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Eishockey-WM: Österreichs bitterste Stunde erinnert an die Schweiz

Players of Austria stand on ice after the preliminary round match between Austria and Great Britain at the Ice Hockey World Championships in Prague, Czech Republic, Tuesday, May 21, 2024. (AP Photo/Pe ...
Die Enttäuschung ist ihnen ins Gesicht geschrieben: Österreich ist an der Eishockey-WM ausgeschieden.Bild: keystone
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Österreichs bitterste Stunde – nun ist Arno del Curto ein «Schweizer Mythos»

Österreich verliert mit einer Pleite gegen Absteiger Grossbritannien (2:4) alle Chancen auf den Viertelfinal. Auch Arno Del Curto konnte kein Wunder bewirken.
21.05.2024, 16:4921.05.2024, 17:34
klaus zaugg, prag
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Beginnen wir mit etwas Boshaftigkeit. Der Chronist denkt: Hat er diese Aussagen, diese Erklärungen und Analysen nicht schon oft nach bitteren Niederlagen bei den Schweizern gehört? Der Grundtenor ist nämlich: Es war eine tolle WM, aber diese Niederlage tut soooo weh.

Richtig: So war es für die Schweizer nach den Viertelfinals von 2019, 2021, 2022 und 2023. Vor allem 2022 und 2023, als uns das «Aus» nach Platz 1 in der Vorrunde jäh ereilt hat.

Die Österreicher haben das letzte Gruppenspiel gegen Absteiger Grossbritannien verloren. Bei einem Sieg nach 60 Minuten hätte es im Falle einer Niederlage der Finnen nach 60 Minuten gegen die Schweiz zum ersten Viertelfinal der Geschichte gereicht. Aber das ist nun kein Thema mehr. Es ist einerseits Österreichs bitterste Stunde.

Die Highlights der Österreicher Niederlage gegen die Briten.Video: YouTube/IIHF Worlds 2024

Aber andererseits war es trotz allem Österreichs beste WM seit der Bronze-Medaille 1947 in Prag. Hinter der Tschechoslowakei und Schweden, aber vor der Schweiz. Noch nie hat Österreich im Ausland bei allen Partien vor so vielen Fans gespielt wie nun hier in Prag. Es waren so viele Anhängerinnen und Anhänger nach Prag gereist, dass es fast war, als würden wir noch in den alten Zeiten von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Sissi leben: Damals gehörte Prag, das goldene, zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich.

Die Niederlage der Mannschaft von Roger Bader (und natürlich auch von Arno Del Curto) ist ein Klassiker. Gut geeignet als Lehrfilm für ein Trainer-Ausbildungsseminar.

Ein Aussenseiter, der gegen die Titanen unbeschwert aufspielt, sensationelle Resultate erreicht (5:6 n. V. nach 1:6 gegen Kanada, 3:2 gegen Finnland) und dann auf einmal etwas zu verlieren hat und scheitert.

Ambris Dominic Zwerger, der das Herz auf der Zunge trägt und die Kunst der geschäftsmässigen Auskunft nicht beherrscht, sagt mit leerem Gesichtsausdruck: «Was soll ich sagen?» Seine Miene sagt mehr als tausend Worte. Immerhin kommt doch noch eine tröstende Erkenntnis: «Die positiven Erinnerungen werden überwiegen. Aber jetzt müssen wir erst diese Enttäuschung verarbeiten.» Eigentlich ist es ja für ihn wie meistens daheim in Ambri nach der Saison. Oder doch ähnlich. Wir haben bei dieser WM den besten Dominic Zwerger der Geschichte gesehen: 2 Tore und 6 Assists in 7 Spielen auf höchstem Weltniveau. Ein fliegender, schlauer, eleganter Künstler, Spielmacher, Leitwolf und Topskorer der Österreicher. Grande Zwerger!

Marco Rossi, beim ZSC ausgebildet, jetzt in der NHL unter Vertrag, analysiert es geschäftsmässig und bringt es auf den Punkt: «Es waren die Nerven.» Nach einem guten ersten Beginn (in der 23. Minute fiel das 1:0) habe man die Geduld verloren. Marco Rossi ist mit 6 Skorerpunkten (1 Tor / 5 Assists) leicht unter den Erwartungen geblieben. Und wenn wir schon bei den «Schweizern» sind: Bernd Wolf war der «Roman Josi des armen Mannes»: zwar nur ein Assist in sieben Spielen, aber mit Plus 7 (!) die beste Plus/Minus-Bilanz des Teams. Vielleicht hätte Lugano die Offerte von Kloten kontern sollen.

