Kunstrasen und Sägemehl – ein Traumpaar und die Zukunft des Schwingens
Ein Schwingfest im Fussballstadion? Im Tempel des modernen Sport-Kapitalismus, wo sonst Jungmillionäre in kurzen Hosen auftreten? Zwischen VIP-Logen, LED-Banden und Bierzapfanlagen soll plötzlich Sägemehl liegen? Jodelgesänge, Treichler und Alphornklänge statt Rock und Pop?
Die Geschichte schien den Traditionalisten und Zweiflern Recht zu geben. Grosse Schwingfeste hatten bis dahin in Fussballtempeln nie richtig funktioniert. 1945 kamen zwar 20'000 Zuschauerinnen und Zuschauer ins alte Wankdorf. 1977 waren es 34'000 im Basler St.Jakob-Stadion und 1998 noch einmal fast 38'000 im alten Wankdorf. Beeindruckende Zahlen. Aber richtige Stimmung kam gemäss zeitgenössischen Berichten bei diesen drei Eidgenössischen nie auf. Ein Schwingfest braucht Nähe. Ein Stadion «frisst» Stimmung.
Selbst in La Chaux-de-Fonds, wo 1972 ein Eidgenössisches durchgeführt wurde, traute man dem Fussballstadion nicht. Geschwungen wurde nebenan in einer eigens gebauten Arena.
Und nun kommt das Berner Kantonale 2026 im Wankdorf und widerlegt alles. Sägemehl auf Kunstrasen. Es hat gerockt. Das Berner Kantonale 2026 geht als eines der besten Schwingfeste in die mehr als 100 Jahre alte Geschichte ein. Zum ersten Mal ist es gelungen, Brauchtum und Tradition mit einer hochmodernen Sportinfrastruktur zu kombinieren.
Alles passte. Die fünf Sägemehlringe lagen wie gut sichtbare Inseln auf dem dunkelgrünen Kunstrasen. Von jedem Platz aus perfekt sichtbar. Schöner als auf einer gewöhnlichen Wiese. Noch nie war ein Schwingfest angenehmer.
ÖV-Anschluss, Parkplätze, endlich einmal genügend Toiletten für Frau und Mann (niemand musste in Büsche pinkeln), genügend Verpflegungsstände, drei Viertel der Plätze im Schatten und wer Kühlung suchte, fand sie im Bauch des Stadions in den breiten Gängen. Nie ein Gedränge, nie Hektik. Besser kann ein so grosses Schwingfest gar nicht organisiert werden. Logisch: Das Wankdorf ist ja für eine so grosse Anzahl Besucherinnen und Besucher konzipiert.
Und da ist noch etwas: Wenn YB spielt, stehen im Wankdorf meist weit über hundert Polizisten im Einsatz. Je nach Risikospiel sind es bis zu dreihundert. Und natürlich Eingangskontrollen. Und nun waren bloss acht Polizisten im Einsatz und es gab keinerlei Eingangskontrolle. Wer wollte, durfte ein Messer mitnehmen. Womit hätte man denn sonst Brot, Speck und Hamme schneiden sollen? Schwingen, der Sport der Anständigen, hat dem Wankdorf ein einmaliges Sportfest beschert.
Die Organisatoren arbeiteten mit einem Budget von zwei Millionen. Die Rechnung dürfte aufgehen. Wirtschaftlich also ebenfalls ein Erfolg.
Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte. Das Berner Kantonale 2026 wird dereinst im Rückblick als der Anfang einer neuen Ära erkannt. Mit offiziell 27'126 Zuschauerinnen und Zuschauern ist das Berner Kantonale das grösste Nicht-Eidgenössische Fest der Geschichte (seit 1895). Oder kamen nur so viele aus Neugierde ins Wankdorf? Bloss um einmal dabei zu sein, wenn ausnahmsweise im Stadion geschwungen wird? So wie bei den Eishockeyspielen in Fussballstadien? Nein. Jedes künftige Kantonale im Wankdorf wird so viel Publikum anlocken und ein Innerschweizerisches wird das Stadion in Luzern und ein Nordostschweizerisches die Fussball-Arena in St.Gallen füllen.
Noch steht das Schwingen auf der grünen Wiese. Aber die Zukunft liegt in den Stadien. Heute organisiert die Schwingerfamilie jedes Jahr 39 Kranzfeste, in Eidgenössischen Jahren sogar 40. Ein beeindruckendes Netz aus Teilverbänden, Kantonalverbänden, Unterverbänden und Bergfesten. Ein föderalistisches Meisterwerk.
Aber auch ein Modell aus einer anderen Zeit. Es wird immer schwieriger, die freiwilligen Helferinnen und Helfer zu finden, um ein Fest – wie bis heute üblich – auf der grünen Wiese durchzuführen. Dazu kommen die Kosten für das Aufstellen und wieder Abbauen der gesamten Infrastruktur und die ausufernde staatliche Bürokratie erfindet immer neue Einschränkungen.
Ein Stadion wie das Wankdorf löst alle Probleme: Die gesamte Infrastruktur plus Personal steht zur Verfügung. Der perfekte Ablauf ist garantiert. Die Berner sind mit dem Kantonalen 2026 Trendsetter und wir haben einen Blick in die Zukunft geworfen. Die grossen Anlässe (Teilverbandsfeste) werden 2050 alle in Fussballstadien ausgetragen. In den Stammländern des Schwingens stehen diese Stadien in St.Gallen, Luzern, Basel und Bern zur Verfügung. Die Anzahl der kleineren Unterverbandsfeste mit gut 5000 Besucherinnen und Besuchern wird dann auf höchstens drei pro Teilverband zurückgehen, mehrere Unterverbände werden sich für ein Fest zusammenschliessen. Diese Feste werden die letzten sein, die auf die traditionelle Art – Aufbau der gesamten Infrastruktur auf der grünen Wiese – organisiert werden. Und die fünf Bergkranzfeste werden als letzter Hort der wahren Tradition zelebriert.
Wird auch das «Eidgenössische», das Fest der Feste, bei dem der König gekrönt wird, künftig in ein Fussballstadion verlegt? Nein. Kein Stadion in der Schweiz hat 50'000 Plätze. Das wird auch 2050 noch so sein. Der Aufbau einer königlichen Arena auf freiem Feld mit Hilfe der Armee und einem Budget von über 40 Millionen wird für immer eine nationale Aufgabe sein, für die genug Helferinnen und Helfer und Sponsoren gefunden werden.
Gerade weil das Eidgenössische die Ausnahme bleibt, dürfen die anderen Feste modern werden. Das Berner Kantonale 2026 hat gezeigt, dass Brauchtum und modernes Sport-Business keine Gegner sind. Sägemehl und Kunstrasen sind ein Traumpaar – und die Zukunft des Schwingens.
