Haaland und die starken Männer – ein Fragezeichen ist aber die norwegische Defensive
Norwegens goldener Generation ist gelungen, was ihre Vorgänger über ein Vierteljahrhundert lang vergeblich probierten: Erling Haaland, Martin Ödegaard und Kollegen haben Norwegens Fussball-Schiff erfolgreich zur WM gesegelt. Seit 1998 hatten sich die Fussballer des Königreichs nicht mehr für die grösste Bühne qualifiziert. Während die Euphorie im Land nach einer perfekten Qualifikation gewaltig ist, will das Team den Beweis erbringen, dass Turniererfahrung vernachlässigbar ist.
Seit der 1:5-Niederlage in der Nations League gegen Österreich im Oktober 2024 kassierte Norwegen in acht Punktspielen nur vier Gegentore, fünfmal spielte man zu null. Trainer Stale Solbakken hat die Erfolgsformel gefunden, die es seinen Mannen erlaubt, so manche defensive Schwäche zu kaschieren und dennoch jenen Stil zu zeigen, der den Stärken des Kaders entgegenkommt.
Raubzug durch die Qualifikation
Diese liegen eindeutig in der Offensive. Angeführt von Tormaschine Haaland frassen die Norweger ihre Gegner in der WM-Qualifikation nahezu auf, am Ende standen acht Siege in acht Spielen, Torverhältnis 37:5. 16 Tore steuerte allein Haaland bei, er traf in jedem Spiel. Mit 55 Treffern in 50 Einsätzen ist der 25-Jährige bereits jetzt mit Abstand alleiniger Rekordhalter. Neben dem Manchester-City-Stürmer und Arsenal-Star Ödegaard, dem Captain der Norweger, steht mit Alexander Sörloth (Atlético Madrid), Jörgen Strand Larsen (Crystal Palace) und Antonio Nusa (Leipzig) noch mehr offensive Qualität im Kader.
Als Norwegens Fussballer 1998 bei ihrer erst dritten WM-Teilnahme Brasilien schlugen und sensationell die Achtelfinals erreichten, war von den erwähnten Spielern nur Sörloth (30) bereits geboren. «Wenn wir uns für die Weltmeisterschaft qualifizieren würden, wäre es so, als ob eine grosse Fussballnation sie gewinnen würde», erklärte Haaland im vergangenen Sommer in einem Interview mit dem Time Magazine. «Es wäre die grösste Party überhaupt. Die Szenen in Oslo wären unglaublich.»
3,25-prozentige Titelchance
Wenige Monate später machte Norwegen die Qualifikation für die WM in einem Heimspiel gegen Estland praktisch perfekt. Nach Schlusspfiff breitete sich rauschhafter Jubel im Ullevaal-Stadion nahe dem berühmten Osloer Holmenkollen aus, König Harald V., Kronprinz Haakon und Kronprinzessin Mette-Marit herzten sich, die Spieler tanzten zu heimischen Volksliedern. Die Norweger lieben ihr im Nationaltrikot stets demütig auftretendes Team, das nun an der WM für Grosstaten sorgen soll. Den Marschbefehl gab König Harald, der das Kader mittels einzigartiger Videobotschaft bekannt gab. Viral ging dann das Teamfoto vor der WM, in dem sich Haaland und Kollegen grimmig im Wikinger-Kostüm präsentierten.
In der Gruppe I warten Titelfavorit Frankreich, Irak und Senegal. Die Statistiker von Opta räumen Norwegen eine 3,25-prozentige Chance auf den Titel ein – die beste aller vermeintlich kleineren Nationen hinter acht Fussball-Grossmächten. Ausgerechnet Haaland hielt in einem Anflug von Demut dagegen: «Norwegen wird niemals eine Weltmeisterschaft gewinnen», erklärte der Stürmer-Star vor dem Auftakt gegen den Irak in der Nacht auf Mittwoch (0.00 Uhr).
Von der Abteilung Attacke wird viel abhängen bei den «Wikingern». Defensiv sind sie, abgesehen von Dortmunds Julian Ryerson, der eine starke Bundesliga-Saison mit 15 Torvorlagen hinter sich hat, weniger prominent besetzt. (riz/sda/apa/dpa)
