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Roger Federer und Jérôme Kym an den Swiss Indoors 2018. bild: instagram/swissindoorsbasel_official

Der «nächste Federer» will mehr als ein Orangenschäler sein

Jérôme Kyms Davis-Cup-Karriere beginnt im Davis Cup wie einst jene von Roger Federer.

simon häring / ch media



An seinem linken Ohrläppchen funkelt ein goldener Stecker. Es ist ein Tennisracket. Es scheint so, als wollte Jérôme Kym nach aussen tragen, was jeder in seinem Umfeld über ihn sagt: Tennis beschäftigt ihn von Kopf bis Fuss.

Der Aargauer, der am Samstag seinen 16. Geburtstag feiert, steht erstmals im Aufgebot des Schweizer Davis-Cup-Teams. Spielen wird er kaum, und doch steht er in Biel vor der Begegnung gegen Russland im Mittelpunkt. Denn Kym ist einer, der auserkoren wurde, dereinst dafür zu sorgen, dass die Schweiz nach Roger Federer und Stan Wawrinka nicht von der Bühne des Welttennis verschwindet.

Sein Palmarès gibt Anlass zur Hoffnung: Vergangenen Sommer gewann Kym an der U16-EM in Klosters Bronze. In seinem Jahrgang zählt er zu den 20 Weltbesten. Auch auf höherer Stufe reüssierte Kym schon. Ende 2018 erreichte er bei den Schweizer Meisterschaften im Elite-Feld den Final, wo er Henri Laaksonen unterlag, der einmal die Nummer 93 der Welt gewesen ist.

Wer in der Schweiz als Junior für Aufsehen sorgt, muss sich irgendwann unweigerlich mit Roger Federer vergleichen lassen. Fair ist das nicht, sagt auch Davis-Cup-Captain Severin Lüthi, der seit zwölf Jahren im Hauptamt Federers Trainer ist. Es sei unmöglich, zu sagen, ob Kym das Rüstzeug mitbringt, um auch bei den Erwachsenen Spuren zu hinterlassen. Doch er sagt, die Voraussetzungen seien gut. Er spricht vom Aufschlag, der Dank Kyms Grösse von 1,95 Metern eine gute Waffe sei. Oder davon, dass Kym mit Vorhand und Rückhand Druck erzeugen könne. Doch viel wichtiger seien andere Eigenschaften. «Jérôme hat Leidenschaft. Er hört zu, ist interessiert, stellt Fragen und versucht, Ratschläge sofort umzusetzen», sagt Lüthi.

Zum Trommeln in den Wald

Eigenantrieb und Neugierde stehen auch am Ursprung seiner Karriere. Kym ist drei Jahre alt, als er im Haus der Grosseltern Tennisball und -schläger entdeckt und sich bald schon stundenlang damit beschäftigt. Mit sieben spielt er die ersten Turniere, als er zehn ist, verlegt der Fricktaler seinen Trainingsstandort nach Frenkendorf, wo Federer als Junior sporadisch an seinem Spiel feilte, ehe er in die Westschweiz zog.

«Ich vermisse die Familie, aber ich habe mich daran gewöhnt, nicht mehr zu Hause zu sein.»

Jérôme Kym

Auch Kym hat diesen Schritt von sich aus initiiert, im Alter von nur 13 Jahren. «Ich vermisse die Familie, aber ich habe mich daran gewöhnt, nicht mehr zu Hause zu sein. Es ist ein neuer Lebensabschnitt.» Bis zu sechs Stunden trainiert er täglich. Abstand gewinnt er beim Trommeln im Wald. «Dort bekomme ich den Kopf frei und ich vergesse alles um mich herum.» Sein Vater Ivan gilt als Basler Trommelkönig, selber gewann Jérôme als 11-Jähriger einen Jungtambouren-Anlass und damit ein Pferd.

Kym geht Federers Weg

Doch neben dem Tennis haben andere Dinge kaum Platz. Kym macht das, wozu viele Schweizer Tennistalente in diesem Alter nicht bereit waren: Er setzt nach dem Schulabschluss voll auf den Sport. Er folgt damit dem Beispiel von Roger Federer, der nie eine Ausbildung absolviert hat.

Auch im Leistungszentrum von Swiss Tennis ist Kym von alten Weggefährten Federers umgeben. Sein Trainer ist Sven Swinnen, der mit Federer in Biel zusammenwohnte. Wie auch der Walliser Yves Allegro, der mit Federer zwei Doppel-Titel gewann und heute Cheftrainer beim Tennisverband ist. Auch er lobt Kyms Einstellung: «Tennis steht bei Jérôme an erster Stelle. Er weiss genau, was er will.» Er höre zu und versuche, umzusetzen, was man ihm sage. Dazu passt auch die Anekdote, die ein ehemaliger Trainer erzählt: «Jérôme schaute schon immer viel Tennis. Einmal kam er danach ins Training und spielte plötzlich Vorhand wie Rafael Nadal

«Ich habe Jérôme gesagt, er solle auf dem Boden bleiben und es als erste Etappe sehen.»

Severin Lüthi, Schweizer Davis-Cup-Captain

Dieser Lernwille imponiert. «Wir Schweizer sind manchmal zu anständig. Dabei sind es die Frechen, die belohnt werden. Auch Jérôme dürfte noch ein bisschen frecher sein. Wenn ich ihn wäre, würde ich zu den Russen gehen und fragen: ‹Hey, hast du mir einen Tipp?›», sagt Lüthi.

Der Orangenschäler mit Ziel Orange Bowl

Kym sei gut beraten, nicht nur auf die Schweizer Davis-Cup-Kollegen zu schauen, «denn die Realität ist, dass diese sehr weit davon entfernt sind, gut vom Tennis leben zu können.»  Die Erwartungen an Kym dämpft er: «Ich habe ihm gesagt, er solle auf dem Boden bleiben und es als Etappe sehen.»

Henri Laaksonen spricht vor dem Duell mit Russland.

Kym träumt davon, bei den Grand Slams zu spielen, «und einmal beim ATP-Finale der acht Weltbesten dabei zu sein.» Doch vorerst geht es darum, bei den Junioren an die Weltspitze vorzustossen. Es gibt im College-Sport einen Ausdruck für Spieler, die in einem Team jene Rolle ausfüllen, die nun Jérôme Kym zufällt: «Orange Cutter», Orangenschäler. Weil sie selber kaum zum Einsatz kommen, besteht ihre Aufgabe daraus, den Kollegen die Arbeit zu erleichtern. 1998 hiess dieser im Schweizer Davis-Cup-Team Roger Federer – damals wie Kym heute erst 16-jährig.

Eines der Ziele für Kym, so formuliert es Allegro, sei die Teilnahme bei der Orange Bowl im Dezember. Beim renommierten Juniorenturnier erhält der Sieger jeweils eine Schale mit Orangen. 1998 hiess dieser Roger Federer. Spätestens da war allen klar, dass Federer mehr ist als ein Orangenschäler. Auch Jérôme Kym will mehr als das sein.

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