Warum die Berner Favoriten in Kilchberg Angst vor NOSV-Spielverderbern haben
Fabian Kindlimann? Wer? Er ist eigentlich ein «Hinterbänkler». Doppelter Eidgenosse zwar, aber diese Saison nur mit einem Kranzresultat. Und doch können wir mit ihm ein wenig die eidgenössische Sägemehl-Seelenlage vor dem Saisonhöhepunkt Kilchberg am 5. September erklären.
Die Nordostschweizer haben ihn für Kilchberg aufgeboten, obwohl seine Form eigentlich fürs «Masters» der 60 «Bösesten» bei weitem nicht reicht. Kenner sagen zwar, die Sache sei halt politisch, weil die Nordostschweizer die zwei Garantie-Plätze für den Schwingclub Zürich (ist traditionell Kilchberg-Mitorganisator) übernommen und nun eben Kindlimann als zweiten Zürcher neben Janos Bachmann berücksichtigt haben.
Die Berner sehen aber diese Nomination auch als Teil einer schlauen sportlichen Strategie und raunen: Die Nordostschweizer, nach dem Debakel auf der Schwägalp zutiefst gekränkt, haben den Kindlimann noch so gerne aufgeboten. Der 140-Kilo-Mann kann wie ein «Rammbock» die «bösen» Berner zurückbinden. Gewinnt er den ersten Gang, so wird ihn die Einteilung womöglich schon im zweiten Umgang auf einen der Titanen aus dem Bernbiet loslassen. Der ist fähig gegen Michael Moser oder Fabian Staudenmann einen Gestellten zu ertrotzen.
So geht Schwingen – ein Crash-Kurs:
Ein Berner oder ein Nordostschweizer?
Schwingen ist eben noch viel mehr als der faszinierende Kampf Mann gegen Mann. Es ist seit Anbeginn der Zeiten auch eine innereidgenössische Rivalität. Vor allem zwischen den zwei mächtigsten Teilverbänden Bern und Nordostschweiz, die seit mehr als einem halben Jahrhundert die Könige unter sich ausmachen und im Selbstverständnis die zwei Königstitel der Innerschweizer als Irrtum der Schwingergeschichte abtun. So ist es auch vor dem Gipfeltreffen Kilchberg: Ein Berner oder ein Nordostschweizer?
Auf den ersten Blick ist klar: Die Berner werden abräumen. Auf der Schwägalp fügten sie den Nordostschweizern soeben eine der schmerzlichsten Niederlagen der Neuzeit zu. Mit Fabian Staudenmann und Lars Zaugg bestritten gleich zwei Berner den Schlussgang und König Armon Orlik musste sich mit dem geteilten 4. Rang begnügen.
Staudenmann ist jetzt ein ganz «Böser»
Fabian Staudenmann, bereits Sieger bei sechs Kranzfesten in dieser Saison, ist daher Kilchberg-Favorit Nummer 1. Seine Bewunderer sagen, er habe jetzt auch die letzten zehn Prozent zum ganz «Bösen» gefunden: Das ganz besondere Selbstvertrauen, ohne das keiner ein Titan des Sägemehls werden kann.
Schwingen wird bei der ausgeglichenen Spitze mehr denn je auch im Kopf entschieden. Zudem ist er beweglicher und in den Angriffsschwüngen noch dynamischer geworden. Er profitiert von einer «Clanbildung», die schon immer die «Bösen» noch «böser» gemacht hat: Trainingsgruppen, die für gegenseitige Motivation sorgen. Adrian Walther, Severin Schwander und Michael Ledermann bilden mit Fabian Staudenmann einen solchen «Clan der Bösen» im Mittelländischen Gauverband.
Der König aus der Ostschweiz hat seinen Schrecken für die Berner sowieso verloren. Kenner raunen, Armon Orlik mahne inzwischen an eine königliche Version des einstigen Judo- und Ostschweizer Titanen Clemens Jehle: Gewaltige Kräfte, aber ein wenig statisch und nicht mehr explosiv bei seinen Angriffen. Und Samuel Giger, der sich kürzlich als erster Profi im Schwingen geoutet hat, ist nach einer Schulterverletzung «flügellahm» und es ist nicht sicher, ob er am Kilchberg in die Hosen steigen kann.
Die Nordostschweizer sind nicht verunsichert
Aber das ist nur auf den ersten Blick eine eindeutige Ausgangslage für Kilchberg. Eine krachende Niederlage wie jene auf der Schwägalp führt nicht zu Verunsicherung, schon gar nicht bei den Nordostschweizern, die zuletzt ihre Demütigung beim ESV-Jubiläums-Fest in Appenzell ein Jahr später in einen Triumph beim Eidgenössischen 2025 umgewandelt haben. Viel eher führt das Schwägalp-Debakel zu trotzigem Schweigen, Demut, Rückzug in die Wagenburg und Sinnen über schlaue Strategien: Ihr technischer Leiter Urban Götte, der in der Kilchberg-Einteilung sitzt, wird noch akribischer studieren, wen von seinen «Bösen» er gegen welche Konkurrenten aus den anderen Teilverbänden vorschlagen wird.
Gerade auf diesem Gebiet waren die Nordostschweizer schon immer eine Prise schlitzohriger, einflussreicher und durchsetzungsstärker als die Berner. Wir sollten nicht vollständig ausschliessen, dass einer wie Fabian Kindlimann mit einem völlig unerwarteten «Gestellten» gegen einen der Titanen aus dem Bernbiet den Kilchberg-Schwinget entscheidend beeinflussen wird. Die Angst der Favoriten vor Spielverderbern ist berechtigt. (schweizheute.ch)
