Wer in der Nati das Sagen hat – die Machtpyramide der Schweiz
Siegen oder fliegen – nach diesem Motto ist die Nati in die heisse Phase der WM gestartet, und sie hat die erste Prüfung bravourös bestanden. Mit einem souveränen 2:0 über Algerien zog die Schweiz in den Achtelfinal ein. In diesem wartet am kommenden Dienstag (22 Uhr, Schweizer Zeit) nun Kolumbien.
Neben herausragenden Einzelleistungen ist auf dem Weg zum ausgerufenen Ziel «beste Schweizer WM der Geschichte» aber vor allem ein funktionierendes Kollektiv gefragt. «Wichtig ist, dass jeder seine Rolle kennt», hatte Nati-Coach Murat Yakin schon vor dem Abflug nach Nordamerika die Devise vorgegeben.
Wer im 26-köpfigen Kader der unangefochtene Boss ist, welche Spieler einen eigenen Kosmos bilden und wer sportlich zwar gesetzt ist, bei den Führungsspielern aber einen schweren Stand hat:
Der Boss
Patrick Foletti hätte es sich einfach machen und antworten können: «Nicht mein Themengebiet, dazu sage ich nichts.» Doch als der Goalietrainer der Schweizer Nati an einer Medienrunde zu seiner Meinung über die zwei Wutreden von Granit Xhaka an der WM gefragt wurde, setzte er zu einer Lobeshymne auf den Captain an: «Sein unglaublicher Siegeswille ist nicht typisch schweizerisch, aber er ist ein verdammter Mehrwert für unsere Mannschaft. Granits Art ist manchmal unangenehm und kann auch nerven, nicht jeder kann gleich gut damit umgehen. Aber es ist genau die Mentalität, die uns schon viele Extrameilen ermöglicht hat und auch hier an der WM Kraft gibt. Seine Art ist notwendig, er tut uns f***ing gut. Für Energie braucht es Reibung, Granit macht das hervorragend. Er ist unverzichtbar!»
Seit 2020 ist Xhaka Captain, der Sechzehntelfinal gegen Algerien war sein 150. Länderspiel, er gilt als bester Schweizer Fussballer aller Zeiten. Das allein sind genug Zutaten für den Spitzenplatz in der Machtpyramide. Zusätzlich zementiert wird Xhakas unangefochtene Boss-Rolle durch die bedingungslose Loyalität aller erweiterten Meinungsführer (siehe Adjutanten). Und durch die Tatsache, dass Trainer Murat Yakin bei wichtigen Personal- und Taktikfragen Xhakas Meinung abholt.
Das Wichtigste: Xhaka wird wie ein guter Wein mit den Jahren immer besser, statt abzubauen. Dass sich mit knapp 34 Jahren Weltklub Chelsea intensiv um seine Dienste bemüht, steigert sein Ansehen in der Nati zusätzlich.
Die Adjutanten
Manuel Akanji, Remo Freuler, Breel Embolo und Ricardo Rodriguez: Sie sind hinter Xhaka die Nummern 2 bis 5 mit den meisten Länderspielen im Schweizer WM-Kader. Alle standen über 80 Mal für die Nati auf dem Platz und sind sportlich unverzichtbar.
Rodriguez ist zwar kein Wortführer, aber hat als bester Freund von Xhaka und jahrelanger Leistungsträger eine grosse Aura. Der andere sehr enge Xhaka-Vertraute ist Embolo. Akanji versteht sich mit allen im Führungsteam gut und geniesst dank seiner Vita (unter anderem Champions-League-Sieger und mehrfacher englischer Meister mit ManCity) maximalen Respekt. Das gilt auch für Freuler, im zentralen Mittelfeld seit 2018 die ideale Ergänzung zum Spielmacher.
Die Zuverlässigen
Nico Elvedi und Ruben Vargas sind Stammspieler und seit langem Teil der Nati. In der Kabine ergreifen sie selten das Wort, aber mit Leistung entsteht ebenso viel Aura wie mit Worten. Elvedi und Vargas stehen im Zenit ihres Könnens, diesen bereits überschritten hat Silvan Widmer. Als einziger gelernter Rechtsverteidiger und dank seiner grossen Empathie nimmt er dennoch eine wichtige Rolle ein.
Eigentümlich ist Gregor Kobels Position in der Team-Hierarchie: Der 28-Jährige wurde viermal in Folge zum besten Goalie der Bundesliga gewählt, was ihm normalerweise eine Anführerrolle in der Nati sichern würde. Kobel ist akzeptiert im Team, aber im Gegensatz zu Vorgänger Yann Sommer noch nicht allzu hoch angesehen bei den Leithammeln. Aber: Kobel hat sich im Vergleich zu früher, als er die Nummer 2 war, den Teamkollegen gegenüber geöffnet. Er ist kommunikativer geworden und nimmt häufiger teil an gemeinsamen Aktivitäten.
Die Teamplayer
Sie sind Lieblingsschüler von Murat Yakin und liefern (meistens) ab, wenn er sie braucht: Fabian Rieder und Michel Aebischer. Ihre Teamplayer-Fähigkeiten auf dem Platz zeigen sie auch daneben: Beide sind bilingual und kommen sowohl mit den deutsch- als auch mit den französischsprachigen Spielern gut aus.
Teamplayer zeichnet zudem aus: Sie machen keinen Aufstand, wenn andere den Vortritt bekommen, und drängen sich nicht in den Vordergrund. «Wir dürfen alle unsere Meinung sagen. Aber Xhaka, Freuler, Embolo und Akanji sind unsere Wortführer», sagt Rieder, der wie Aebischer von den Teamleadern sehr geschätzt wird. Weil beide ihren sportlichen Mehrwert schon mehrfach bewiesen haben.
Die French-Connection
Dan Ndoye, Denis Zakaria, Yvon Mvogo, Johan Manzambi, Zeki Amdouni und Aurèle Amenda bilden so etwas wie einen eigenen Kosmos innerhalb der Nati. Was an der gemeinsamen Muttersprache Französisch liegt. Sie sind in der Freizeit meistens zusammen unterwegs – etwa beim gemeinsamen Zoobesuch während des Basecamps in San Diego.
Die Mitglieder der French-Connection haben keinen bedeutenden Einfluss aufs Machtgefüge in der Nati, dafür mit Johan Manzambi den WM-Überflieger in ihren Reihen.
Xhakas Küken
Ardon Jashari soll dereinst Granit Xhaka als Mittelfeldchef ablösen. Noah Okafor steht dem Captain menschlich nah. Aber: Solange sie sportlich nur Statistenrollen bekleiden, haben Xhakas Küken teamintern wenig bis nichts zu melden.
Die Dankbaren
Sie sind in erster Linie dankbar, beim Abenteuer WM überhaupt dabei sein zu dürfen: Luca Jaquez, Djibril Sow, Marvin Keller, Eray Cömert, Miro Muheim, Cedric Itten und Christian Fassnacht. (schweizheute.ch)
