meine Aufgabe wäre gewesen, Kisten herumzuschieben, Regale aufzufüllen, solche Sachen. Mir war klar, dass ich für den Job völlig überqualifiziert gewesen wäre. Doch ich wollte dort arbeiten, weil ich das Geld brauchte, um mein Studium zu finanzieren. Es wurde grosse Flexibilität verlangt, was ich hatte. Und doch wurde mir abgesagt. Im Vertrauen sagte man mir, es liege an meinem Kopftuch. Ich hätte Kundenkontakt gehabt und das gehe so eben nicht.

«Manchmal brennt es in mir und ich möchte schreien. Aber das tue ich nicht. Denn würde ich schreien, hätte das sofort negative Konsequenzen für mich.»

Ich arbeite als Religionslehrerin in einer Moschee und höre dort von den Frauen viele solche Geschichten. Eine Freundin von mir, die auch ein Kopftuch trägt, wurde kürzlich im Zug tätlich angegriffen. Das Schlimme daran ist, dass ihr niemand geholfen hat. Sie erzählte mir, im Zug habe sie sogar Bekannte erkannt. Doch auch die hätten weggesehen. Von solchen Geschehnissen liest man in den Zeitungen selten.

Bild: FAROOQ KHAN/EPA/KEYSTONE

Manchmal brennt es in mir und ich möchte schreien. Aber das tue ich nicht. Denn würde ich schreien, hätte das sofort negative Konsequenzen für mich. Nicht nur für mich, für meine Familie, für den Islam, für die Muslime in der Schweiz. Egal was ich tue, ich muss immer aufpassen, dass das nicht negativ auf mich zurückfällt.

Das Kopftuch trage ich aus religiöser Überzeugung und aus spirituellen Gründen. Ich bin religiös aufgewachsen und habe gelernt: wenn man betet, muss man sich anständig kleiden. Ja, was heisst anständig? Wer hat die Normen zu setzen und deswegen über andere urteilen? Mein Anständigsein definiere ich für mich, wie es jeder Mensch tun dürfen soll.

«Meine Mutter und meine Schwester tragen kein Kopftuch. Ich will nicht darüber urteilen, ob sie deswegen gute Musliminnen oder gute Menschen sind.»

Ich fühle mich wirklich wohl mit dem Kopftuch. Es gehört zu meiner Kleidung, so wie eine Hose oder ein T-Shirt. Ohne die würde ich auch nicht aus dem Haus gehen. Ich würde mich nackt fühlen. Und so ist es auch ohne Kopftuch: Ich fühle mich nackt.

Ich weiss, es gibt viele Musliminnen, die für sich entschieden haben, kein Kopftuch zu tragen. Das ist absolut in Ordnung für mich. Meine Mutter und meine Schwester tragen kein Kopftuch. Ich will nicht darüber urteilen, ob sie deswegen gute Musliminnen oder gute Menschen sind, so wie Menschen täglich über mich urteilen, wenn sie mich mit einem Kopftuch sehen. Meine Mutter ist für mich ein Vorbild. Sie betet fünf Mal am Tag, sie fastet, sie tut so viel Gutes und sie ist meine Mutter, ob mit oder ohne Kopftuch.

Heute wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob das Kopftuch ein Gebot ist, da es keine explizite Erwähnung im Koran gibt. Der Koran ist nicht die einzige Quelle auf die sich Theologen stützen. Was Islam ist, sollten Muslime definieren und nicht etwa die Politik.

Es gibt halt viele Dinge, die im Koran nicht erwähnt oder nicht eindeutig erklärt werden und doch werden sie praktiziert. Das Kopftuch zu tragen wird zwar erwähnt aber die genaue Beschreibung findet man in der Überlieferungen des Gesandten. Ich finde es legitim, dass jede Frau selber entscheidet, wie sie es handhaben will. Ich für mich habe entschieden, dass ich mit Kopftuch besser meine religiöse Pflicht ausübe als ohne.

