Wirtschaft
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Thomas Jordan, Praesident der Schweizerischen Nationalbank SNB, spricht wahrend an einer Medienkonferenz ueber der Schweizerischen Nationalbank, am Donnerstag, 15. Juni 2017 in Bern. Themen des Mediengespraechs sind die Geldpolitische Lagebeurteilung der Nationalbank zur Jahresmitte, der Bericht zur Finanzstabilitaet 2017 und die Entwicklung an den Devisen- und Finanzmaerkten.(KEYSTONE/Anthony Anex)

Muss tiefrote Zahlen vermelden: SNB-Präsident Thomas Jordan. Bild: KEYSTONE

Analyse

Vier Dinge, die du über den Milliardenverlust der SNB wissen solltest

Fast acht Milliarden Franken Verlust schreibt die Schweizerische Nationalbank nach nur neun Monaten in diesem Jahr. Werden jetzt die Steuern erhöht? Oder musst du um deinen Sparbatzen bangen?



Vielen von euch ist heute vielleicht beim Morgenessen das Gipfeli in die Kaffeetasse gefallen: 7,8 Milliarden Franken Verlust meldet die Schweizerische Nationalbank (SNB); und das, obwohl das Jahr noch nicht einmal zu Ende ist. Wer ein gutes Gedächtnis besitzt, kann sich jedoch erinnern, dass die SNB letztes Jahr noch einen Gewinn von sagenhaften 33,7 Milliarden Franken ausgewiesen hat.

Wie kommen diese gewaltigen Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung der SNB zustande? Und was bedeuten sie? Hier eine kurze Erklärung:

1. Wie sind die Nationalbanken entstanden?

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts reiste der englische König nach Amsterdam, um Geld für seine kostspieligen Kriege aufzunehmen, und der Monarch musste darauf hohe Zinsen entrichten. Gleichzeitig wussten die erfolgreichen Kaufleute Londons nicht, wie sie ihr Geld sicher anlegen konnten. Beide waren daher unzufrieden und suchten nach einer Lösung: Sie hiess Bank of England.

epaselect epa06354889 A pedestrian walks past the Bank of England in London, Britain, 28 November 2017. Bank of England Governor Mark Carney delivered the Banks Financial Stability Report 28 November.  EPA/ANDY RAIN

Das Gebäude der Bank of England in London heute. Bild: EPA/EPA

Die Bank of England wurde 1694 gegründet und ist die zweitälteste Nationalbank der Welt. (Die älteste ist die Schwedische Reichsbank.) Dank ihr konnte sich der König fortan zu vernünftigen Bedingungen verschulden, und die Kaufleute hatten nun mit den Staatsanleihen eine sichere Anlagemöglichkeiten gefunden.

2. Was sind die Aufgaben einer Nationalbank?

Im 19. Jahrhundert herrschte in Sachen Geld ein Chaos. Währungen wurden manipuliert, Banken krachten zusammen. Beides fügte der Wirtschaft schweren Schaden zu. In den USA kam es 1907 wieder einmal zu einem Beinahe-Kollaps des Bankensystems. Der damals führende Banker JP Morgan konnte es nur verhindern, indem er die wichtigsten Vertreter der Wall Street in seine Bibliothek einsperrte und sie erst wieder herausliess, als sie sich auf einen Rettungsplan geeinigt hatten.

Bild

Wollte nicht mehr Notenbank spielen: JP Morgan. 

Morgan hatte jedoch die Nase gestrichen voll. Deshalb trieb er die Gründung einer amerikanischen Nationalbank energisch voran. 1913 war es so weit: Das Federal Reserve System (Fed) wurde aus der Taufe gehoben, um die Wiederholung eines Crashs des Finanzsystems zu verhindern.

Fassen wir zusammen: Nationalbanken müssen dafür sorgen, dass sich Staaten vernünftig finanzieren können und für die Stabilität der Währung und des Bankensystems sorgen. Der Aufgabenbereich kann erweitert werden. Die Fed beispielsweise ist auch für Vollbeschäftigung verantwortlich.

