Die Headline war schon im Kopf. Erinnerungen an die WM 2010 kamen hoch, vom sensationellen Schweizer Sieg gegen Spanien in Durban. Und natürlich an den Erfolg gegen Frankreich im Penaltyschiessen der EM 2021.
Aber nichts wurde es mit dem Gruppensieg. Weil Fussball nicht im Kopf geschrieben, sondern auf dem Platz gespielt wird. Und weil ein Spiel nicht nach 90 Minuten vorbei ist, sondern so lange dauert, bis der Schiedsrichter abgepfiffen hat, und weil die Deutschen erst geschlagen sind, wenn sie unter der Dusche stehen, haben die Schweizer den historischen Sieg eben leider verpasst.
In der 92. Minute glich Joker Niclas Füllkrug die Schweizer Führung, für die Dan Ndoye in der 28. Minute besorgt war, zum 1:1 aus. Deutschland gewinnt somit die Gruppe, die Schweiz schafft es ungeschlagen als Zweite in die Achtelfinals dieser Europameisterschaft.
Was sich aufgrund dieses Spielverlaufs wie eine Niederlage anfühlt, ist in Tat und Wahrheit ein grosser Boost für die Schweizer Moral. Denn Murat Yakin hatte seine Mannschaft erneut hervorragend eingestellt. Oft sah man die Schweizer zu siebt, zu acht am eigenen Strafraum verteidigen. Die Deutschen hatten zwar viel mehr den Ball, aber weiter als bis zum Sechzehner kamen sie selten.
Ndoye hatte schon vor seinem Tor starke Momente, immer wieder fiel er mit seinem Speed auf. Und zu Beginn der zweiten Halbzeit schien es beinahe so, dass Deutschland ein wenig überrumpelt wurde durch Schweizer, die sich plötzlich vermehrt in die Offensive einschalteten.
Denn natürlich war es so, dass der Favorit Deutschland das Spiel machte. Aber die Schweiz präsentierte sich defensiv enorm abgeklärt. Es war eine solidarische Abwehrleistung der Nati – die auch die nötige Portion Glück auf ihrer Seite hatte. Etwa, als es nach einem Einsteigen Fabian Schärs gegen Kai Havertz in der Startviertelstunde keinen Penalty gab. Oder als wenige Minuten später ein deutsches Tor nicht zählte, weil Jamal Musiala vor dem Treffer Michel Aebischer gefoult hatte.
Die Schweiz hat nun fünf Tage Pause, bis es für sie weitergeht. Am Samstagabend um 18 Uhr wird sie im Berliner Olympiastadion auf Italien, Kroatien oder Albanien treffen. Der Gegner wird in 24 Stunden am Montagabend bekannt sein.
Trainer Yakin muss dann mindestens eine Umstellung in seiner Startelf vornehmen. Er muss Silvan Widmer ersetzen, weil der Rechtsverteidiger gesperrt sein wird. Yakin zeigte in den drei Vorrundenspielen, dass er die Mannschaft taktisch jedem Gegner anpassen kann. Er ist schon jetzt ein Sieger dieses Turniers, denn noch vor zehn Tagen war er höchst umstritten.
Nun erhält Murat Yakin eine zweite Chance in einem K.o.-Spiel. An der WM 2022 in Katar verhaute er sie, die Schweiz war gegen Portugal chancenlos und ging mit 1:6 unter. Die sehr reife Leistung gegen Deutschland, einen Turnierfavoriten und mit der Euphorie eines erfolgreichen Starts ins Heimturnier im Rücken, lässt hoffen, dass es dieses Mal einen anderen Ausgang nehmen wird.
Es gibt es weiter was zu beweisen.
Als dann bei den Deutschen „Flasche leer“ schien, hatte sie einen Füllkrug.
Trotzdem sehr starkes Spiel der Schweizer.
Weiter so im Achtelfinale.
Hopp Schwitz 🇨🇭