Nach dem Abstieg steht bei Wolfsburg ein Totalumbruch an – mittendrin zwei Schweizer
Nach dem ebenso bitteren wie verdienten Abstieg aus der Bundesliga wollten die Wolfsburger Spieler am Montagabend nur noch weg. Reden über das aus ihrer Sicht Unfassbare tat kein Profi mehr. Nachdem sie minutenlang mit leeren Blicken vor ihren schockierten und wütenden Fans gestanden hatten, verschwanden die Grün-Weissen in der Paderborner Nacht, in der die Gastgeber völlig ausgelassen den Aufstieg feierten.
Zurück blieb nur eine eingetretene Kabinentür, an der sich der ganze Frust entladen hatte. Wiedersehen wird man die meisten Akteure im Wolfsburger Trikot nicht mehr. Dem dramatisch abgestürzten VW-Klub steht ein grosser Umbruch bevor.
Die Gründe für den Abstieg
Die teure Wolfsburger Mannschaft war von Anfang an falsch zusammengestellt. Zu viele ähnliche Spieler im Mittelfeld, kein Torjäger und viele kleine Grüppchen prägten das aufgeblähte Kader. Hinzu kam anfangs mit dem Niederländer Paul Simonis ein junger und unerfahrener Trainer, für den die Bundesliga bei seiner ersten Auslandsstation noch eine Nummer zu gross war.
Auch dessen Nachfolger Daniel Bauer bekam die schwierige Mannschaft nicht in den Griff. Erst Dieter Hecking als Coach Nummer drei sorgte für etwas Stabilität. Mit seiner betont ruhigen Art weckte aber auch der 61-Jährige nicht das nötige Feuer. Viel zu früh schienen die Wolfsburger mit dem Erreichen der Barrage zufrieden zu sein. Der Plan, sich über die beiden zusätzlichen Spiele zu retten, scheiterte am Ende kläglich.
Die Verantwortlichen
Der Abstieg des VfL Wolfsburg ist das Ergebnis eines sportlichen Niedergangs, der sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat. Seit der erfolgreichen Zeit unter Oliver Glasner mit Platz vier in der Saison 2020/21 hinken die Niedersachsen den Erwartungen trotz millionenschwerer Unterstützung durch Volkswagen hinterher.
Für die Beschleunigung des Niedergangs ist vor allem der längst entlassene Geschäftsführer Peter Christiansen verantwortlich. Der Däne war mit grossen Ambitionen nach Wolfsburg gekommen, lag bei Personalentscheiden aber zu oft daneben und eckte auch mit seiner robusten Art an. Doch auch die fehlende Sportkompetenz im Aufsichtsrat und die Gleichgültigkeit bei vielen Spielern sorgten für den am Ende folgerichtigen Abstieg.
Die Folgen
Wie es beim VfL Wolfsburg weitergeht, ist noch völlig offen. Im Vergleich zu anderen Absteigern halten sich die Folgen zumindest finanziell aber in Grenzen, auch wenn der Etat natürlich deutlich zurückgefahren wird. Doch Volkswagen hat bereits klargemacht, die VfL Wolfsburg Fussball GmbH auch weiterhin üppig zu unterstützen.
Zwar nicht mehr wie bislang mit zwischen 70 und 80 Millionen Euro, aber immer noch mit einem Etat, der die direkte Rückkehr ins Oberhaus fast zur Pflicht machen wird. Es gebe «unabhängig von der Liga eine finanzielle Stabilität, die wir liefern, die wir leisten», hatte der VW-Sprecher und VfL-Aufsichtsratschef Sebastian Rudolph dem NDR bereits vor dem feststehenden Abstieg gesagt. «Der Volkswagen-Konzern steht fest zum VfL Wolfsburg.»
Personell wird aber alles auf den Prüfstand kommen. Der VfL braucht einen neuen Geschäftsführer, einen Trainer und eine komplett neue Mannschaft. Und das in sehr kurzer Zeit, weil die neue Saison durch den Abstieg bereits Anfang August beginnt. Für den Schweizer Sportdirektor Pirmin Schwegler, der den Posten in Wolfsburg seit vergangenem Dezember bekleidet, steht ein arbeitsreicher Sommer an.
Die Trainerfrage
Dieter Hecking war neben dem Schweizer Aufsichtsratsmitglied Diego Benaglio und dem verletzten Patrick Wimmer der einzige Wolfsburger, der sich nach dem 1:2 nach Verlängerung in Paderborn stellte. «Abstieg tut immer weh», sagte Hecking, der nach dem Abstieg mit dem VfL Bochum in der vergangenen Saison den nächsten Gang in die 2. Liga zumindest mitzuverantworten hat.
Zwar sorgte der Cupsieger-Trainer von 2015 für Stabilität, insgesamt agierte Hecking aber schon im Saisonendspurt zu vorsichtig. Auch am Montagabend reagierte er viel zu spät. Anstatt mit der Einwechslung eines frischen Stürmers für mehr Entlastung zu sorgen, wechselte er erst neun Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit zum ersten Mal. Der schnelle Mohammed Amoura kam sogar erst in der zweiten Halbzeit der Verlängerung.
Wie es nun mit Hecking weitergeht, ist ungewiss. «Wir werden sicherlich die nächsten ein, zwei Tage zusammenkommen, um erst einmal die zehn Wochen zu analysieren, die ich verantwortlich war», sagte Hecking. «Ich muss das auch erst einmal sacken lassen.» Grundsätzlich habe er weiter Lust, als Trainer zu arbeiten. Auch ein Wechsel in die Position des Geschäftsführers steht im Raum. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass es für Hecking beim VfL nicht weitergeht.
Die Mannschaft
Die Spieler tragen neben Christiansen und dem ebenfalls im Laufe der Saison freigestellten Sportdirektor Sebastian Schindzielorz die Hauptverantwortung für den Abstieg. Vielen Profis schien das Schicksal des VfL lange Zeit weitgehend egal zu sein. Das Gesicht des Teams wird sich daher grundlegend ändern. In Elvis Rexhbecaj steht ein Neuzugang bereits fest, viele weitere werden folgen. Das Kapitel Christian Eriksen wird wie so viele nach dem Abstieg enden. Jonas Wind, Kamil Grabara, Lovro Majer, Konstantinos Koulierakis, Denis Vavro – sie alle werden wohl zu einem anderen Verein weiterziehen. (sda/dpa)
