Die zwei Seiten des Kylian Mbappé – was den Superstar so schwer zu fassen macht
Weltmeisterschaften sind für Kylian Mbappé eine absolute Wohlfühlzone. 2018 wurde er bei seiner Premiere mit Frankreich Weltmeister, erzielte dabei vier Tore. 2022 wurde er Torschützenkönig, verlor dann trotz Hattrick im Final gegen Argentinien. Und an der laufenden WM brilliert der 27-Jährige wieder, ist mit acht Toren und drei Assists Topskorer des Turniers. Am heutigen Dienstag (21 Uhr) wird er sein Team als Captain in den Halbfinal gegen Spanien führen.
Mbappé ist Frankreichs wichtigster Spieler, Superstar und bereits Rekordtorschütze vor Olivier Giroud und Thierry Henry. Mit seiner Geschwindigkeit, seinen Dribblings und seiner Torgefahr begeistert er die gesamte Fussballwelt. Ihm zuzusehen, ist eine Augenweide. So auch an dieser WM – wie zuletzt bei seinem Führungstor im Viertelfinal gegen Marokko (2:0).
Als 19-Jähriger spendete er die gesamte Weltmeisterprämie
Neben dem Platz setzt er sich derweil für diejenigen ein, denen es viel schlechter geht als ihm. Seine WM-Prämie in Höhe von knapp einer halben Million Euro spendete der damals 19-Jährige 2018 an eine Organisation, die Kinder im Spital oder mit Behinderungen unterstützt. Noch immer spendet er sämtliche Prämien für die Einsätze im Nationalteam. Zudem hat er eine Stiftung, die 98 – in Anlehnung an sein Geburtsjahr – Kinder aus dem Raum Paris bei ihrer Bildung und Entwicklung unterstützt. Und er beweist regelmässig seinen Blick über den Tellerrand hinaus, wenn er klare Kante gegen Rassismus zeigt oder sich für einen Fussballer ungewöhnlich deutlich zu Politik äussert.
Eigentlich müssten ihm die Herzen also nur so zufliegen. Doch der Stürmer polarisiert wie kaum ein anderer Fussballer – sowohl in der Heimat als auch über deren Grenzen hinaus. Als er zuletzt gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, irgendwann in die Politik zu gehen und gar Frankreichs Präsident zu werden, antwortete er: «Ich werde doch jetzt schon genug gehasst.» Woran liegt das?
Zum einen spielt er für Real Madrid. Einen Klub, der polarisiert wie kein anderer. Ausserdem gibt es immer wieder Vorwürfe, dass Mbappé eine Diva sei. Da war das lange Hin und Her zwischen PSG und den Königlichen, während dessen er gar einmal für ein utopisches Jahresgehalt und Mitspracherecht bei vielen Dingen im Klub in Paris verlängerte, nur um sich zwei Jahre später im Streit nach Spanien zu verabschieden. Dies kostete ihn bei den Fans beider Klubs Sympathien. Auch mit dem Aufbegehren gegen Trainer wie Xabi Alonso bei den Königlichen fiel er negativ auf.
PSG-Coach Enrique missfiel Mbappés Spielweise
Zuletzt sollen sich wegen seiner Star-Allüren gemäss L'Équipe gar einige seiner Mitspieler bei den Königlichen von ihm abgewandt haben. Er werde bevorzugt behandelt, solle sich gegenüber einem Staff-Mitglied herablassend verhalten und 40 Minuten zu spät zu einem Mannschaftsessen gekommen sein. Durch sein individualistisches Verhalten wäre er im Team immer stärker isoliert. Öffentlich gab es von seinen Mitspielern aber auch immer wieder viel Zuspruch. So sagte beispielsweise Jude Bellingham im Februar 2025: «Er ist aussergewöhnlich! Alle wissen das und er beweist es jederzeit. Aber er ist als Mensch gar noch besser als als Spieler.»
Auch seine Spielweise wird immer wieder kritisiert. Zwar ist er ein Genie, was die Offensive angeht, doch lässt er defensiv viel zu wünschen übrig. PSG-Trainer Luis Enrique bemängelte dies bekanntlich. Dem Spanier missfielen Mbappés Verhalten im Pressing, seine Defensivleistung und seine Laufarbeit. Auch seine Mitspieler sollen sich des Öfteren geärgert haben, weil sie für ihn zusätzliche Wege gehen mussten.