3. Wie erledigen die Nationalbanken ihre Aufgaben?

Nationalbanken können einerseits den Leitzins der kurzfristigen Staatsanleihen bestimmen. Erhöhen sie diesen Zinssatz, wird das Geld teurer, senken sie ihn, wird es billiger. Teureres oder billigeres Geld hat einen grossen Einfluss auf das Investitionsverhalten der Unternehmen und das Konsumverhalten der Menschen. Überhitzt die Konjunktur, dann erhöht die Nationalbank den Leitzins. Schwächelt die Wirtschaft, senkt sie ihn wieder.

Die Nationalbanken können den Preis des Geldes auch indirekt bestimmen. Sie tun dies, indem sie Staatsanleihen kaufen oder verkaufen. Kaufen sie die Anleihen, dann emittieren sie im Gegenzug Banknoten, erhöhen die Geldmenge und senken die Zinsen. Verkaufen sie Anleihen, geschieht das Gegenteil.

Devisen verkaufen muss die SNB eher selten

Dieser Mechanismus spielt nur im Inland. Die Nationalbank muss jedoch auch für die Stabilität der Währung auf den internationalen Devisenmärkten sorgen. Sie tut dies ebenfalls mit dem Kauf oder Verkauf von ausländischen Devisen und Wertpapieren. Will die SNB verhindern, dass der Franken zu stark wird, dann kauft sie deshalb Dollars, Euros, etc., aber auch deutsche Staatsanleihen oder Aktien von Apple oder VW. Damit erhöht sie das Franken-Angebot und senkt den Preis.

Der umgekehrte Fall, dass die SNB Devisen oder Gold verkaufen muss, um den Franken zu stärken, ist seit dem Zweiten Weltkrieg eher theoretisch geblieben.

4. Und was ist nun mit den Gewinnen und Verlusten?

Die SNB wurde 1906 als private Aktiengesellschaft gegründet. Das ist sie bis heute, obwohl sich die meisten Aktien im Besitz der öffentlichen Hand – hauptsächlich der Kantone – befinden. Das Ziel der SNB besteht jedoch nicht darin, ihren Gewinn zu optimieren. Wie gesagt muss sie sich um die Stabilität des Frankens und des Bankensystems kümmern und die Finanzierung des Staates sichern.

THEMENBILD ZU DEN VERLUSTEN DER SNB --- Die Schweizerische Nationalbank, am Mittwoch, 14. Maerz 2018 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Der SNB-Hauptsitz in Bern. Bild: KEYSTONE

Die Gewinne oder Verluste der SNB sind gewissermassen das Nebenprodukt ihrer zentralen Aufgaben. So hat die SNB nach wie vor grosse Goldbestände, um das Vertrauen in den Franken zu stärken. Der Goldpreis schwankt. In den letzten Monaten ist er gesunken und hat der SNB einen Verlust von 3,7 Milliarden Franken beschert. Auch der Wert der ausländischen Devisen ist massiv gesunken.

Der Wert ausländischer Staatsanleihen oder Aktien befindet sich ebenfalls auf einer Achterbahn. Die SNB erwirbt sie wie erwähnt, um den Kurs des Frankens stabil zu halten. Das kann jedoch nie hundertprozentig gelingen. Deshalb hat die SNB auf ihren Obligationen im letzten Quartal 8,5 Milliarden Franken verloren. Auf den Aktien hingegen hat sie 8,2 Milliarden Franken gewonnen.

Um das Bankensystem zu schützen, haben die Nationalbanken seit der Finanzkrise im grossen Stil Anleihen und Aktien aufgekauft. Sie haben, wie es in der Fachsprache heisst, ihre Bilanzen verlängert. Auch die Bilanzsumme der SNB hat sich in etwa vervierfacht. Das bedeutet auch, dass die Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung viel grösser geworden sind.

Zweistellige Milliardengewinne – noch vor zehn Jahren undenkbar –, sind heute normal geworden. So gesehen könnt ihr euer Gipfeli wieder aus dem Kaffee holen. Es ist (noch) alles im grünen Bereich.

