«Absolute Schande» – Suche nach Gegenkandidat zu Infantino wird intensiviert
Die beispiellose Begnadigung des amerikanischen Teams durch die FIFA sorgt in der Fussballwelt für einen Sturm der Entrüstung. Dass ein US-Präsident den FIFA-Präsidenten anruft und mit ihm bespricht, dass die Sperre von Stürmer Folarin Balogun für den WM-Achtelfinal ausgesetzt wird, ist ein inakzeptabler Eingriff in die Integrität des Spiels und des Turniers. Wie der US-Sender CBS unter Berufung auf informierte Kreise berichtet, gab Trumps Telefonat mit Infantino den Ausschlag.
«Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben – das ist verrückt, das stellt alles infrage», sagte etwa der designierte deutsche Bundestrainer Jürgen Klopp. Englands Ex-Stürmer Wayne Rooney hielt fest: «Infantino sollte sich dafür schämen, denn die Fairness des Spiels ist infrage gestellt. Es ist falsch in jeder Hinsicht.»
Schon die Verleihung eines spontan kreierten FIFA-Friedenspreises durch Infantino an Trump an der Gruppenauslosung der WM war weitherum auf Ablehnung gestossen. Offenbar gilt das auch für den Vorstand der UEFA, des europäischen Fussballverbands.
Hoher FIFA-Funktionär: «Absolute Schande»
Wie der französische Journalist Romain Molina meldet, regt sich dort immer grösserer Widerstand gegen Infantino. Hinter den Kulissen würden mehrere UEFA-Vorstandsmitglieder seit einiger Zeit daran arbeiten, einen Gegenkandidaten zum FIFA-Präsidenten zu lancieren. Infantino will sich im nächsten Jahr zur Wiederwahl stellen.
«Seit der Entscheidung, Trump einen Gefallen zu tun, diskutieren andere Führungskräfte des Weltfussballs über die Idee, eine Alternative zu finden», schreibt Molina. «Ihre Meinung ist, dass es so nicht weitergehen kann.»
Der «Bild»-Zeitung liegen nach eigenen Angaben Informationen vor, wonach selbst FIFA-Funktionäre wütend über die Balogun-Begnadigung sind. Ein Vizepräsident des Weltverbands, der anonym bleiben wolle, habe die Aufhebung der Sperre als «absolute Schande» bezeichnet.
Mehrheit steht hinter Infantino
Europa stellt drei von acht Funktionären in diesem Rang: den slowenischen UEFA-Präsideten Aleksander Ceferin, Sandor Csanyi aus Ungarn und die Engländerin Debbie Hewitt. Zum Fall Balogun will sich die UEFA angeblich im Verlauf des Montags äussern. Mit US-Gegner Belgien ist ein europäisches Team direkt vom FIFA-Entscheid betroffen.
Gianni Infantino ist seit zehn Jahren FIFA-Präsident. Am Kongress in Vancouver erklärte der 56-jährige Walliser vor dem WM-Turnier, dass er sich im kommenden Jahr zum dritten Mal zur Wiederwahl stellen wolle. Den südamerikanischen Verband hat Infantino genauso hinter sich wie den afrikanischen und den asiatischen Verband. Die Europäer müssen also einen sehr guten Kandidaten finden, wenn sie ihn aus dem Amt drängen wollen – denn die nötige Mehrheit scheint Infantino Stand jetzt zu haben.
Alternative zur FIFA
Nicht wenige Fussballfans träumen von einer Welt ohne FIFA beziehungsweise einer komplett neu organisierten Fussballwelt. Fair Square, eine gemeinnützige Organisation aus Grossbritannien, sammelt Unterschriften dafür. «Wir sind davon überzeugt, dass Sport das Potenzial hat, eine transformative, positive Rolle in der Gesellschaft zu spielen, doch allzu oft wird seine Kraft missbraucht und ausgenutzt», schreibt die Organisation.
Infantino verletze die Regeln der FIFA zur politischen Neutralität offenkundig und missbrauche seine Macht als Präsident. «Infantino ist ungeeignet, die FIFA zu führen. Und die FIFA ist ungeeignet, den Fussball zu regieren», so das Fazit von Fair Square, das mit seiner Kampagne «Reboot FIFA» Unterschriften sammelt. (ram)
