Alternative FIFA-Führung? Infantinos Gegner arbeiten offenbar schon an neuem Modell
Die Gegner von Gianni Infantino wollen den Druck auf den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino hochhalten. Die Dachverbände von Europa (UEFA), Asien (AFC), Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik (CONCACAF) arbeiten offenbar gemeinsam an einem neuen Rahmenwerk für die Führung des Weltfussballs. Davon berichtete der britische «Guardian» am Dienstag.
Die drei mächtigen Verbände wollen damit ein System ersetzen, das sie als Günstlingswirtschaft unter Infantino kritisieren. Der Schweizer hatte vor zehn Jahren Sepp Blatter als FIFA-Präsident abgelöst.
Infantino steht massiv in der Kritik, die bis zu Rücktrittsforderungen reicht. Der FIFA-Boss wollte Rechte an den Turnieren des Weltverbandes an private Investoren verkaufen. Nach riesiger Empörung musste er sein Vorhaben wieder begraben. Seitdem tobt ein Machtkampf im Fussball. Wiederholte Forderungen nach einer unabhängigen Überprüfung der FIFA-Führungsstrukturen ignorierte Infantino bislang. Nun nehmen die drei Kontinentalverbände die Sache offenbar selbst in die Hand.
Ein Gegenentwurf zur Fifa-Führung
Eine mit den Gesprächen vertraute Quelle bestätigte dem «Guardian», dass die Verbände an einem Grundsatzpapier arbeiten. Es soll aufzeigen, wie sich der Weltverband künftig entwickeln könnte. Die Beteiligten sollen dabei dem Bericht zufolge grundsätzliche Fragen klären: Welche genaue Rolle sollte die FIFA spielen? Wie sollte sie strukturiert sein? Welches Führungsmodell sollte gelten? Auch die finanzielle Verteilung unter den Mitgliedsverbänden gilt als eine zentrale Überlegung – insbesondere, wie die geschätzten fünf Milliarden US-Dollar (rund 4,6 Milliarden Euro) an FIFA-Reserven am besten eingesetzt werden können.
Falls Infantino sich weigert einzulenken, könnte das neue Rahmenwerk laut «Guardian» von einem Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr übernommen werden oder sogar als Vorlage für eine Abspaltungsorganisation dienen.
«Führung im Fussball ist kein Besitz»
In einem offenen Brief hatten sich die drei Dachverbände am Montag gemeinsam schon an die Öffentlichkeit gewandt. Sie bekräftigten ihre Kritik an Infantino und fordern weiter einen Neuanfang an der Spitze des Weltverbandes.
«Führung im Fussball ist kein Besitz. Es geht nicht darum, Macht zu haben – oder ihre Ausübung einzufordern. Sie ist eine Verpflichtung zum Dienst an der Fussball-Familie, die einem ihr Vertrauen schenkt», heisst es in dem Schreiben, das von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, AFC-Boss Salman bin Ibrahim al-Chalifa und CONCACAF-Chef Victor Montagliani unterzeichnet ist.
«Wenn dieses Vertrauen durch Täuschung gebrochen wird, wenn sich jemand über das Kollektiv stellt, das ihn mit Verantwortung betraut hat, wurde diese Verpflichtung aufgegeben», kritisieren die drei Dachverbände.
In dem Brief wurde der Alleingang Infantinos bei seinen Plänen scharf kritisiert. «Ein Vorschlag, der in einem stark verkürzten Zeitrahmen vorangetrieben, ohne ernsthafte Konsultation erarbeitet und bis zu einer Frist angeschoben wurde, noch bevor die Mitgliedsverbände die Bedingungen angemessen prüfen konnten, ist nicht das Ergebnis eines Versehens – sondern Ausdruck eines bewussten Vorgehens, um eine Überprüfung einzuschränken», heisst es.
«Die Stärke des Fussballs lag stets in seiner Einheit»
Ceferin & Co. bezogen sich dabei auf ein Schreiben der FIFA, in dem Fehler bei den Investorenplänen eingeräumt wurden. «Es wurde nicht anerkannt, dass der Vorschlag an sich grundlegend falsch war. Nach wie vor fehlt jede Einsicht, dass der Versuch, eine Beteiligung an der FIFA-Weltmeisterschaft zu verkaufen, ein gravierendes Fehlurteil war – nicht nur ein Verfahrensfehler, sondern ein grundlegender Vertrauensbruch gegenüber genau den Institutionen, denen die FIFA zu dienen verpflichtet ist», schreiben die Dachverbände.
Die drei Verbandschefs um Ceferin schlossen ihren Brief mit einem Appell an die so genannte Fussball-Familie: «Die Stärke des Fussballs lag stets in seiner Einheit. Wir rufen dazu auf, diese Einheit nun zu wahren – und für eine Führung einzustehen, die dem Fussball dient, statt ihn beherrschen zu wollen.»
Montagliani als möglicher Herausforderer
Als wahrscheinlichster Kandidat gegen Infantino bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten im kommenden Jahr gilt derzeit Victor Montagliani, Präsident der Concacaf. Allerdings sagte er dem «Guardian» im Juni, sein aktueller Fokus liege auf seiner Wiederwahl als Präsident des nord- und mittelamerikanischen Verbands.
Führende Vertreter des europäischen Fussballs kommen in dieser Woche erstmals seit Infantinos gescheiterten Investorenplänen persönlich zusammen. In Salzburg, wo der Uefa-Supercup zwischen Paris Saint-Germain und Aston Villa stattfindet, sind in den kommenden zwei Tagen mehrere Treffen geplant.
Ceferin wird dort Gespräche mit Nasser Al-Khelaifi führen, dem Vorsitzenden der European Football Clubs (EFC). Ziel soll den Berichten zufolge sein, die Einheit des Kontinents in der Forderung nach einem Führungswechsel an der Fifa-Spitze zu festigen.
UEFA, CONCACAF und AFC repräsentieren zusammen 143 der 211 Fifa-Mitglieder. Bleibt ihre Koalition geschlossen, kann Infantino künftig keine umstrittenen Entscheidungen mehr durchsetzen. (abu/t-online.de)

