Deniz Undav – wenn die Topleistungen bei Deutschlands Coach keine Beachtung finden
Die Statistiken sprechen für ihn: Seine 18 Tore in 23 Spielen werden in der Bundesliga nur von Harry Kane (31 in 26) übertroffen. Mit wettbewerbsübergreifend 23 Treffern steht er von allen Spielern der Top-5-Ligen auf Platz 5. In Sachen Torbeteiligungen kann er ebenfalls mit Spielern wie Erling Haaland oder Lamine Yamal mithalten. Und doch ist Deniz Undav beim deutschen Nationaltrainer Julian Nagelsmann fast etwas verpönt.
Obwohl er in dieser Saison der treffsicherste Deutsche ist, kam der 29-jährige Stürmer in der Länderspielpause nur zu 45 Minuten Einsatzzeit. Den 4:3-Sieg gegen die Schweiz in Basel verfolgte Undav von der Bank. Beim 2:1-Sieg gegen Ghana in Stuttgart, wo Undav unter Vertrag steht, kam er erst zur zweiten Halbzeit, obwohl Nagelsmann auf mehreren Positionen rotierte. In der 88. Minute sorgte Undav dann für den Siegtreffer.
«Es war ein perfekter Abend: Sieg geholt, entscheidendes Tor gemacht, top!», zeigte sich Undav, der von den Stuttgarter Fans vor seiner Einwechslung mit Sprechchören gefordert wurde, im ARD-Interview nach dem Spiel zufrieden. Seine Rolle als Stürmer Nummer 3 hinter Kai Havertz (Arsenal) und Nick Woltemade (Newcastle) versuche er zu akzeptieren, doch äusserte er auch die leise Hoffnung: «Durch Tore kann sich meine Rolle vielleicht verändern.»
— golazoo (@golazoo1491112) March 30, 2026
Nagelsmann fing den selbstbewussten Stürmer aber sofort wieder ein. «Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut», erklärte der 38-jährige Bundestrainer bei der Pressekonferenz, «er hat, glaube ich, nur einmal den Ball berührt.» Nagelsmann betonte zwar, dass Undav ein Topstürmer sei, der dann eben am richtigen Ort stehe. Doch glaube er, dass Undav das Tor nur gemacht habe, weil er eben nicht in der Startformation stand: «Das war schon ein langer Schritt, der nach 70 Minuten auch im Hinblick auf den Sommer bei 42 Grad für ihn anstrengend sein kann. Den macht er dann auch, weil er einfach frisch war.»
Für Nagelsmann war das Tor mehr Bestätigung als ein Grund, Undavs Rolle zu hinterfragen. Schliesslich brauche Deutschland an der WM auch Joker, die Spiele entscheiden können. «Das ist sein Auftrag, das ist seine Rolle», so Nagelsmann, der es als «eher unwahrscheinlich» bezeichnete, dass Undavs Wunsch auf eine grössere Rolle bis zur WM in Erfüllung gehen werde. «Damit ist alles besprochen über jetzt sieben Tage Dauerthema ‹Deniz Undav›», schloss ein etwas genervter Julian Nagelsmann.
Dass sich der Nationaltrainer über zwei Monate vor dem Turnier schon so fest auf die Rollen seiner Spieler festlegt, sorgte unter anderem bei Ex-Profi Stefan Effenberg für Kritik. «Das irritiert mich», schreibt der 57-Jährige bei T-Online und führt aus: «Er macht sich völlig ohne Not angreifbar, wenn er es ausgerechnet in wichtigen Personalfragen an Einsicht und Flexibilität vermissen lässt. Das war ein Fehler. Was denkt er sich dabei?»
Schon vor der Länderspielpause wurden die Diskussionen um den stämmigen 1,79-m-Stürmer von den deutschen Medien wochenlang begleitet. Ihren Anfang nahmen diese mit Julian Nagelsmanns denkwürdigem Kicker-Interview Anfang März. Dort bezeichnete er die Mittelstürmer-Position als «eine Baustelle, die wir schliessen müssen» und sagte in Bezug auf Undav: «Ich weiss ganz genau, was er spielt. Das ändert sich nicht mehr.»
Der VfB-Stürmer reagierte, indem er öffentlich erklärte, seit der Winterpause kein Gespräch mit dem Bundestrainer gehabt zu haben. «Er braucht auch nicht mit mir zu reden. Meine Argumente sind auf dem Platz», sagte Undav dazu. Den Kritikpunkt, dass er kein echter Mittelstürmer sei, weil er häufig auch als hängende Spitze neben einem weiteren Stürmer eingesetzt wird, könne er nicht verstehen. «Was ist denn ein Mittelstürmer? Ein Mittelstürmer ist der, der trifft.» Und Undav hat von den deutschen Stürmern die beste Quote. Auch deshalb gehe ihm die Diskussion «auf den Zeiger. Ich bin ein guter, klassischer Stürmer, der auch ein guter Zehner sein kann. Ich bin Stürmer, ich treffe und kann vorbereiten.»
Zumindest den ersten Teil hat Undav mit seinem vierten Tor im siebten Länderspiel bewiesen. Jetzt ist er wieder beim Klub, seinem Safe Space. Beim VfB Stuttgart ist er gesetzt und Fanliebling – auch, weil er in Interviews gerne Tacheles redet und um einen coolen Spruch selten verlegen ist. Vor allem dank ihm sind die Schwaben Dritter der Bundesliga. Am heutigen Samstagabend könnten sie den Rückstand auf den Zweiten Borussia Dortmund im Direktduell (18.30 Uhr) auf fünf Punkte verkürzen. Im Hinspiel erzielte Undav beim 3:3-Remis alle Stuttgarter Tore.
Vor dem wichtigen Spiel schlug sich Trainer Sebastian Hoeness auf die Seite seines wichtigsten Offensivspielers. Zu den Aussagen von Julian Nagelsmann wolle er nur so viel sagen: «Deniz liefert die Antworten auf dem Platz und das wird er die nächsten Wochen auch wieder tun. Davon bin ich überzeugt.»
Im Kampf um die Champions-League-Plätze könnte Stuttgart vielleicht sogar von Undavs Privatfehde mit Nagelsmann profitieren. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein Stürmer mit der Wut im Bauch erst recht auf seinem Topniveau performt.
