Sprachmemos und die Ehefrau – womit Nagelsmann seinen Spielern auf den Keks ging
Die Zukunft von Julian Nagelsmann als Nationaltrainer Deutschlands steht erheblich in der Schwebe. Die Verantwortlichen beim Deutschen Fussball-Bund sollen sich nach dem enttäuschenden Aus im WM-Sechzehntelfinal gegen Paraguay von dem 38-Jährigen trennen wollen. Als Wunschkandidat für die Nachfolge gilt Jürgen Klopp.
Ein Grund für den Plan, Nagelsmann aus seinem Vertrag zu entlassen, ist die Stimmung im Land, die sich seit der Heim-EM 2024 um 180 Grad gedreht hat. Andererseits sollen aber auch die Spieler nicht mehr zufrieden mit ihrem Trainer sein. Gemäss Berichten ging Nagelsmann dem Team aus mehreren Gründen auf die Nerven.
Spieler wurden «geghostet»
Ein Punkt, der in den letzten Tagen an Nagelsmann von der Öffentlichkeit immer wieder kritisiert wurde, ist seine Kommunikation. Gerade der Umgang mit der Rückkehr von Manuel Neuer oder der Personalie Deniz Undav sorgte für Irritation. Doch der Bundestrainer soll seine «oft schmallippige und beratungsresistente Art nicht nur im Umgang mit der Presse an den Tag gelegt haben», schreibt Sky. Die Mannschaft habe teils erst spät erfahren, was der Matchplan sei. Dass Undav auch gegen Ecuador im letzten Gruppenspiel auf der Bank sitzen werde, erfuhren die Spieler erst bei der Abschluss-Pressekonferenz. Auch intern soll ihm deshalb Sturheit vorgeworfen worden sein.
Ausserdem habe er sich ausserhalb der Trainingsbesprechungen kaum mit den Spielern ausgetauscht und nur wenige Einzelgespräche geführt. Die Bild berichtet, dass von den Spielern immer wieder zu hören gewesen sei: «Der Trainer spricht nicht mit mir.» Dieses Problem habe es aber nicht erst seit WM-Beginn gegeben.
Schon in der Vergangenheit hätten sich die Spieler darüber beklagt. Monatelang habe sich Nagelsmann bei vielen nicht gemeldet, und wenn, dann nur mit kurzen Sprachnachrichten. Lange Gespräche habe es selten gegeben – auch vor der Kadernominierung liess er einige Spieler lange im Unklaren. Auch in den Stadien zeigte er sich nur selten, was ihm ebenfalls angekreidet wird.
Langweiliges Quartier
Unzufrieden zeigte sich das Team auch mit dem Quartier in Winston-Salem. «Stinklangweilig» sei es dort. Rund um das abgelegene Hotel habe es kaum etwas zu tun gegeben. Die Spieler verliessen das Quartier in der Stadt in North Carolina deshalb kaum. Nick Woltemade verriet bei Youtube, dass er und seine Teamkollegen gar irgendwann Verstecken gespielt hätten, weil ihnen nichts Besseres eingefallen sei.
Während der Vorbereitung hauste das deutsche Nationalteam noch mitten in Chicago, wo es sich auch mal etwas ablenken konnte. Das hätte es sich auch für das Turnier gewünscht. Gerade für die jungen Spieler war das Hotel in Winston-Salem dagegen etwas zu altbacken.
Zeit mit Ehefrau statt Team
Dass Nagelsmann mit seinem Team ausserhalb des Trainings nur wenig kommunizierte, lag auch daran, dass er die meiste Zeit mit seinem Trainerteam verbrachte – und mit seiner Frau Lena Wurzenberger, wenn diese im Camp war. Auch die Familien der Spieler durften das Team regelmässig besuchen, was bei einigen Experten ebenfalls auf Kritik stösst. Als Nagelsmann und Wurzenberger, die vor einigen Jahren selbst für die «Bild» gearbeitet hat, aber einmal gemeinsam mit dem Velo zum Training gefahren sind, empfanden dies gemäss der deutschen Tageszeitung gar einige Spieler als unpassend für eine Weltmeisterschaft.
Nur Ja-Sager im Trainerstab
Nagelsmann wird in der Öffentlichkeit ein Mangel an Kritikfähigkeit nachgesagt. Und dieser drücke sich auch in seinem Trainerstab aus. Seit dem Abgang von Assistenztrainer Sandro Wagner im April 2025 fehlte in diesem eine echte Gegenstimme zu Nagelsmann. «Die widersprechen ihm nicht», sagt ein Nationalteam-Insider gegenüber dem Spiegel über Nagelsmanns Assistenten, die grösstenteils aus dessen Zeit bei Hoffenheim kommen.
Dies habe schon vor Turnierbeginn für Kritik aus Spielerkreisen gesorgt. Wagner sei hingegen sehr geschätzt worden und habe als nahbare Respektsperson mit natürlicher Autorität gegolten. Zudem habe er taktische Inhalte oft einfacher erklärt als Nagelsmann, dem nachgesagt wird, seine Spieler manchmal zu überfordern. Nagelsmann und Wagner, der sich bei Augsburg als Cheftrainer versuchte, aber scheiterte, sollen das Heu am Ende nicht mehr auf derselben Bühne gehabt haben.
Schlechte Physios
Darüber hinaus beschwerten sich mehrere Stars angeblich auch über die physiotherapeutische Betreuung während der WM. Ein bei den Spielern beliebter Physiotherapeut sei Anfang des Jahres entlassen worden. Dieser habe vor allem Sandro Wagner nahegestanden und sei eine Vertrauensperson einiger Spieler gewesen. Seine Nachfolge konnte ihn wohl nicht ersetzen.
Gemäss Sky sei es gar so weit gegangen, dass auf Wunsch von Captain Joshua Kimmich und einigen anderen ein externer Physio nach Winston-Salem geholt worden sei. Dieser habe eine zweistellige Anzahl deutscher Nationalspieler in externen Räumen nahe dem Teamhotel betreut.
Auch diese Episode wirft kein gutes Licht auf Nagelsmann und führte wohl dazu, dass sich Trainer und Spieler langsam entfremdet haben. Ob dies auch zum Ende der Ära Nagelsmann als Bundestrainer führen wird, dürfte schon in den nächsten Tagen klar werden.
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