«Vielleicht weiss er nicht, wie es ist»: Bellingham kontert Tuchel
Mama Bellingham lag ihrem Sohn Jude schon die ganze Woche lang in den Ohren. «Pass auf, was du sagst. Pass bei den Grätschen auf. Achte auf deine Emotionen», sagte Englands Matchwinner über die Tipps von Denise Bellingham. Ihr Sohn sollte im WM-Viertelfinal gegen Norwegen auf keinen Fall seine zweite Gelbe Karte und damit eine Sperre kassieren.
Bellingham gehorchte. Er traf doppelt und schoss England beim 2:1-Sieg in einem kampfbetonten, von Hitze und einem Kamerakabel geprägten Spiel nach Verlängerung weiter. Die englischen Fans in Miami lagen sich beim Hit «Hey Jude» in den Armen, die verbliebenen Beatles-Mitglieder höchstselbst feierten den Helden der «Three Lions» via Instagram.
Alles fiebert nun auf den Halbfinal gegen den Titelverteidiger Argentinien in Atlanta hin. Zwei Siege fehlen den Engländern noch zum zweiten WM-Titel nach 1966. Die gute Nachricht: Bellingham darf sich da eine Gelbe Karte leisten, nach den Viertelfinals werden gemäss den Regeln alle Verwarnungen gelöscht.
Nicht in den kühnsten Träumen
Bellinghams Selbstvertrauen ist alles andere als klein, doch was an diesem schwülen Abend unweit der Everglades geschah, war selbst für den 23-Jährigen schwer zu begreifen. «Das übertrifft meine kühnsten Träume», sagte Bellingham. «Ich meine, du gehst ja nicht abends ins Bett und träumst von solchen Spielen.»
Und doch war da viel Reales und auch Surreales vor den Augen von Sir David Beckham im Footballstadion der Miami Dolphins zu sehen. Zum Beispiel eine Szene vor Bellinghams Ausgleichstreffer. Nach dem Abstoss von Norwegens Torwart Örjan Nyland wurde der Ball von einem gespannten Kamerakabel in der Luft gestoppt, fiel wie ein Stein herunter und gelangte vor die Füsse von Anthony Gordon – der daraufhin das Tor einleitete.
Bellingham äusserte sich zu der Szene nicht, er habe es nicht genau gesehen. Der Weltverband FIFA pochte darauf, dass der Chip im Ball keine Berührung aufgezeichnet habe, die Szene also nicht so passiert sein kann. Die Norweger und auch die TV-Aufnahmen lassen einen anderen Rückschluss zu. «Also ich würde eher den Norwegern glauben als der FIFA», sagte Englands Ex-Nationalspieler Gary Neville.
New Side Angle of England First Goal || Clearly touches the cable… 🇳🇴 pic.twitter.com/D8NUFavOie
— Emrah Topuz (@bytopux) July 12, 2026
Bellinghams Tor ermöglichte die Verlängerung, ein Patzer von Nyland dort den zweiten Treffer des Stars von Real Madrid. «Das war eine Weltklasse-Leistung von einem Weltklasse-Spieler», befand Trainer Thomas Tuchel.
Tuchels Unzufriedenheit
Der deutsche Trainer war, wie er sagte, im Kopf nicht zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft. «Wir können viel schneller spielen, präziser, mit weniger unerzwungenen Fehlern», sagte Tuchel, der sein Team dennoch lobte: «Das ist pure Mentalität. Die kann man in Flaschen abfüllen und verkaufen.»
Allen voran die Mentalitätsmonster Harry Kane und Bellingham. Beide haben bereits sechs Tore erzielt, was noch keinem Engländer an einer WM gelungen ist. «Ich lasse Harry und Jude zusammen spielen und sie erledigen den Rest», beschrieb Tuchel das Erfolgsrezept. Sie seien Unterschiedsspieler, die die Verantwortung liebten. Das sei beeindruckend.
Dass Tuchel den Auftritt seines Teams als «schlampig» kritisierte und viele technische Fehler bemängelte, irritierte indes Bellingham. «Vielleicht weiss er nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen zu spielen», knurrte der Matchwinner nach dem harten Hitzespiel über mehr als 120 Minuten. Für seine Mitspieler hatte Bellingham nur Lob: «Sie sind Krieger.» (car/sda/dpa)
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