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Goldene Ära der Verschwörungstheorien? «Da ist tatsächlich etwas im Gange»

Psychologe Dieter Sträuli.
Psychologe Dieter Sträuli.bild: zvg
Interview

Goldene Ära der Verschwörungstheorien? «Da ist tatsächlich etwas im Gange»

Psychologe Dieter Sträuli über die Gründe, weshalb Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Und über den mächtigsten Verschwörungstheoretiker unserer Zeit.
11.03.2017, 15:3512.03.2017, 08:20
Samuel Schumacher / Schweiz am Wochenende

Wie funktionieren Verschwörungstheorien, Herr Sträuli?
Im Diskurs der Verschwörungstheoretiker werden lauter rhetorische Fragen aneinander gehängt, aber nicht beantwortet. Etwa: Sind Ausserirdische 1947 in Roswell abgestürzt? Was, wenn die US-Regierung das UFO-Wrack seither unter Verschluss hielte? Das ist wie in jenen Sendungen, wo Geisterjäger durch Spukhäuser ziehen und plötzlich fragen: «War da nicht ein Geräusch?» Oder die Leute, die auf verwackelten Bildern Aliens oder Big Foots zu erkennen glauben. Bis jetzt hat sich nie etwas daraus ergeben. Verschwörungstheorien vermuten oft versteckte Manipulationen durch mächtige Kreise, die es auf unsere Gesundheit und unsere Freiheit abgesehen haben – und die die Wahrheit unterdrücken.

Was fasziniert die Menschen denn so an Verschwörungstheorien?
Sie lösen in uns einen gewissen Genuss aus, auch wenn sie vordergründig Angst und Empörung auszulösen scheinen. Die beinahe allmächtigen und kalt berechnenden Verschwörer sind irgendwie grossartig und erwecken auch Neid.​

Jetzt auf

Und wieso verfallen Menschen diesen Theorien offenbar so leicht?
Die menschliche Realität ist der Sprache unterworfen. Unsere Existenz ist von Tausenden Regeln bestimmt. Wir müssen ständig Nachdenken, Grübeln, Zweifeln. Da ist eine starke Vereinfachung der Dinge sehr willkommen. Und dann ist da unsere grundsätzliche Neugier. Wir akzeptieren nicht einfach wie Tiere, dass es regnet, sondern wir fragen uns, warum. Oder eben: Wer schickt den Regen und in welcher Absicht? Wir erfinden Mythen und Verschwörungstheorien, um diese Unsicherheit mit Erklärungen zu unterfüttern.

Kommt mit Trump jetzt eine goldene Ära der Verschwörungen auf uns zu?
Da ist tatsächlich etwas im Gange. Trump bedient sich voll aus der Schublade der Verschwörungstheorien. Wenn etwas nicht nach seinem Gusto läuft, dann sind andere, wie etwa die «Lügenpresse», schuld daran. Durch seinen ausfälligen Rede- und Twitterstil mögen sich Verschwörungstheoretiker bestätigt fühlen.

Haben Verschwörungstheorien denn irgendeinen gesellschaftlichen Nutzen?
Nein. Laut dem Psychoanalytiker Jacques Lacan müssen wir alle akzeptieren, dass unsere Freiheit und unser Geniessen durch Gesetze eingeschränkt werden. Das weckt aber automatisch die Vorstellung von einem «Ausnahmewesen», das dieser Einschränkung nicht unterworfen ist. Deshalb finden Sektengurus und Autokraten so viele Anhänger, weil diese insgeheim glauben, die Existenz ihres Idols beweise, dass sie selbst theoretisch auch in diese Allmachtposition aufsteigen könnten.

Sind Verschwörungstheorien eigentlich gefährlich?
Ja, wenn sie Hass auslösen, indem sie bestimmten Bevölkerungsgruppen die Schuld an Katastrophen zuschieben. Wenn zum Beispiel jemand behauptet, jüdische Machtkreise würden «die Welt kontrollieren», oder islamistische Extremisten wollten «die Schweiz unterwandern».

Soll man ihre Verbreitung stoppen?
Das ist unmöglich. Es wird sie immer geben; sie sind Teil unserer Kultur. Andererseits muss man sie bekämpfen, da sie verhindern, dass wir uns mit den wirklichen Problemen auseinandersetzen.

Wer sind denn die Leute, die an Verschwörungstheorien glauben?
Auch die Frage «Wer hat jetzt schon wieder mein Portemonnaie geklaut?», die wir ja alle kennen, geht von einer milden Verschwörungstheorie aus. Sie soll verdecken, dass ich einmal mehr mein Portemonnaie selber verlegt habe. Wir sind alle anfällig dafür. Auch Bildung schützt davor nur bis zu einem bestimmten Grad.

Welche Verschwörungstheorie glauben Sie denn selber ein bisschen?
In den 90er-Jahren fragte ich mich mal ernsthaft, ob etwas dran sei an den Berichten über Entführungen durch Aliens. Heute kann ich meine Reaktion selbst nicht mehr verstehen – aber damals waren eben andere Zeiten. An vielen Verschwörungstheorien ist ja auch ein Körnchen Wahrheit, auch an der Chemtrails-Theorie. Die Flugzeuge, in denen wir reisen, verschmutzen ja tatsächlich unsere Umwelt.

(aargauerzeitung.ch)

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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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atomschlaf
11.03.2017 18:12registriert Juli 2015
Ich wünschte mir von den Medien (und insbesondere von einem jungen Medium wie watson ;-) einen etwas differenzierteren Umgang mit VTs.
Z.B. Menschen, die kritische Fragen zu 9/11 stellen, in den gleichen Topf wie "hollow Earth"-Spinner zu werfen, zeugt nicht eben von einem differenzierten und sachlichen Umgang mit dem Thema.

Ich habe den Eindruck, dass die VT-Keule sehr oft missbraucht wird, um unangenehme Fragen und nicht genehme Meinungen zu unterdrücken.
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Mr. Spock
11.03.2017 16:16registriert November 2016
Interessanter Artikel und gutes Interview, danke euch beiden!

Kann man anhand der Argumentation von Herr Sträule Religionen als eine Art Verschwörungstheorie bezeichnen? Frage: warum sind wir auf der Erde? Was ist der Sinn des Lebens? Warum passiert was passiert? Wer bestimmt meine zukunft? Warum ist die Natur wie sie ist? Antwort: Gott/Götter

Bin ein empirisch denkender atheist und kann mit dem konzept Gotteswille geschehe nicht viel anfangen.. verstehe aber, dass viele dies dem grauenhaften nachdenken und sich damit befassen vorziehen...
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Herbert Anneler
11.03.2017 16:07registriert August 2015
Es gab schon immer Epochen, in welchen Verschwörungstheorien eine Blütezeit hatten. Es waren immer Zeiten der sozialen Anspannung, der Konflikte, früher auch von Seuchenzügen und Hungersnöten. Korreliert sind sie oft auch mit der Hoffnung auf einen Erlöser. So Jesus Christus und Kaiser Augustus, Hitler, Stalin, Erdogan, Trump... Auch die Hexenverbrennungen fielen in eine solche Krisenzeit. Oder Maos Kulturrevolution. In solchen Krisenzeiten brechen Gewissheiten zusammen. Man sucht nach Erklärungen. Die am plausibelsten scheinenden setzen sich oft durch. Die Rechtsextremen profitieren sehr!
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