Vor 4 Jahren war Udo Portmann noch Turnlehrer – heute ist er Chef beim FC Luzern
Zweimal sagt Udo Portmann dem FC Rothenburg ab. Luigi Tilli, damals Sportchef des Drittligisten, will den Erstligaspieler des SC Cham verpflichten. Als wenig später der Trainerposten frei wird, ruft Tilli ein drittes Mal an. «Ich habe euch doch schon zweimal abgesagt!», sagt Portmann lachend. Erst beim Stichwort Spielertrainer hört er zu. In Rothenburg spielen Freunde, in Cham ist Portmann nach einem Achillessehnenriss nicht mehr gesetzt. «Eigentlich habe ich nie geplant, Trainer zu werden», erinnert sich Portmann. «Weil die Anfrage von Freunden kam, dachte ich aber: Ich probiere das einmal aus.»
So beginnt Portmanns Trainerlaufbahn. Inzwischen ist das fast zwei Jahrzehnte her. Am Samstag sitzt der 49-Jährige beim Heimspiel gegen Meister Thun erstmals als Cheftrainer des FC Luzern auf der Bank. Die Wahl überrascht: Obwohl er einst die FCL-Nachwuchsstufen durchlief, war Portmann nie Profi und arbeitete sich über den Amateur- und Nachwuchsfussball nach oben.
Mit Teamgeist zu den ersten Erfolgen
Vom FC Luzern ist Portmann in Rothenburg weit entfernt, als der Spielertrainer 2007 das kriselnde Drittligateam übernimmt. «Ich bin froh, dass ich mich nicht mehr an alles erinnere», sagt er heute. Er übernimmt Übungen früherer Trainer und arbeitet aus dem Bauch heraus. Tilli erkennt dennoch Potenzial: «Er hatte eine klare Idee von seinem Fussball und eine extrem hohe Sozialkompetenz.» Portmann formuliert es zurückhaltender: «Es funktionierte irgendwie. Bei mir könnte damals aber schon die Erkenntnis entstanden sein, dass Erfolg möglich ist, wenn es menschlich stimmt.» Nach dem Ligaerhalt steigt er mit Rothenburg ein Jahr später in die 2. Liga auf.
Nach dreieinhalb Jahren übernimmt Portmann den FC Eschenbach. Der Aufsteiger und Cupsieger trennt sich für ihn vom bisherigen Trainer – entsprechend skeptisch ist das Umfeld. «Doch innert kürzester Zeit hatte Udo noch mehr Erfolg mit uns», sagt der damalige Spieler Mario Sager. Mit einer jungen Mannschaft verpasst Eschenbach den Aufstieg in die 1. Liga nur knapp. Besonders beeindruckt hat Sager Portmanns Umgang mit den Spielern: «Er wusste genau, wie er die Spieler nehmen musste.» Selbst jene, die wenig spielen, fühlen sich als Teil des Teams. An die Super League denkt Portmann damals nicht. «Udo sagte, es gebe so wenige Stellen als Profitrainer, da würden ohnehin nur die grossen Namen genommen», erinnert sich Sager.
Dann meldet sich der SC Cham. Sportchef Marcel Werder, der Portmann aus gemeinsamen Spielerzeiten kennt, verpflichtet ihn. Schon als Innenverteidiger sei er ein Leader gewesen: «Er kommunizierte viel, organisierte und übernahm Verantwortung. Gleichzeitig war er ein guter Typ, den alle mochten.»
Der Sprung aus der 2. Liga interregional zu einem Erstligisten löst bei Portmann ein Kribbeln aus. Er achtet besonders auf informelle Hierarchien: «Das kann zum Beispiel der Materialwart sein. Wenn man neu in einen Klub kommt und diese Antennen nicht ausfährt, kann man in der ersten Woche bereits sehr viel kaputtmachen.»
Fehlerfrei verläuft Portmanns Zeit in Cham nicht. Nach einer erfolgreichen Saison, in der das Team die Aufstiegsspiele erreicht, gerät Cham plötzlich in Abstiegsgefahr. Portmann spricht heute von der «schwierigsten Phase» seiner bisherigen Trainerkarriere. «In einer solchen Situation beginnt man wirklich, jeden Stein umzudrehen.» Er erkennt, dass er sich zu stark auf einen festen Kern konzentriert hat. «Ich hatte das Gefühl, mit vierzehn oder fünfzehn Spielern gut unterwegs zu sein. Andere fühlten sich dadurch vielleicht nicht mehr genügend wertgeschätzt. So entsteht eine Dynamik, die man zunächst gar nicht wahrnimmt.»
Portmann verändert seinen Umgang, die Mannschaft fängt sich. Später führt er Cham in die Promotion League und etabliert den Klub dort. Werder sagt: «Er ist dafür gemacht, eine Gruppe zu formen und alle mit ins Boot zu holen.»
Woher dieses Gespür kommt, lässt sich nicht allein mit dem Fussball erklären. Während Portmann am Abend Mannschaften trainiert, steht er tagsüber fast 20 Jahre lang als Sportlehrer vor Jugendlichen.
Der Lehrerberuf liegt in der Familie: Seine Mutter war ebenfalls Lehrerin, genauso wie zwei seiner drei älteren Schwestern. Auch Portmann erkennt früh ein entsprechendes Talent: «Ich hatte schon früh das Gefühl, dass Menschen bereit sind, mir zuzuhören, wenn ich etwas erkläre.»
