Alles neu an der Tour de Suisse – die wichtigsten Fragen zur Ausgabe 2026
Was ist neu?
Die Tour de Suisse ist eine Institution im Schweizer Sport. Doch um den Spagat zwischen Tradition und den Anforderungen des modernen Radsports zu meistern, haben sich die Organisatoren für einen Kurswechsel entschieden.
Die Zahl der Renntage sank über die Jahrzehnte bereits von ursprünglich elf auf zuletzt acht. Bei der 89. Austragung umfasst die Rundfahrt der Männer nun nur noch fünf Etappen. Das Frauenrennen wurde dagegen von vier auf fünf Etappen ausgebaut und findet erstmals parallel zu den Männern auf denselben oder ähnlichen Strecken statt.
Die Frauen starten jeweils am Vormittag, die Männer am Nachmittag. Start und Ziel befinden sich stets am gleichen Ort. «Dadurch können wir dem Publikum und unseren Partnern mehr bieten», sagt CEO Gabriela Buchs. Sie ist überzeugt, «dass das neue Format sportlich wie strategisch der richtige Schritt für die Zukunft ist».
Warum diese Reform?
Der radikale Kurswechsel hat mehrere Gründe, einer der wichtigsten ist finanzieller Natur. Im letzten Jahr operierte die Tour de Suisse mit einem Budget von rund acht Millionen Franken, davon entfiel rund eine Million auf das Frauenrennen. Dieses schrieb jedoch rote Zahlen; im vergangenen Jahr war von einem Verlust von mehreren hunderttausend Franken die Rede.
Die zeitliche und räumliche Überlappung der Frauen- und Männerrennen hat sich in den vergangenen Jahren bereits bewährt. Nun sollen diese Synergien noch konsequenter genutzt werden. Gleichzeitig sinkt das Gesamtbudget auf rund sechs Millionen Franken.
Hinzu kommen sportliche Gründe. Die Tour de Suisse gilt nach wie vor als wichtiger Formtest für die Tour de France im Juli. Durch die Verkürzung geht die Schweizer Landesrundfahrt der Tour Auvergne-Rhône-Alpes, die früher Critérium du Dauphiné hiess, aus dem Weg. Die beiden Rundfahrten gehen nun zeitlich aneinander vorbei.
Wo liegen die grössten Herausforderungen?
Mit dem neuen Konzept nimmt die Tour de Suisse unter den mittelgrossen Rundfahrten eine Vorreiterrolle ein. «Das gibt es so in dieser Form noch nirgends», sagt Tour-Direktor Olivier Senn. Er stehe deshalb auch in regelmässigem Austausch mit anderen Veranstaltern. «Die sind sehr interessiert, wie wir das umsetzen und wo die grössten Herausforderungen liegen.»
Die grösste Herausforderung ist zweifelsohne die Logistik. «Früher hatte man mit der Etappe von A nach B nicht nur das Rennen, sondern auch die ganze Logistik verschoben. Heute, wo Start und Ziel identisch sind, müssen wir über Nacht den ganzen Tross an den neuen Ort verschieben», erklärt Senn. Dazu kommen die langen Tage.
Was führt Tadej Pogacar in die Schweiz?
Das neue Rennformat dürfte auch bei den Teams Anklang finden. Das Teilnehmerfeld jedenfalls präsentiert sich stärker als in den Jahren zuvor. Mit Tadej Pogacar ist der grosse Überflieger erstmals dabei. Der vierfache Tour-de-France-Sieger hat sich zum Ziel gesetzt, jedes bedeutende World-Tour-Rennen mindestens einmal zu gewinnen. Die Tour de Suisse fehlt noch in seinem beeindruckenden Palmares.
Wer kann Pogacar gefährlich werden?
Fährt der Slowene so dominant wie vor anderthalb Monaten bei der Tour de Romandie, dürfte ihm keiner das Wasser reichen. Auch wenn die provisorische Startliste mit prominenten Namen wie Primoz Roglic, Mathieu van der Poel, Nairo Quintana oder Richard Carapaz gespickt ist.
Was ist aus Schweizer Sicht zu erwarten?
Der letzte Schweizer Gesamtsieg bei den Männern liegt bereits mehr als 15 Jahre zurück. Diesen feierte Fabian Cancellara 2009. Auch in diesem Jahr gehört kein Einheimischer zum Kreis der Favoriten. Am ehesten sind Mauro Schmid und Marc Hirschi Etappensiege zuzutrauen, wobei Hirschi nach einem Schlüsselbeinbruch im April sein Comeback feiert. Für Zeitfahrspezialist Stefan Küng kommt die Tour nach seinem Oberschenkelbruch dagegen noch zu früh.
Bei den Frauen ruhen die Hoffnungen vorab auf Marlen Reusser. Die Vorjahressiegerin tritt nach mehreren verletzungsbedingten Rückschlägen in diesem Jahr jedoch nicht als Topfavoritin an. Diese Rolle gebührte eigentlich Demi Vollering, doch die Niederländerin entschied sich kurzfristig, nach ihrem Giro-Sieg eine Pause einzulegen.
Am meisten zuzutrauen ist Reusser am Samstag im flachen Zeitfahren in Aarburg, das sie im Regenbogentrikot der Weltmeisterin in Angriff nehmen wird.
Wo wird die Tour de Suisse entschieden?
Die ersten drei Etappen rund um Sondrio, Locarno und Bad Ragaz sind zwar mit beträchtlichen Höhenmetern gespickt, eine reine Bergetappe wartet allerdings erst ganz zum Schluss. Beim grossen Finale am Sonntag in Villars-sur-Ollon geht es den ganzen Tag nur bergauf und bergab. Für die Männer gilt es den Anstieg zum Col de la Croix dreimal zu bewältigen, für die Frauen zweimal.
Weshalb startet die Rundfahrt in Italien?
Dass der Startschuss wie in diesem Jahr im Ausland erfolgt, dürfte auch künftig die Ausnahme bleiben. Der Vertrag mit dem Etappenort Sondrio im Veltlin, unweit der Schweizer Grenze, stand bereits, bevor die Organisatoren die Rundfahrt auf fünf Tage verkürzt haben. «Wir werden mit diesem Konzept in Zukunft auch maximal in zwei und nicht wie in diesem Jahr in drei Sprachregionen unterwegs sein», sagt Tour-Chef Senn. In dieser Woche geht es für die Organisatoren vor allem darum, Erfahrungen mit dem neuen Format zu sammeln. (abu/sda)
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