Akupunktur: Mehr als Placebo – aber nur für manche?
Evidenz für positive Wirkungen gibt es zudem bei postoperativer Übelkeit sowie bei unterstützenden Anwendungen im Zusammenhang mit menopausalen Beschwerden und weiblicher Unfruchtbarkeit. Ausserdem empfiehlt eine S3-Leitlinie – die höchste Stufe evidenzbasierter medizinischer Leitlinien in Deutschland – Akupunktur bei Tumorschmerzen und bei durch Krebstherapien verursachten Gelenkschmerzen.
Das gilt auch für die Akupunktur. Seit Jahren zeigen Studien, dass sie bei manchen Schmerzpatientinnen und -patienten deutliche Effekte erzielt, bei anderen dagegen kaum. Nun berichten Forschende aus China von einem Ansatz, der diese Unterschiede erklärbar machen soll: Sie wollen vorhersagen können, wer von einer Akupunkturbehandlung profitiert – und wer nicht.
Wie Hirnareale miteinander kommunizieren
In der Studie mit 120 Migränepatientinnen und -patienten erhielten die Teilnehmenden über vier Wochen hinweg eine Akupunkturbehandlung. Vor Beginn wurde ihr Gehirn gescannt, und die Forschenden analysierten, wie stark verschiedene Hirnregionen miteinander kommunizierten. Tatsächlich zeigten sich Muster, die mit einer späteren Verbesserung zusammenhingen. Die Ergebnisse veröffentlichte das Team aus Peking im Fachblatt Jama Network Open.
«Das ist ein spannender, vielversprechender Ansatz», sagt Holger Cramer, Professor an der Universität Tübingen und wissenschaftlicher Leiter des Robert Bosch Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit. «Sollte es gelingen, verlässlich vorherzusagen, wer besonders profitiert, wäre das für die individuelle Therapieplanung ebenso bedeutsam wie für den sinnvollen Einsatz begrenzter Ressourcen im Gesundheitssystem.» Zugleich mahnt Cramer aber, dass der Ansatz des chinesischen Teams nun zuerst in unabhängigen Studien bestätigt werden müsse. Erst wenn sich die Vorhersagen als robust und im Alltag praktikabel erweisen, hätten sie klinischen Wert.
Ob Akupunktur nicht nur Einzelnen hilft, sondern tatsächlich auch über einen Placebo-Effekt hinaus wirkt, wird seit Jahren leidenschaftlich diskutiert. An Studien mangelt es nicht. Doch neben methodisch hochwertigen Untersuchungen existieren zahlreiche Arbeiten mit kleinen Fallzahlen und ohne Vergleichsgruppen. «Das erschwert eine klare Gesamteinschätzung», sagt Holger Cramer.
Starke Evidenz für wenige Anwendungen
Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Übersichtsarbeit der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin zählte 184 medizinische Indikationen, bei denen Akupunktur zum Einsatz kommt. Doch nur für zehn davon fand sich eine klare Evidenz für einen positiven Effekt. Dazu gehören bestimmte chronische Schmerzen, etwa unspezifische Rücken- und Nackenschmerzen, Arthrosebeschwerden oder chronische Kopfschmerzen.
Wie belastbar diese Daten sind, zeigte eine im Fachblatt Jama Internal Medicine publizierte Analyse, in der die Daten von rund 18'000 Schmerzpatientinnen und -patienten ausgewertet wurden. Das Ergebnis: Echte Akupunktur war der sogenannten Scheinakupunktur statistisch überlegen. Bei dieser Kontrollmethode werden Nadeln an nicht vorgesehenen Punkten gesetzt, nur oberflächlich eingestochen oder mithilfe spezieller Techniken lediglich simuliert. Auch wenn das Verfahren nicht unumstritten ist, erlaubt es zumindest näherungsweise, spezifische Effekte der Akupunktur von reinen Placeboeffekten zu unterscheiden.
Evidenz für positive Wirkungen gibt es zudem bei postoperativer Übelkeit sowie bei unterstützenden Anwendungen im Zusammenhang mit menopausalen Beschwerden und weiblicher Unfruchtbarkeit. Ausserdem empfiehlt eine S3-Leitlinie – die höchste Stufe evidenzbasierter medizinischer Leitlinien in Deutschland – Akupunktur bei Tumorschmerzen und bei durch Krebstherapien verursachten Gelenkschmerzen.
Und dann sind da Indikationen wie Depressionen, Schlafstörungen, Akne, Drogenabhängigkeit oder Autismus: Da gibt es vor allem widersprüchliche Resultate und insgesamt klar zu wenig Evidenz, um daraus eine Wirkung abzuleiten.
Schweizer Krankenkassen differenzieren nicht
In der Schweiz übernimmt die obligatorische Krankenversicherung die Kosten für ärztlich erbrachte Akupunkturleistungen grundsätzlich bei allen Diagnosen, sofern sie einen sogenannten Krankheitswert aufweisen. Gemeint ist damit, dass eine Erkrankung das Wohlbefinden oder die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt – ein weit gefasster Begriff, obschon die wissenschaftliche Evidenz keine solide Grundlage für eine solch breite Anwendung hergibt.
In Deutschland etwa ist die Regelung deutlich enger. Dort übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Akupunktur nur bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei Kniegelenkarthrose – gestützt auf grosse Studien, die bei diesen Leiden Vorteile gegenüber der Standardtherapie zeigten. (aargauerzeitung.ch)