Ehemalige Schüler erinnern sich gerne an den früheren Sportlehrer der Kantonsschule Musegg. Michael Koch, 31, sagt: «Egal, ob es sich um sportlich talentierte oder weniger sportinteressierte Schülerinnen und Schüler handelte: Er fand zu allen einen guten Zugang. Mit seiner Leichtigkeit und seinem Feingefühl schaffte er es, dass sich alle als Teil der Gruppe fühlten.»
Portmann führt das auf «Grundrespekt gegenüber jedem Menschen» zurück. Gerade weniger sportinteressierte Jugendliche hätten oft Misserfolge erlebt. Wer ihnen ständig sage, was sie nicht könnten, verschärfe das Problem. Wer ihnen dagegen zeige, dass sie trotzdem etwas wert seien, sie bestärke und mittrage, verändere die Dynamik.
Lucca Bühler, 29, erinnert sich gerne an seinen früheren Lehrer, der im Sportunterricht häufig Fussball spielen lässt. Als der Trainer des damaligen Drittligisten Adligenswil entlassen wird, fragt Bühler Portmann, ob er nicht übernehmen wolle. Dieser entgegnet augenzwinkernd: «Für euch bin ich viel zu teuer.»
Zwischen einer Schulklasse und einer Fussballmannschaft gibt es Ähnlichkeiten. Gleichsetzen lasse sich beides dennoch nicht, betont Portmann. In der Schule entwickle sich jeder individuell, im Fussball verfolge die Gruppe ein gemeinsames Ziel. Was beide Bereiche verbindet: Wer sich gesehen fühlt und Vertrauen spürt, ist eher bereit, mehr zu leisten.
Menschenführung ersetzt für Portmann nicht die fussballerische Arbeit. Seine Mannschaft soll offensiv, mutig und intensiv spielen. «Für mich muss zuerst die menschliche Basis stimmen. Danach kann man über Taktik und Systeme sprechen.»
Ein Jahr ohne Fussball – und fast noch ein zweites
Jahrelang laufen beide Welten parallel: tagsüber Schule, abends Training, am Wochenende Match. Irgendwann funktioniert das nur noch am Anschlag. 2019 hört Portmann nach sieben Jahren in Cham auf. «Ich wollte lieber gehen, wenn die Leute sagen: Schade, dass du gehst, als wenn sie sagen: Jetzt ist es definitiv Zeit.» Auch die Familie trägt viel mit; in den Schulferien beginnt die fussballerische Vorbereitung.
Das Jahr ohne Fussball geniesst Portmann. «Ich dachte fast, es gehe auch ohne.» Er erwägt sogar ein zweites Jahr Pause. Dann kommt das Angebot aus dem FCL-Nachwuchs – und das Feuer kehrt zurück.
Der Junioren-Spitzenfussball unterscheidet sich von seinen bisherigen Stationen. Im Nachwuchs beginnt der Prozess jedes Jahr von vorne. Neue Gesichter, neue Charaktere und neue Hierarchien. Portmann muss immer wieder herausfinden, wer welche Ansprache benötigt und wie aus einer Gruppe eine Mannschaft werden kann. Genau darin liegt für ihn der Reiz. «Das gibt mir die Energie für mein ganzes Leben», sagt er. «Eigentlich darf ich jeden Tag das machen, was ich auf dieser Welt am liebsten tue.»
Vor dreieinhalb Jahren gibt er deshalb den Lehrerberuf auf und setzt ganz auf den Fussball. Aus einem fernen Traum wird eine Vision und schliesslich ein konkretes Ziel: «Nach meiner letzten Ausbildung dachte ich erstmals: Ich habe das Zeug zum Profitrainer.»
Der vermeintliche Rückschritt zur U17
Noch vor einem Jahr wechselt Portmann von der U19 zur U17 – von aussen wirkt das wie eine Zurückstufung. «Natürlich hätte ich im ersten Moment lieber die U19 weitertrainiert», sagt er. Der Verein erklärt ihm, dass Christian Schwegler die höhere Stufe für seine Ausbildung benötigt. Nach dem ersten Training ist die Enttäuschung verflogen: «Ich dachte einfach: Wow. Ich hatte sofort Freude an dieser Mannschaft.»
Als der Trainerjob bei den Profis frei wird, rechnet sich Portmann Chancen aus. Den Schritt in die Super League sieht er nicht als Risiko. «Natürlich ist mir bewusst, wie schnell es im Fussball gehen kann. Aber ich beschäftige mich nicht ständig mit der Frage, was danach passiert.» Seine Frau unterstützt die Entscheidung. In ihrer Beziehung gelte häufig derselbe Satz: «Komm, wir probieren das.»
Drei Tage vor seinem ersten Spiel als Super-League-Trainer leitet Udo Portmann auf dem Nebenplatz der Allmend das FCL-Training. Auf Hochdeutsch erklärt er die Übung in klaren, präzisen Worten. Danach verfolgt er die Aktionen, klatscht in die Hände und treibt seine Spieler an: «Komm!» Nervosität ist ihm nicht anzumerken.
In der Innerschweiz sind die Sympathien für den Trainer aus den eigenen Reihen gross. Jemand habe ihm geschrieben, wie schön es sei, im Radio wieder einen FCL-Trainer mit Luzerner Dialekt zu hören. Udo Portmann freut sich darüber, sagt aber: «Der Luzerner Dialekt holt keine Punkte.» Ob seine Menschenführung auch unter dem Resultatdruck der Super League trägt, zeigt sich erstmals am Samstag beim Heimspiel gegen Meister Thun. (schweizheute.ch)

