Eine jährliche WM? Nein, danke
Am 24. und 25. Oktober beginnt in Sölden die Weltcupsaison 2026/27 der alpinen Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer mit der WM in Crans-Montana als Höhepunkt im Februar. Im Vorfeld grassiert unter den Top-Athleten die Sorge, dass die Titelkämpfe bald entwertet werden. Der Ski-Weltverband FIS will Weltmeisterschaften künftig jährlich durchführen.
Noch ist nichts beschlossen, noch lotet Alexander Ospelt, seit Juni der neue Präsident der FIS, die Interessen der involvierten Parteien aus. Aber der Plan steht, und er sieht wie folgt aus: Ab 2032 sollen alpine und nordische Ski-Weltmeisterschaften jährlich stattfinden, ausser es stehen Olympische Spiele an. Bislang finden WM-Rennen der Alpinen und Nordischen in ungeraden Jahren statt. Hinzu käme somit eine zusätzliche WM pro vier Jahre.
Die Absicht hinter den Überlegungen erklärt Ospelt so: «Der WM-Titel bedeutet für Athleten auch finanziell sehr viel. Die Gespräche gab es schon lang, wir würden das jedenfalls zugunsten der Athleten machen. Gleichzeitig geht es auch um kleinere Länder, die mit einer WM mehr neue Ziele hätten.» Man könne andere Märkte erschliessen wie China, Japan oder Südkorea, so der Liechtensteiner weiter: «Dort eine WM zu veranstalten und ihnen die Chance zu geben, Teil eines grösseren Systems zu werden, ist für alle von Vorteil.»
Drohender Bedeutungsverlust
Während der Weltverband auf maximale Vermarktung abzielt, äussern Athletinnen, Athleten und Trainer Bedenken. Der Tenor aus den Mediengesprächen vor dem Saisonauftakt bei den grossen Ski-Verbänden ist eindeutig: Faszination und Stellenwert eines Grossanlasses leben von seiner Seltenheit.
«Ich halte nicht viel von der Idee», sagt das Schweizer Aushängeschild Marco Odermatt. Franjo von Allmen drückt seine Ablehnung noch deutlicher aus: «Ich finde es einen Scheiss.» Eine jährliche Austragung würde den Stellenwert einer WM-Medaille minimieren und das Championnat zu einem gewöhnlichen Weltcup-Rennen degradieren, so der Dreifach-Olympiasieger von 2026 und Doppel-Weltmeister von 2025.
Der Slalom-Spezialist Daniel Yule pflichtet ihm bei: «Eine Goldmedaille verliert ihren Glanz, wenn schon zwölf Monate später das nächste Edelmetall vergeben wird.» Wer in kurzen Abständen um Titel fahre, nehme dem Sportereignis jene Magie, die Fans und Sportler seit Jahrzehnten fessle.
Tom Stauffer, der Cheftrainer der Schweizer Männer, pflichtet bei und verweist zudem auf den Wert der bisherigen «freien» Zwischenjahre ohne WM oder Olympische Spiele: «Alle vier Jahre etwas Zeit zu haben, um Sachen aufzuarbeiten oder Junge einzubauen, war immer etwas Wertvolles. Wenn jedes Jahr WM ist, hast du nur noch Stress.» Zumal in einer Sportart, in der die Materialabstimmung und die physische Konsolidierung intensive Tüftelarbeit verlangen.
Hinzu kommt die körperliche und mentale Belastung der Protagonisten. Routiniers wie Michelle Gisin oder Luca Aerni verweisen auf den ohnehin dicht gedrängten Kalender, der den Top-Athleten kaum mehr Verschnaufpausen lässt. Ein jährlicher WM-Druck würde die Belastung für Vielstarter weiter verschärfen. Fallen Leistungsträger durch Überlastung aus, leidet das gesamte Produkt.
Lieber ein Slalom in Dubai
Auch logistische Bedenken in Bezug auf WM-Rennen an potenziell exotischen Orten zur Erschliessung neuer Märkte sorgen für Skepsis. Marco Odermatt, der sich auch mit Alexander Ospelt über die Thematik ausgetauscht hat, plädiert deshalb für innovative Marketing-Events anstelle einer zusätzlichen WM pro vier Jahre.
«Vielleicht etwas im Stil der Ultimate Games in der Leichtathletik, ein Grossanlass an neuen Orten im asiatischen Raum, in China oder Japan. Oder vielleicht ein Slalom in Dubai, wo Sponsoren und Athleten viel Geld verdienen können», sagt Odermatt. Die zwei freien Wochen zu nutzen, um Neues auszuprobieren, fände Odermatt besser als mehr Titelkämpfe. «Man sieht im Radsport und Eishockey, dass die Bedeutung bei jährlichen Weltmeisterschaften abnimmt.»
Das Schweizer Ski-Lager und auch viele weitere prominente Athletinnen und Athleten aus dem Ausland fordern deshalb eine Rückbesinnung auf eine Substanz mit verlässlichen Rahmenbedingungen statt ständiger Expansion. Die Botschaft an die FIS-Zentrale lautet: Ein WM-Titel muss eine seltene Auszeichnung bleiben. Er darf nicht zur Fliessbandware verkommen. (abu/sda)
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