L-R Dominic Zwerger, Marco Rossi and Peter Schneider all AUT celebrate a goal during the 2024 IIHF World Championship, WM, Weltmeisterschaft group A, match Canada vs Austria, in Prague, Czech Republic ...
Dominic Zwerger und Marco Rossi (r.).Bild: www.imago-images.de

Nationaltrainer Roger Bader war im Erfolg bescheiden und sachlich und er ist jetzt auch nach einer enttäuschenden Niederlage ruhig und umsichtig. Seine Analyse ist im Kern die gleiche wie die von Marco Rossi: die Nerven.

Die Frage ist natürlich, warum Arno Del Curto nicht helfen konnte. Warum sein Mythos nicht wirkte. Marco Rossi sagt, es liege an den Spielern, nicht an den Trainern und fügt an: Arno sei super. «Ich hoffe, dass er auch künftig wieder dabei sein wird.»

Das sagt Roger Bader nach dem WM-Aus:
Auf die Frage, ob diese Niederlage ein Fleck auf die ansonsten tolle WM-Kampagne sei, antwortete Bader: «Das ist es für mich nicht. Was das Team hier geleistet hat, ist nicht normal. Wir lösten in Österreich eine Euphorie aus, es interessierten sich Leute für uns, die normalerweise kein Eishockey schauen.»

Für Bader sind die Österreicher nun eine etablierte A-Nation, nachdem sie zum dritten Mal den Verbleib in der höchsten Liga geschafft haben. «Zu dieser Aussage stehe ich. Dennoch geht es auch im nächsten Jahr in erster Linie darum, den Klassenerhalt zu sichern, bevor wir dann von anderen Dingen träumen. Das ist vielleicht das Positive aus der bitteren Niederlage, dass wir sahen, dass die Bäume für uns nicht in den Himmel wachsen.» (sda)
Austria?s head coach Roger Bader, right, and assistant coach Arno Del Curto, left, react during the Ice Hockey World Championship group A preliminary round match between Switzerland and Austria in Pra ...
Das Schweizer Trainer-Gespann an Österreichs Bande: Arno Del Curto und Cheftrainer Roger Bader.Bild: keystone

So wie das echte Phantom der Oper den Medien nie Red und Antwort gestanden ist, so taucht Arno Del Curto, das Phantom dieser Wiener Hockey-Oper, auch nach dem letzten Spiel nicht in der Mixed Zone auf.

Was seiner Mystifizierung in keiner Weise schadet. Er ist nun eben ein echter Schweizer Mythos. In Davos oben war er zwar ein mehrfacher Meistertrainer. Also ein meisterlicher Mythos. Aber auf internationaler Ebene halt ein Schweizer Mythos: wunderbare Siege, tolle Emotionen, Dramen und Triumph – aber am Ende, wenn es wirklich zählt, reicht es halt doch nicht.

Aber vielleicht wird diese etwas boshafte Definition noch bei dieser WM im Viertelfinal von den Schweizern Lüge gestraft.

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15 Kommentare
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Bondurant
21.05.2024 18:58registriert April 2018
Als Eishockeybegeisterter ziehe ich den Hut vor unseren Nachbarn. Irgendwie erinnert dieses Ösi-Team an unsere Nati vor ca. 15 Jahren: 1-2 NHL-Spieler, die Wunder vollbringen sollen, ehrenvolle Niederlagen gegen die «Grossen», den einen oder anderen konnte man auch ärgern aber am Schluss geht man mit wehenden Fahnen und Nervenflattern unter. Und ja, ich mag dieses Team, ist es doch auch ein bisschen ein Schweizer Nati «light»: Zwerger, Baumgartner, Raffl, Rohrer, Wolf, Rossi, Schneider etc. spielten eine tolle WM. Österreich wird seinen Weg gehen, so wie unsere Jungs auch!
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