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Simon Moser und Kaspar Daugavins waren nach der 1:4-Pleite in Lausanne sichtlich bedient.
Simon Moser und Kaspar Daugavins waren nach der 1:4-Pleite in Lausanne sichtlich bedient.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Der SCB steuert schon wieder auf eine Krise zu – alles nur eine Frage der Geduld?

Beunruhigender Zuschauerrückgang, wildes «Pausenplatz-Hockey» statt meisterliches «Schablonen-Spiel» und Absturz auf Rang 12. Die alles entscheidende Frage ist: Wie viel Geduld haben die Fans und die SCB-Bürogeneräle?
30.09.2021, 21:1001.10.2021, 12:50

Die Hockeygötter richten jedem bei der Schicksals-Bank ein Geduldskonto ein. Dort können Präsidenten, Manager, Sportchefs und Trainer im Erfolg einzahlen und in der Not über ein bestimmtes Guthaben verfügen. Wenn dieses Guthaben aufgebraucht ist, folgen Absetzung oder Entlassung. Das Problem ist nur: Keiner weiss genau, wie viel Geduld noch auf seinem Konto ist.

Nein, an Cory Conacher hat es bislang nicht gelegen, dass der SCB nicht auf Touren kommt.
Nein, an Cory Conacher hat es bislang nicht gelegen, dass der SCB nicht auf Touren kommt.
Bild: keystone

Die SCB-Granden haben mit drei Titeln zwischen 2016 und 2019 viel aufs Geduldskonto eingezahlt. Aber seit der letzten Meisterschaft von 2019 gehen sie mit ihrem Guthaben verschwenderisch um. Johan Lundskog ist schon der fünfte Trainer seit dem Beginn der Saison 2019/20. Seit der letzten Meisterfeier sind dem Publikum bereits 13 verschiedene Ausländer präsentiert worden. Zu viele davon taugten nicht für unsere Lauf- und Tempo-Liga. Die taktisch beste Mannschaft des Landes ist verlottert und aus meisterlichem «Schablonen-Spiel» ist wildes «Pausenplatz-Hockey» geworden. Da wartet noch viel, viel, viel Arbeit auf Trainer Johan Lundskog.

SCB-Trainer Lundskog hat das richtige Rezept noch nicht gefunden.
SCB-Trainer Lundskog hat das richtige Rezept noch nicht gefunden.
Bild: keystone

Seit dem letzten Titelgewinn haben sich die Berner in einem schleichenden Prozess von den Respektablen in die Miserablen verwandelt: zweimal Rang 9 in der Qualifikation und aktuell Platz 12 in der Tabelle. Der Zuschauerschnitt ist von 16'290 auf beunruhigende 12'928 gesunken. Das ist in absoluten Zahlen der grösste Rückgang aller Flachlandteams der Deutschschweiz. Der SCB lebt wie kein anderes Hockey-Unternehmen von den verkauften Tickets und der Bewirtschaftung der Matchbesucherinnen und -besucher.

So wie der gläubige Katholik in guten wie in schwierigen Zeiten Anleitung in den Hirtenbriefen der Bischöfe findet, so spenden die Hirtenbriefe der SCB-Oberen dem gläubigen SCB-Fan Trost. Es sind stets lesenswerte Schriftstücke, ja gelegentlich gar Essays (= geistreiche Abhandlungen).

Nun wendet sich in sportlich schwierigen Zeiten Untersportchef Andrew Ebbet in seinem «Hirtenbrief» auf der SCB-Homepage an die Fangemeinde und bittet um Nachsicht: «Wir müssen noch etwas Geduld haben, um alle auf die gleiche Seite zu bringen.» Und gelobt Besserung: «Ich bin sicher, dass wir am Freitag und Samstag einen viel stärkeren SCB sehen werden.»

Und dann wird er unverhofft deutlich: «Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir natürlich nach Lösungen suchen. Wir beobachten den Markt hier in der Schweiz und im Ausland permanent.» Potz Donner! Seine Message, offiziell auf der Homepage seines Arbeitgebers, ist eigentlich unmissverständlich: Nach Lösungen suchen heisst handeln. Das tönt schon ein bisschen nach Ungeduld.