Seit Mbappé vor zwei Jahren aus der französischen Hauptstadt nach Madrid gewechselt ist, hat Paris Saint-Germain zweimal in Folge die Champions League gewonnen. Viele glauben, dass das kein Zufall ist: dass Mbappé den Erfolg verhindert hat. Dafür spricht, dass er mit Real Madrid – bei seiner Ankunft amtierender Meister und Champions-League-Sieger – noch keinen einzigen Titel gewonnen hat. Statistisch gesehen ist er einer der schlechtesten Spieler der Topligen, was defensive Beiträge angeht.
Im taktisch noch ausgeklügelteren Klubfussball fällt so etwas stärker ins Gewicht als im Nationalteam – gerade wenn neben Mbappé auch noch Spieler wie Neymar, Lionel Messi oder jetzt Vinicius Junior im Team sind. Die Fans der Königlichen sehen Mbappé deshalb trotz seiner hervorragenden Skorerwerte als Sündenbock für die aktuelle Misere und buhten ihn gar schon aus.
Im Nationalteam ist Mbappé beliebt
Demgegenüber stehen aber die Bilder, die Mbappé an der WM wieder einmal im Nationalteam liefert. Im Team scheint eine hervorragende Stimmung zu herrschen. Als Didier Deschamps von der Beerdigung seiner Mutter an die Seitenlinie zurückkehrte, rannte Mbappé nach seinem ersten Tor zum Trainer, um mit diesem zu jubeln. Mbappé tut genau das, was von einem Leader zu erwarten ist.
Probleme mit seinen Teamkollegen? Fehlanzeige! Seine Nebenleute Michael Olise und Ousmane Dembélé sowie die defensiveren Akteure scheinen gerne für den im Team beliebten Mbappé zu arbeiten. Ausserdem kündigte dieser vor der WM an: «Ich werde alles tun, damit wir gewinnen. Weil ich um jeden Preis gewinnen will.» Auch Deschamps sprach nach dem Viertelfinalsieg gegen Marokko von grosser Harmonie im Team. In Bezug auf die höchstens halb scherzhaft gemeinten Memes, die Mbappé als Diktator darstellen, sagte der Weltmeister-Captain von 1998: «Es gibt keine Diktatoren in dieser Mannschaft. Kylian ist ein Captain und ein Vorbild, auf dem Platz und daneben.»
Dass dem in Frankreich nicht alle zustimmen, liegt sicher auch an Mbappés klarer Haltung gegen das rechtspopulistische Rassemblement National, das in Umfragen bereits die stärkste Partei ist. Für dessen Wählerinnen und Wähler ist Mbappé ein Feindbild und arrogant. Bei dieser Einschätzung schwingt wohl auch ein unterschwelliger Rassismus mit. Mbappés Eltern sind ein Kameruner und eine Algerierin.
Keine Werbung für Fast Food und Wettanbieter
Als der damals 23-Jährige vor der WM 2022 das Teamfoto mit dem Nationalteam sowie einige Sponsorenaktivitäten verweigerte, sahen sich seine Kritiker bestätigt. Mbappé sei eben ein Egoist. Dabei befand sich dieser mit dem französischen Fussballverband im Streit um die Bildrechte der Nationalspieler, weil er nicht mit gewissen Sponsoren in Verbindung gebracht werden wollte. Nämlich unter anderem mit Fast-Food-Ketten oder Wettanbietern. Mbappé habe deshalb ein Mitspracherecht dabei gefordert, für wen das französische Nationalteam Werbung mache.
All das ergibt ein schwer zu fassendes Gesamtbild: Mbappé ist ein hervorragender Fussballer, der für den Erfolg seines Teams teilweise hinderlich sein kann. Er kann auf dem Platz divenhaft wirken, sorgt sich aber daneben wie wenige andere Fussballer um schlechter gestellte Menschen und Gesellschaftsthemen. Wahrscheinlich ist auch Letzteres ein Grund, weshalb Mbappé so polarisiert.
Der 27-Jährige hat eine starke Meinung und steht kompromisslos für seine Werte ein – damit eckt er natürlich an. Leute, die seine Positionen nicht vertreten, mögen ihn deshalb nicht. Sie finden, dass Mbappé nicht das Recht habe, sich zu Themen ausserhalb des Sports zu äussern. Stichwort: «Shut up and dribble!» Mit dieser Aussage wollte eine Fox-Reporterin NBA-Superstar LeBron James im Jahr 2018 nach dessen Kritik an Donald Trump zum Schweigen bringen.
Doch wie dem Basketballer ist auch Kylian Mbappé egal, ob er sich mit seinem Verhalten Freunde macht, solange er seine Beweggründe für richtig hält. Und das macht ihn doch zu einem Vorbild.
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