Ronaldo oder Modric? Heute endet die WM-Karriere eines alten Superstars
Luka Modric weiss genau, wie es sich anhört, wenn Cristiano Ronaldo richtig sauer ist. Nach der WM 2018 schnappte Kroatiens Starspieler seinem langjährigen Teamkollegen einst den «Ballon d'Or» weg. Das ist die wichtigste Auszeichnung, die ein Fussballspieler persönlich erhalten kann. Ronaldo gratulierte ihm zwar per Textnachricht. Doch er blieb auch etwas beleidigt der Ehrung fern und sagte in einem Interview: «Nächstes Jahr werden wir uns wiedersehen. Und ich werde alles tun, um wieder den Preis zu erobern.»
Nach dieser Weltmeisterschaft wird es wohl kein nächstes Mal geben. Wenn Ronaldos Portugiesen und Modrics Kroaten am Donnerstag Ortszeit (Freitag, 1 Uhr Schweizer Zeit) in Toronto in der ersten K.o.-Runde aufeinandertreffen, wird ein ehemaliger Weltfussballer den anderen endgültig von der WM-Bühne schieben.
Modric ist 40 Jahre alt und überlegt, ob er nach diesem Turnier überhaupt noch weiterspielt. Ronaldo ist sogar schon 41 und für sein Team bislang mehr Belastung als wirkliche Hilfe. Es ist kaum vorstellbar, dass beide mit dann 44 und 45 Jahren auch an der WM 2030 noch einmal antreten werden – auch wenn Ronaldo das nicht ausschliessen wollte.
Wie geht das – mit über 40 an einer WM?
Viermal gewannen beide zusammen mit Real Madrid die Champions League. Auf ihr Wiedersehen in Toronto wird die ganze Fussball-Welt schauen. Viele frühere Mit- und Gegenspieler sind an dieser WM auch dabei – nur nicht mehr als Spieler. Sie arbeiten jetzt als Trainer, TV-Experten oder als Mitglieder der «FIFA Technical Study Group», die dieses Turnier für den Weltverband analysiert.
In Miami stellte die Expertengruppe ihren Zwischenbericht vor, und ein Thema war auch: Wie geht das überhaupt, in diesem Alter noch Topleistungen auf WM-Niveau zu zeigen? Und das gleich bei so vielen Spielern wie Modric, Ronaldo, Lionel Messi (39) oder Edin Dzeko (40)?
Der langjährige argentinische Nationalspieler Pablo Zabaleta (41) gehört zur «Study Group» und ist sich sogar sicher: «Wir werden in Zukunft immer mehr Spieler sehen, die noch bis mindestens 38, 39 spielen.»
Faktor Training, Ernährung, Regeneration
Grund seien die medizinischen, sport- und ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse. «Die Spieler bekommen alles, was sie benötigen», sagt Zabaleta. «Sie wissen genau, was sie an Ernährung, Regeneration, Prävention oder zusätzlichem Training brauchen. Manche bezahlen noch einen eigenen Koch oder einen persönlichen Coach dazu.»
Der Sportmediziner Hans-Georg Predel bestätigt dies. «Aus physiologischer Sicht nimmt die maximale körperliche Leistungsfähigkeit zwar bereits ab dem dritten bis vierten Lebensjahrzehnt langsam ab. Dieser Prozess verläuft jedoch deutlich langsamer als früher angenommen», sagt der Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. Er könne durch die enorme Professionalisierung von Training oder Belastungssteuerung sogar «erheblich verlangsamt werden».
«Hinzu kommt: Spitzenfussball ist weit mehr ist als reine Athletik», sagt Predel. «Er basiert auf einem komplexen Zusammenspiel aus Technik, Spielintelligenz, Antizipation, taktischem Verständnis und Erfahrung.» Darin würden Spieler mit zunehmendem Alter sogar besser. «Ältere Spieler kompensieren daher einen Teil der altersbedingten körperlichen Einbussen durch effizientere Laufwege, bessere Entscheide und ein exzellentes Stellungsspiel.»
Genervt von Ronaldo, begeistert von Modric
Genau das beobachtet Zabaleta bei Ronaldo oder Messi. «Er geht manchmal nur über das Spielfeld. Aber er geht nicht spazieren. Sondern er scannt genau: Welcher Raum könnte sich auftun? Welche Position nehme ich am besten ein?» Klar ist auch: Ohne ihr Ausnahmetalent, ihren Ehrgeiz und ihre Disziplin hätten Modric und Ronaldo auch alle sportwissenschaftlichen Fortschritte nicht geholfen. Ausnahmeerscheinungen – so nennt sie auch der Experte Predel.
Der Unterschied an dieser WM ist nur: Bei den Portugiesen stören sich einige aufstrebende Spieler augenscheinlich daran, dass sich alles immer nur um Ronaldo dreht. Bei den Kroaten ist die Verehrung für Modric weiter grenzenlos. «Luka ist unglaublich», sagte sein Teamkollege Nikola Vlasic. «Es ist so, als könnte er die Zeit anhalten – und wir sind immer noch zehn Jahre zurück.» (abu/sda/dpa)