Was zur Frage führt: Warum braucht der SCB so viel Zeit, um wieder respektabel zu werden? Die Frage geht an Raëto Raffainer: Warum dauert es so lange? Er hat den HC Davos als Sportdirektor in einer einzigen Saison sportlich saniert und vom 11. Schlussrang auf den 3. Platz verbessert, nur zwei Punkte hinter dem Qualifikationssieger (ZSC Lions).

Raëto Raffainer hat die Geduld noch nicht verloren.
Raëto Raffainer hat die Geduld noch nicht verloren.
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Der SCB-Obersportchef relativiert: «Die Situation ist nicht vergleichbar. In Davos hat einfach alles gepasst. Wir hatten beispielsweise bis zum 8. Dezember keine Verletzungen.» Und er mahnt zur Geduld. «Ich habe bei meinem Amtsantritt in Bern gesagt, dass wir drei Jahre brauchen.» Er hat seine Arbeit in Bern am 1. Februar dieses Jahres aufgenommen. Das bedeutet: Der SCB wird im Februar 2024 wieder respektabel sein. Das sind dann schon vier Jahre nach dem 9. Platz von 2020. Da braucht es noch viel Geduld.

Recht hat er ja: Eine ganze Reihe von wichtigen Spielern ist seit längerer oder kürzerer Zeit verletzt (Eric Blum, Thomas Rüfenacht, Vincent Praplan, Beat Gerber) und Kaspars Daugavins lahmt. Ihn plagen muskuläre Probleme. Seit Leonardo Genoni den SCB im Sommer 2019 verlassen hat, fehlt dem SCB eine charismatische Nummer 1 im Tor und erst seit dieser Saison gibt es nach drei Jahren voller Irrungen und Wirrungen wieder eine sportliche Führung mit ruhigem und klarem Verstand.

In Rapperswil-Jona dauerte es drei Jahre, bis aus den Miserablen die Respektablen wurden. 2015 stiegen sie ab, 2018 kehrten sie in die National League zurück und gewannen auch noch den Cup. Und im dritten Jahr nach dem Aufstieg standen sie im letzten Frühjahr bereits im Playoff-Halbfinal. Allerdings wechselten sie in diesen sechs Jahren nie den Trainer. Jeff Tomlinson ist erst auf diese Saison durch Stefan Hedlund ersetzt worden. Und seit gut fünf Jahren ist Melvin Nyffeler eine charismatische Nummer 1 im Tor.

Melvin Nyffeler ist das Gesicht der neuen Lakers.
Melvin Nyffeler ist das Gesicht der neuen Lakers.
Bild: keystone

Kontinuität zahlt sich aus. Noch vor einem Jahr war ein Sieg der Lakers in Bern fast eine Sensation. Inzwischen wäre ein SCB-Sieg gegen die Lakers eine schöne Überraschung.

Gut, dass der SCB-Obersportchef bereits weiss, wie man einen Trainer trotz heftiger Kritik im Amt behält: Als Sportdirektor des Verbandes hat Raëto Raffainer auch nach enttäuschenden WM-Auftritten (2016, 2017) und einem miserablen olympischen Turnier (2018) eisern an Nationaltrainer Patrick Fischer festgehalten. Bereits 2018 hat Patrick Fischer die Schweiz in den WM-Final geführt. Inzwischen ist der Zuger eine Lichtgestalt unseres Hockeys geworden. Bis SCB-Trainer Johan Lundskog eine Lichtgestalt des Berner Hockeys ist, dauert es noch ein wenig.

Das Lebensmotto der Berner mag den Schweden ein wenig beruhigen: «Nume nid gsprängt, aber gäng e chly hü!». Sinngemäss für «Eile mit Weile!» oder «Überhaste nichts, aber lass dennoch dein Ziel nicht aus den Augen».

Die SCB-Fans zählen nicht zu den geduldigsten ihrer Zunft.
Die SCB-Fans zählen nicht zu den geduldigsten ihrer Zunft.
Bild: keystone

Die Berner sagen manchmal aber auch: «Jetz isch gnue Heu dunge». Was so viel bedeutet: «Jetzt reicht es!» oder «Das Mass ist voll!»

Die entscheidende und zugleich bange Frage ist also: Wie viel Geduld haben die Fans? Wie viel Geduld haben SCB-Manager Marc Lüthi und sein Ober- und Untersportchef?

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