Der Weg zur Macht ist für SCB-Kultfigur Marc Lüthi frei
Marc Lüthi (64) als Verbandspräsident – geht das überhaupt? Ja, das geht. Er ist sogar der perfekte Kandidat. Erstens hat er keinerlei Verbindungen mehr mit dem SCB, er hat auch seine SCB-Anteile verkauft. Zweitens ist die National League juristisch und operativ vom Verband unabhängig – als Verbandspräsident kann er also nichts mehr für den SCB tun. Höchstens sich dereinst bei einer WM-Vergabe an die Schweiz für den Standort Bern einsetzen.
Marc Lüthi hat wohlweislich noch nicht offiziell bestätigt, dass er zur Wahl antreten wird. Es ist wie bei der Wahl in den Bundesrat: Selbst dann, wenn man will, muss man Geduld haben und warten, bis man dazu überredet, ja gedrängt wird. Der Leistungssport (die National League zusammen mit der Swiss League) hält 50 Prozent der Aktien des Verbandes und schlägt den Kandidaten fürs Präsidium vor. Es kann also nur Präsident werden, wer der National League genehm ist – die Swiss League sitzt in dieser Sache als Erfüllungsgehilfin auf dem Beifahrersitz.
Die NL-Meinungsmacher – allen voran ZSC-Manager Peter Zahner und HCD-Präsident Gaudenz Domenig – haben sich für Marc Lüthi ausgesprochen. Auch die Vertreter der mächtigsten welschen Klubs (Lausanne, Servette) haben Zustimmung signalisiert. Das bedeutet: Der Weg zur Macht ist für die SCB-Kultfigur im Ruhestand frei.
Wir stehen also vor einem der überraschendsten, aber voraussichtlich auch reibungslosesten Kommandowechsel in der Geschichte unseres Verbandes (seit 1908). Alles ist aufgegleist. Urs Kessler (64) geht, Marc Lüthi (64) kommt und zum ersten Mal seit Menschengedenken ist keine mühselige Kandidatensuche erforderlich und es muss keine Findungskommission eingesetzt werden. Das spart viel Zeit, Energie, Sitzungsgeld und Spesen.
Offiziell ist erst der Rücktritt von Urs Kessler. Die Kandidatur von Marc Lüthi ist noch nicht offiziell, aber aufgegleist. Sie wird am nächsten Mittwoch vom Verwaltungsrat der National League im Rahmen der ordentlichen Sitzung während der traditionellen «Schulreise» nach Prag beschlossen. Offen ist noch, ob für seine Wahl bis zur offiziellen Aktionärsversammlung des Verbandes zugewartet oder vorher eine einberufen wird. Der Verband ist als Aktiengesellschaft konstituiert und Marc Lüthi wird von Urs Kessler das Amt des Präsidenten des Verwaltungsrates übernehmen.
Urs Kessler ist vor gut neun Monaten ins höchste Amt unseres Hockeys berufen und gewählt worden. Der erfolgreiche Unternehmer, Architekt des Erfolges der Jungfraubahnen und dort unter anderem Realisator eines 500-Millionen-Bahnprojektes, ist nicht gescheitert. Er hat lediglich seine Ohnmacht erkannt und die Konsequenzen gezogen.
Der siebenköpfige Verwaltungsrat hat praktisch alle seine Vorstösse blockiert und er bringt es auf den Punkt: «Ich bin kein Verwalter.» Man habe einen Macher gewollt, aber nur einen Verwalter geduldet. Er gehe ohne Groll und blicke auf erlebnisreiche Monate zurück. «Wahrscheinlich hatte keiner meiner Vorgänger in so kurzer Zeit so viele schwierige Dossiers auf dem Tisch.»
Es ist ihm unter anderem nicht gelungen, die ausufernde Bürokratie und die Lohnexzesse am Verbandshauptsitz einzubremsen, alle Versuche einer Reform der Swiss League sind abgeblockt worden und er hatte den «Fall Fischer» und den damit verbundenen Wechsel an der nationalen Bande von Patrick Fischer zu Jan Cadieux kurz vor der WM zu orchestrieren. Den sofortigen Rücktritt erklärte er am Tag nach der WM und hatte – um keinerlei Gerüchte aufkommen zu lassen – während der WM auf alle Interviews und öffentliche Auftritte verzichtet. Ein Abgang mit Stil und Anstand.
Die Lehre aus der kurzen Amtszeit von Urs Kessler: Ein erfolgreicher Macher aus der Privatwirtschaft kann den Eishockeyverband offensichtlich ohne Kenntnis der besonderen Verhältnisse unserer Hockeykultur nicht mehr führen. Weil zu viele durch Eitelkeiten emotional aufgeladene Eigeninteressen – mehrere Regionalverbände, Amateurhockey, Juniorenligen, Nationalmannschaften, Swiss League und die juristisch unabhängige National League – bei der Problemlösung viel Geduld, politische Schlauheit, Kommunikationstalent, Charisma, Kritikresistenz, Durchsetzungsvermögen und vor allem ein weitverzweigtes Hockey-Netzwerk erfordern.
Es sind Eigenschaften und Erfolgsvoraussetzungen, die Marc Lüthi mitbringt – plus ein grosses internationales Netzwerk als Präsident der europäischen Profi-Eishockeyclubs (Alliance of European Hockey Clubs). Einer Organisation, die die Interessen von über 100 Klubs auch beim Internationalen Eishockeyverband (IIHF) vertritt.
Zu den brisantesten Dossiers wartet auf den neuen Obmann die noch von seinem Vorgänger in Auftrag gegebene externe Administrativ-Untersuchung zum «Fall Fischer». Sie ruhte während der WM. Obwohl diese Untersuchung von der hauseigenen Kanzlei gemacht wird, die sich um das juristische Wohl des Verbandes kümmert und deshalb nicht als unabhängig bezeichnet werden kann: Es ist eine «hockeypolitische Zeitbombe».
Erste Aussagen sind gemacht und zeigen, dass Kommunikationschef Finn Sulzer seine Chefs in der Verbandsverwaltung pflichtgetreu davon in Kenntnis setzte, dass Patrick Fischer die Sache mit dem gefälschten Impfzertifikat für die Olympischen Spiele in Peking dem TV-Mann Pascal Schmitz ausgeplaudert hat und diese Information von Sulzers Vorgesetzten nicht an Urs Kessler weitergegeben worden ist. Inzwischen herrscht in Hockeykreisen weitgehend Einigkeit: Hätte Kessler davon gewusst, hätte er wahrscheinlich genug Zeit gehabt, die Sache mit den TV-Bürogenerälen zu regeln und eine Enthüllung vor der WM zu verhindern. Und die Frage wird zu beantworten sein: Warum ist die Sache vor dem Präsidenten geheim gehalten worden? Wer hatte da warum ein schlechtes Gewissen? Befürchtete da jemand kritisches Nachfragen des Präsidenten, wenn er davon erfahren hätte? Wir wollen nicht grübeln.
Der Abschluss der Untersuchung wird in fünf bis sieben Wochen erwartet. Gut möglich, dass dann eine von Marc Lüthis ersten Amtshandlungen in den Verbandsbüros die Auflösung von Arbeitsverträgen sein wird. Im gegenseitigen Einvernehmen und unter Absingen von Psalmen natürlich. Und weil sich die Betroffenen schon seit Langem auf neue berufliche Herausforderungen freuen.
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