Nach Katar-Blamage: Haben wir Schweizer den Sinn für die Realität verloren?
Hatte Granit Xhaka doch Recht? Als der Nati-Captain eine Woche vor dem WM-Start, nach dem 1:1 im Testspiel gegen Australien, zur Wutrede ansetzte und an die Einstellung seiner Teamkollegen appellierte, wurde er gleichermassen kritisiert und belächelt dafür. Warum torpediert er ausgerechnet jetzt die Nati-Harmonie? Braucht Xhaka Aufmerksamkeit?
Nach dem 1:1 gegen Katar. Wieder Auftritt Granit Xhaka. Und seine Worte im Keller des imposanten Levi's Stadiums tönen wie das Replay: «Wir müssen auf den Boden kommen. Ohne Disziplin geht es nicht. Das war viel zu wenig. Wir haben geträumt und geredet, jetzt müssen wir anfangen zu liefern.»
Wer die «Katarstrophe» im Stadion oder am TV verfolgt hat, muss Xhaka zustimmen. Nach dem Akanji-Blackout kurz nach dem Anpfiff, der fast zum 0:1 geführt hätte, liefert die Nati bis zur Pause ab. Einziger Vorbote des Unheils ist die Chancenauswertung: Statt 1:0 hätte es gut und gerne 5:0 heissen können, ja müssen. Alleine Dan Ndoye vergibt drei Topchancen.
Doch nach dem Seitenwechsel schläft das Spiel der Schweizer ein. Dynamik, Kreativität und Spielfreude aus der ersten Halbzeit sind weg. Überheblichkeit? Hitze? Besser werdender Gegner? Mag alles reingespielt haben. Vielleicht müssen wir aber auch eine andere Frage stellen. Nicht nur der Nati, auch uns selber: Haben wir den Sinn für die Realität verloren?
Das Ziel der Schweiz: Die beste WM der Geschichte zu spielen
Seit der Gruppenauslosung herrscht bei Fans und Medien der Tenor: So richtig fängt die WM für uns Schweizer erst nach der Gruppenphase an, weil: Katar, Nummer 50 der Weltrangliste. Bosnien-Herzegowina, Nummer 63. Kanada, Nummer 31.
WM-Nobodys, nur dabei, weil die Fifa das Teilnehmerfeld auf 48 Teams aufgeblasen hat oder im Fall von Kanada als Co-Gastgeber. Wir, die Schweizer Nati, Nummer 19, ausgestattet mit Stammspielern in europäischen Topligen, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, seit 2006 Stammgäste in den K.o.-Runden von EM und WM. Was soll da schiefgehen?
Trainer Murat Yakin und seine Spieler reden seit der souveränen Qualifikation davon, diese zu vergolden: Mit der erfolgreichsten Schweizer Weltmeisterschaft der Geschichte. Weil die Schweizer 1954 an der Heim-WM den Viertelfinal erreicht haben, müsste es 2026 zum Erreichen des selbst gesteckten Ziels der Halbfinal werden.
WM-Halbfinal vs. 1:1 gegen Katar: Mehr Kontrast geht nicht. Was ist der Nati näher?
Das ist das grosse Problem der Nati
CH Media hat nach dem WM-Startspiel mit mehreren Exponenten im und um die Nati gesprochen. Dabei ist vor allem zu hören: Performen nicht alle Spieler auf höchstem Niveau, ist die Schweiz maximal ein Durchschnittsteam. Und bleibt der Halbfinal Wunschdenken.
Einige der Argumente: Das Offensivtrio der ersten WM-Startelf, bestehend aus Nottingham-Reservist Ndoye, Fast-Absteiger und Sevilla-Profi Vargas und Embolo von Frankreich-Mittelfeldklub Rennes hat in dieser Saison auf Klubebene acht Tore erzielt. Aebischer, gegen Katar der beste Schweizer Feldspieler, ist bei Italien-Absteiger Pisa unter Vertrag. Freuler, Xhaka, Rodriguez und Elvedi bei Mittelfeldklubs.
Weiter: Von den letzten sechs Spielen hat die Schweiz nur eines gewonnen, den zweitletzten WM-Test gegen Jordanien (4:1). Und nach dem 1:1 gegen Katar bleibt die Bilanz gegen den Wüstenstaat negativ (ein Remis, eine Niederlage). Wie jene gegen die weiteren Gruppengegner Bosnien-Herzegowina und Kanada. Klar, lange her, was aber nicht automatisch den von aussen und selber auferlegten, haushohen Favoritenstatus in der WM-Gruppe B rechtfertigt.
Die Nati hat gegen Katar nicht auf höchstem Niveau performt, die zweite Halbzeit war schwach. Prompt bringt sie nicht mehr als ein Penaltytor zustande. Und muss sich am Ende bei Goalie Gregor Kobel bedanken, der das Horrorszenario «Niederlage» verhindert.
Internationale Medien schreiben von Schweizer «Mega-Blamage»
Auf den ersten Blick mag die Gruppenauslosung ein Segen gewesen sein für die Schweiz. Was sie nicht ausgelöst hat: Dass die Nati mit geschärften Sinnen ins Turnier geht, weil schon in der Gruppe ein Gigant wartet. Wie 2014 mit Frankreich, wie 2018 und 2022 mit Brasilien.
Doch die Hoffnung ist, dass diese Sinne nun doch geschärft sind: Wenn ein Nachlassen schon gegen den wohl schwächsten Gruppenegner zum Ausrutscher führt, verträgt es dies gegen Bosnien und Kanada erst recht nicht. Auch die internationalen Reaktionen müssten die Nati-Spieler im Stolz treffen: Von einer «Schweizer Mega-Blamage» ist da die Rede. Von einer «überheblichen Schweizer Mannschaft», vom bereits «entzauberten Geheimfavoriten».
Das Glück der Schweiz ist das Resultat zwischen Kanada und Bosnien
Noch ist die «Katarstrophe» nicht mehr als ein Betriebsunfall, ein Warnschuss. Weil sich auch Kanada und Bosnien 1:1 getrennt haben, startet die Gruppe B nochmals von Null.
Mit gutem Beispiel geht Trainer Murat Yakin voran: Die Kritik an seinen Wechseln, insbesondere die folgenschwere Hereinnahme von Eigentorschütze Miro Muheim für Ricardo Rodriguez in der 89. Minute, lässt er zu und sagt: «Ich muss mich an der eigenen Nase nehmen.»
Auch der angefressene Granit Xhaka beendet seinen Monolog konstruktiv: «Vielleicht hat es dieses Resultat gebraucht, um zu realisieren, wo wir hier sind und was es braucht, um erfolgreich zu sein.»
Die Nati hat schon nach dem ersten Spiel das Messer am Hals. In der Vergangenheit hat sie dies stets zu Höchstleistungen animiert. Auch an der WM 2026? (aargauerzeitung.ch)