«Weniger als zwanzig Frauen gibt es in der Schweiz, die eine Burka tragen. Es ist ein Scheinproblem.»

Die Burka wird meiner Meinung nach weder im Koran noch in der frühislamischen Geschichte erwähnt. Und doch finde ich, sollten wir es den Frauen überlassen, wie sie sich kleiden wollen. Wenn das die Überzeugung einer Burkaträgerin ist, will ich das nicht als gut oder schlecht beurteilen. Ich will auch nicht, dass ein Staat darüber urteilt, wer was tragen soll. Was kommt dann als nächstes? Ein Kopftuchverbot? Oder die Vorschrift zu einem bestimmten Haarschnitt? Wie kurz mein Rock sein darf?

Die Burkadebatte ist eine zweckentfremdete Diskussion. In der Schweiz gibt es in den meisten Kantonen bereits ein Vermummungsverbot. Ausserdem ist es verboten, Menschen zu etwas zu zwingen, das sie nicht wollen. Warum also braucht es nun ein Burkaverbot?

Bild: Rafiq Maqbool/AP/KEYSTONE

Ich habe das Gefühl, es werden Probleme importiert. Weniger als zwanzig Frauen gibt es in der Schweiz, die eine Burka tragen. Es ist ein Scheinproblem. Seien wir ehrlich: Eigentlich geht es hier doch um den Islam und dass dieser in der Schweiz nicht willkommen ist.

Dasselbe geschah schon einmal bei der Anti-Minarett-Initiative. Hatten wir damals ein Minarett-Problem in der Schweiz? Nein. Und doch wurden sie verboten.Und was geschah danach? Sind die 450'000 Muslime in der Schweiz etwa alle ausgewandert? Sie sind noch da.  Auch wenn sie jetzt die Burka verbieten, werden die Muslime noch da sein. Probleme löst man so keine.

Über Weihnachten fahren wir vielleicht in die Berge Ski fahren. Wir geniessen die freie Zeit. Obwohl wir keine Weihnachten feiern, schenken mein Mann und ich unseren Kindern manchmal trotzdem ein Geschenk, aber nicht etwa aus religiösen Gründen, sondern vielmehr weil es zu dieser Jahreszeit in den Läden gute Angebote gibt.

Meinen christlichen Freunden gegenüber bin ich sehr offen. Ich schicke ihnen eine Karte und wünsche ihnen frohe Festtage. Aber das mache ich nicht etwa nur weil ich Jesus als den Gesandten Gottes akzeptiere, sondern weil ich das was meinem Nachbarn wichtig ist, respektiere.

«Solange ich den anderen mit meinem Glauben nicht beeinträchtige, sollten auch andere mich in meinem Glauben und auch meiner Kleidung nicht beeinträchtigen.»

Für mich waren diese Unterschiede nie ein Problem. In Bosnien bin ich in einer multikulturellen und multireligiösen Nachbarschaft aufgewachsen. Im Umkreis von einigen hundert Metern gibt es eine Moschee, eine Synagoge und zwei Kirchen. Es war völlig normal, dass alle der Religion nachgingen, die für sie richtig ist.

Mein Glaube gibt mir Kraft, Halt und Stütze. Er ist der Wegweiser in meinem Alltag. Er gibt mir Geborgenheit und sagt mir, dass ich meine Mitmenschen lieben soll. An Gott und seiner Existenz gezweifelt habe ich noch nie, und das sollte für unser Zusammenleben in der Gesellschaft auch nicht relevant sein.

Warum stellt also mein Kopftuch oder meine Kleidung jemandem ein Problem dar? Solange ich den anderen mit meinem Glauben nicht beeinträchtige, sollten auch andere mich in meinem Glauben, meinem Zweifel, meiner Weltanschauung und auch meiner Kleidung nicht beeinträchtigen.

(Aufgezeichnet von watson)

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Für ein offenes Frauenbild. Und zwar mit Kopftuch und Rap!

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