Bei den Medien haut Nagelsmann drauf, sein Team packt er in Watte – das wird zum Problem
Julian Nagelsmann zeigte sich in der letzten Zeit öffentlich häufig gereizt.
Gerade erst am vergangenen Donnerstag nach der sportlich unbedeutenden 1:2-Niederlage gegen Ecuador fuhr er MagentaTV-Moderator Johannes B. Kerner an. «Hört auf mit dem Quatsch, ehrlich», sagte der deutsche Nationaltrainer auf die Frage, ob seinem Team der letzte Wille gefehlt habe. Er könne keinem Spieler einen Vorwurf machen, nicht vollen Einsatz gegeben zu haben. «Das ist mir viel zu plakativ», so Nagelsmann.
Eine Meinung, die seine Spieler Joshua Kimmich und Deniz Undav sowie sein Sportdirektor Rudi Völler nicht teilten. Sie alle empfanden den Siegeswillen beim Gegner als höher. Dies lässt Nagelsmanns empfindliche Reaktion im Live-Fernsehen in keinem guten Licht erscheinen. Ex-Nationalspieler Markus Babbel kritisierte Nagelsmann im «Doppelpass»: «Er wirkt wie so ein kleines, bockiges Kind.» Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990, stimmte der Kritik am Verhalten des Trainers zu.
Schon vor der WM fiel Nagelsmann mit schwacher Kommunikation auf. Wiederholt reagierte er genervt auf Fragen nach einer möglichen Rückkehr von Manuel Neuer, nur um den 40-jährigen Goalie kurz vor dem Turnier doch zu reaktivieren. Und dann war da auch noch die Kritik an Deniz Undav rund um die Testspiele im März.
Nachdem dieser als Joker das 2:1-Siegtor gegen Ghana geschossen hatte, sagte Nagelsmann: «Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut.» Hätte er von Anfang an gespielt, hätte er dieses gar nicht gemacht, befand der 38-jährige Coach. Er wirkte von der öffentlichen Debatte um die Rolle des Stürmers richtig angesäuert und erklärte dann: «Damit ist alles besprochen über jetzt sieben Tage Dauerthema ‹Deniz Undav›.»
Seit dem Interview nach der Niederlage gegen Ecuador wird in Deutschland wieder stärker über Julian Nagelsmanns Kommunikation und Kritikfähigkeit diskutiert. In der Pressekonferenz vor dem Sechzehntelfinal gegen Paraguay am heutigen Montag (22.30 Uhr) liess er die Frage, was die Kritik mit ihm mache, offen: «Das ist, glaube ich, wie bei jedem Menschen. Die Frage können Sie sich selbst beantworten. Und dann, glaube ich, ist dazu alles gesagt.»
Es gehört zur Methode Nagelsmann, Kritik von aussen an seinem Team abzublocken. Während der deutsche Trainer auf die Medien öffentlich gerne draufhaut, soll er intern aber ziemlich unklar kommunizieren und schwierigen Gesprächen aus dem Weg gehen. Und das könnte jetzt zum Problem werden.
So würden sich viele Spieler gemäss einem Bericht der Bild mehr Klartext wünschen. Nagelsmann lasse sein Team über den Matchplan lange im Unklaren, habe selbst nach dem schwachen Auftritt im letzten Gruppenspiel mit Kritik gespart und spreche ausserhalb der Trainingseinheiten kaum mit den Spielern. Die Nachricht, dass die Nummer 1 der WM-Qualifikation, Oliver Baumann, auch gegen Ecuador auf der Bank sitzen werde, obwohl Deutschland schon als Gruppensieger feststand, liess er Goalietrainer Andreas Kronenberg – übrigens ein Schweizer – überbringen.
Nagelsmann gibt sich als Spielerfreund, beschwört den Teamgeist immer wieder und spricht davon, dass das Team wie eine Familie funktionieren müsse. Neben dem Platz lässt er den Spielern eine lange Leine. Doch bringt das nicht immer Erfolg. Und auf diesen ist der Bundestrainer angewiesen.
Denn während er vor zwei Jahren rund um die Heim-EM eine neue Euphorie um das kriselnde DFB-Team entfachte und in der Bevölkerung einen Nerv zu treffen scheint, ist er davon nun weit entfernt. Sein Auftreten kommt bei vielen Deutschen nicht gut an. Auch wie er die Schiedsrichter und Vierten Offiziellen anbrüllte und anging, wurde von vielen kritisiert. Der Kicker bezeichnete Nagelsmann als «dünnhäutig und inhaltlich fragwürdig». Ihm mangele es in der Kommunikation an «Aura». Der Mann, der Deutschland mit dem Nationalteam versöhnt hat, verliert nun selbst an Ansehen.
Vielleicht ist es der Druck, den er sich nach dem Ausscheiden an der EM mit dem Versprechen, Weltmeister zu werden, selbst aufgebürdet hat. Aber Julian Nagelsmann scheint aktuell seinen Nimbus verloren zu haben.
