Der religiöse Torjubel an der WM sollte verboten werden
Sie tun es wieder und wieder und wieder. Sie sprinten über den heiligen Rasen, sinken auf die Knie, bekreuzigen sich, strecken die Hände in die Höhe und zeigen mit zwei Fingern in den Himmel. Ruben Vargas tat es im Spiel gegen Kanada, Messi huldigte Gott nach einem Torschuss gegen Österreich, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Sie huldigten ihrem Gott vor einem Millionenpublikum. Die Stars nutzen die grösste Bühne der Welt, um ihrem Gott das Tor zu widmen und ein Glaubensbekenntnis abzulegen. Ein religiöses Ritual, das mit dem Fussball nichts zu tun hat.
Einen Schritt weiter gingen der deutsche Fussballstar Felix Nmecha sowie Jonathan Tah und weitere Spieler aus Curaçao, die nach dem Abpfiff gemeinsam auf dem Platz beteten. «Nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder», sagte Nmecha danach im TV-Interview.
Demonstrative Inszenierung
Es stellt sich die Frage, weshalb sie ihr religiöses Statement vor dem Publikum zelebrierten und den religiösen Akt als Show inszenierten, statt ihr Gebet in der Garderobe abzuhalten. Oder: Was treibt die Fussballstars an, vor einem Millionenpublikum ihre religiöse Überzeugung zu demonstrieren?
Es gibt mehrere Motive. Das Naheliegendste: Die Fussballgötter bedanken sich bei ihrem Schöpfer für den erfolgreichen Torschuss. Sie sind folglich überzeugt, dass Gott das Spiel verfolgt und sie für ihre Treue belohnt. Sie glauben, dass er in die Welt wirkt und sie auf dem heiligen Rasen unterstützt.
Als Zuschauer fragt man sich, ob Gott nichts Besseres zu tun hat, als steinreiche und superprivilegierte Kicker bei einem Sportanlass zu unterstützen. Grundsätzlich irritiert die Vorstellung, Gott für ein läppisches Tor zu danken, während gleichzeitig Tausende beim Erdbeben in Venezuela sterben oder schwer verletzt unter den Trümmern eingeklemmt sind und verdursten. Es ist eine Anmassung, Gott für eine Nebensächlichkeit wie Fussball für sich zu beanspruchen.
Ein weiteres Motiv der religiösen Showeinlage: Die Stars wollen ein Zeugnis für Gott ablegen, das von Fernsehkameras effektvoll eingefangen und in die ganze Welt hinausgetragen wird. Damit wird die publikumswirksame Bekreuzigung ein missionarischer Akt.
Die Erfahrungen zeigen, dass dieser Aspekt die Hauptmotivation für das religiöse Prozedere auf dem Fussballplatz ist. Denn die auf die Knie fallenden Spieler sind ausnahmslos freikirchlich sozialisiert. Es würde einem Katholiken oder Protestanten nicht im Traum einfallen, den Blick nach einem Torerfolg in den Himmel zu richten und Gott zu danken.
In Freikirchen hingegen ist die Mission das oberste Gebot. Die Gläubigen werden angewiesen, immer und überall Zeugnis für Gott abzulegen und Aussenstehende anzuwerben. Frei nach dem biblischen Dogma: Gehet hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium.
Das Gebet von Nmecha und Tah war vorbesprochen und organisiert, was den Missionsaspekt unterstreicht. Vargas und Nmecha bestätigen es. Sie gründeten zusammen mit weiteren Fussballstars die Plattform «JesusMyGoal» (JMG) und verkaufen Klamotten mit dem Logo JMG.
Ihr Motto: «JesusMyGoal ist eine Initiative von Fussballern, die ein Ziel gemeinsam haben und darüber jubeln können.» Und: «Jesus ist unser Ziel, auf und neben dem Platz.» Sie benutzen den Fussball und ihren Status als Stars, um Fans zu missionieren.
«Jesus ist immer an meiner Seite»
In Videos, die sie kurz vor der WM aufgeschaltet haben, legen sie ihr christliches Zeugnis ab. Ruben Vargas sagt im Video mit dem Titel: «Jesus ist immer an meiner Seite»: «Jesus ist für mich mein Retter. Ich habe ihm eigentlich alles zu verdanken. (...) Er ist immer da.»
Felix Nmecha erklärt im Video mit dem Titel: «Warum Jesus alles für mich ist»: «Als ich realisierte, dass ich nicht gut bin und einen Retter brauche, habe ich zu Jesus gefunden. (...) Ich kann den Menschen sagen und versprechen, dass sie erfüllt sein werden, wenn sie Jesus kennenlernen. (...) Jesus hat mich gerettet.»
Der Missionsgedanke ist offensichtlich. Deshalb müsste der Fussballverband FIFA den religiösen Torjubel und persönliche Bekenntnisse während des Spiels verbieten. Die FIFA hält zwar fest, dass der Fussball religiös neutral sein muss, doch sie duldet die religiösen Posen.
Helden und Vorbilder
Fussballstars sind für viele Leute Helden und Vorbilder. Vor allem für junge Fans. Diese eifern ihren Idolen nach und interessieren sich auch für ihr Privatleben.
Der religiöse Torjubel kann das Interesse am Glauben der Stars wecken. Ihre Aktionen haben die Qualität einer religiösen Beeinflussung des Publikums. Somit besteht die Gefahr, dass manche Fans in einen fundamentalistischen Glauben abrutschen.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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