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SNB-Zinssenkung im September gilt als gesetzt – doch wie viel?

Nächster SNB-Zinsschritt gilt als gesetzt – sogar eine Überraschung liegt drin

Die kommende Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank vom Donnerstag wird die letzte des scheidenden Präsidenten Thomas Jordan sein. Dass er die Zinsen nochmals senken wird, gilt als ausgemachte Sache. Offen ist dagegen die Frage, wie stark die Zinsen fallen werden.
24.09.2024, 11:22
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Die Schweizerische Nationalbank, links, und das Bundeshaus, rechts, am Montag, 25. September 2023, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Die Nationalbank (links) in Bern. Bild: keystone

Eine Mehrheit erwartet aktuell eine Senkung um 25 Basispunkte auf 1,00 Prozent. Ein «Überraschungs-Coup» um 50 Basispunkte gilt aber nicht als ausgeschlossen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Schweizer Währungshüter die Märkte überraschen.

Von den 18 von der Nachrichtenagentur AWP befragten Prognostikern geht aktuell zwar nur einer konkret davon aus, dass die SNB am kommenden Donnerstag den Leitzins in einem grossen Schnitt um 50 Basispunkte auf 0,75 Prozent senken wird. Es gibt aber zahlreiche Ökonomen, die der Möglichkeit einer so grossen Senkung eine wachsende Wahrscheinlichkeit beimessen.

Dies liege nicht zuletzt an der US-Notenbank, die die Märkte am vergangenen Mittwoch damit überrascht hatte und die Zinswende mit einem grossen Schnitt um 50 Basispunkte eingeläutet hatte. Wie es in ersten Kommentaren hiess, greifen Notenbanken normalerweise nur in Krisenzeiten zu solch grossen Schritten.

Weitere Senkung im Dezember

Daher erwarten denn auch 10 der von AWP befragten Marktexperten, dass die Schweizer Währungshüter am Donnerstag eher einen kleineren Schnitt machen werden, dann aber einen weiteren im Dezember in der gleichen Grössenordnung folgen lassen werden.

Die Experten machen vor allem die wirtschaftlichen Probleme in wichtigen Exportmärkten wie Deutschland, der Eurozone und China als einen der Beweggründe für eine Zinssenkung am Donnerstag aus. Sie stellen klare Abwärtsrisiken für die Schweizer Wachstumsaussichten dar.

Daneben dürfte der Schweizer Franken den Direktoriumsmitgliedern zuletzt wieder Kopfschmerzen bereitet haben. Zur Erinnerung: Die SNB hat als eine der ersten grossen Notenbanken die Zinswende eingeläutet – knapp vor der EZB und weit vor dem Fed. Sie hatte dies auch getan, um dem Aufwärtsdruck beim Franken entgegenzuwirken.

Denn während der starke Franken in der Zeit der grassierenden Inflation eine Hilfe war, da er den Preisdruck aus dem Ausland abmilderte, war dies in Zeiten sinkender Inflationsraten nicht länger erwünscht – sondern vielmehr ein Hemmschuh für die hiesige Wirtschaft.

Im August war die Inflation in der Schweiz weiter gesunken. Mit noch 1,1 Prozent liegt sie in der Mitte es SNB-Zielbandes von 0 bis 2 Prozent.

Franken so stark wie vor der Zinswende

Den zuletzt wieder gestiegenen Aufwertungsdruck beim Franken sehen nahezu alle Notenbank-Experten als grössten Treiber für eine Zinssenkung der SNB. «Durch eine Zinssenkung will die SNB die Zinsdifferenz gegenüber der Eurozone wieder vergrössern und den Franken somit abschwächen», sagt der Migrosbank-Ökonom Valentino Guggia. Davon könnten die exportorientierten Branchen profitieren, die sich allerdings mit einer nicht nur wechselkursbedingt tiefen Auslandsnachfrage auseinandersetzen müssten.

Guggia gehört zu der Gruppe von Ökonomen, die das Ende des Zinssenkungszyklus mit der Senkung im September erwarten. Ein Leitzins von 1 Prozent liegt selbst gemäss der SNB bereits am unteren Rand des neutralen Bereiches. «Mit jeder Zinssenkung wird der Handlungsspielraum für allenfalls zusätzlich notwendige aufgrund schrumpfender Konjunktur kleiner», so der Experte weiter.

Denn anders als EZB und Fed ist das Zinssenkungspotenzial der SNB viel kleiner. Sollte sich das Wirtschaftswachstum in der Eurozone markant abschwächen, könnten die Währungshüter dort auf einen aggressiveren Zinspfad einschwenken, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das Gleiche gilt für die USA. Andere Ökonomen können sich gleichwohl hierzulande weitere Zinssenkungen bis auf ein Niveau von 0,50 Prozent vorstellen.

Jordans letzter Auftritt

Immerhin bleibt der SNB nach wie vor ein weiteres Instrument, um einem zu starken Franken entgegenzuwirken: Devisenmarktinterventionen. Dieses hat sie in der Vergangenheit immer wieder eingesetzt, um den Franken in die ein oder andere Richtung zu schubsen.

epa11424520 Swiss National Bank's (SNB) Chairman of the Governing Board Thomas Jordan speaks during a media briefing at the Swiss National Bank in Zurich, Switzerland, 20 June 2024. EPA/MICHAEL B ...
Thomas Jordan im letzten Jahr als SNB-Präsident. Bild: keystone

Für den Ökonomen Adrian Prettejohn von CapitalEconomics ist am Donnerstag daher auch wichtig, ob sich die SNB generell zur Bewertung des Frankens äussern wird. «Jegliche Äusserung, der Franken sei stark oder überbewertet, würde die Erwartung erhöhen, dass die SNB bereits an den Devisenmärkten interveniert oder intervenieren wird, um den Franken zu schwächen», so seine Einschätzung.

Swiss National Bank's (SNB) Vice Chairman of the Governing Board Martin Schlegel speaks during a media briefing at the Swiss National Bank in Zurich, Switzerland, on Thursday, June 20, 2024. (KEY ...
Martin Schlegel ist der designierte Nachfolger von Jordan. Bild: keystone

Für die hiesigen Beobachter wird zudem spannend sein, ob Direktoriums-Präsident Jordan selbst die Beweggründe der SNB erklären wird oder ob er dies bereits seinem designierten Nachfolger Martin Schlegel überlässt. Jordan leitet die Nationalbank seit April 2012. Schlegel gilt als der «Ziehsohn» von Jordan und war für viele Beobachter der logische Nachfolger. (sda/awp)

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19 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ich-möchte-verstehen
24.09.2024 12:03registriert April 2022
Danke Herr Jordan für den Top-Job, den Sie gemacht haben. Es gibt kaum Bundesbehörden in die ich Vertrauen habe und deren Kompetenz ich so achte wie die SNB in den letzten Jahren. Die geschickte Geldpolitik und manchmal auch das, ansonsten für die Schweiz, untypisch mutige Handeln, hat viel von unserem Wohlstand gerettet... Viel Erfolg auch für Ihren Nachfolger, Herrn Schlegel.
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