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 01.11.2018 06:38
    Highlight Highlight Geldpolitik ohne Verluste ist möglich mit einem Staatsfonds

    Was könnte man tun, damit sich Zentralbanken in der Ausübung der Geldpolitik nicht um Verluste und Verärgerung wegen der ausbleibenden Gewinnausschüttungen sorgen müssen? Man könnte die Aktiven aus der Zentralbank lösen und einer anderen Institution übergeben, etwa einem Staatsfonds, der sie verwaltet. Dann müsste sich die Zentralbank nicht mehr um Verluste kümmern. Das ist ein Weg, über den vor allem die Schweizerischen Nationalbank (SNB) nachdenken sollte.
  • Spooky 01.11.2018 00:32
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte beachte die Kommentarregeln.
  • Billy the Kid 31.10.2018 23:51
    Highlight Highlight Hört sich wie ein Märchen für Kinder an: Der "liebe" Herr J.P. Morgan (der als einer der reichsten Menschen der Welt freilich nur das Wohl aller im Sinn hatte) führt die Federal Reserve Bank mit seinen companieros ein, sodass in Zukunft für alle "Friede, Freude, Eierkuchen" herrscht.
    Come on...
  • aglio e olio 31.10.2018 23:12
    Highlight Highlight "Morgan hatte jedoch die Nase gestrichen voll"

    Der Satz unter dem Bild. 😁
    Ich mag den Humor.
  • Papa la Papp 31.10.2018 19:23
    Highlight Highlight Was genau ist hier im grünen Bereich, Herr Löpfe?
    Es wird (weltweit) mit Milliarden von VOLKSVERMÖGEN spekuliert / umgeschichtet / verlagert / korrigiert . Um was zu erreichen? Um die Weltwirtschaft zu stabilisieren? Ha ha ha, was wird genau produziert / geschaffen / entwickelt was die Menschheit rettet (weiter bringt)?
    Hä Herr Löpfe?
    Ah ja, ich habs: die Reichen werden immer reicher und der Rest geht an den A(ha).
    Alles im grünen Bereich, genau.
  • Mr. Spock 31.10.2018 18:46
    Highlight Highlight A) handelt sich im Übrigen um Buchverluste. Heisst, anhand der gehaltenen Anlagen würde die SNB den Verlust realisieren, was eher unrealistisvh ist.
    B) kalkül zur Marktfähigkeit des CHF kann hier durchaus möglich sein.
    C) Wer hält die Aktien, welche nicht in öffentlicher Gand sind!?
  • Hans Gsseh 31.10.2018 17:00
    Highlight Highlight Wo sind die Antworten auf die im Titel gestellten Fragen?
    • Anonyme Baumschale 31.10.2018 18:04
      Highlight Highlight Die Antwort ist, dass du dein Gipfeli aus dem Kaffee nehmen kannst. Oder um die Antwort auf die im Titel gestellten Fragen zu geben: Nein.
    • Philipp Löpfe 31.10.2018 19:13
      Highlight Highlight #Baumschale: Genauso ist es!
  • Oh Dae-su 31.10.2018 16:55
    Highlight Highlight Die Ausschüttungsreserve der SNB beträgt übrigens momentan noch über 67 Milliarden CHF.
    Die SNB müsste daher dieses Jahr schon einen enormen Verlust einfahren, damit Bund und Kantone keine Ausschüttung bekommen würden.
    Das wäre so ziemlich der einzige Grund wieso ein Verlust der Nationalbank eine Steuererhöhung bedeuten könnte :P
    • Skeptischer Optimist 31.10.2018 17:42
      Highlight Highlight Dieses wichtige Detail ist an Herrn Löpfe offensichtlich vorbei gegangen.

      Sad.
    • Philipp Löpfe 31.10.2018 17:50
      Highlight Highlight Nein, ich habe ja geschrieben, dass alles im grünen Bereich sei. Was soll die Aufregung?
    • Hans Gsseh 31.10.2018 17:55
      Highlight Highlight Danke für die Erläuterung, finde auch dass dies im Text untergegangen ist. Den Artikel polemisch eröffnen und dann mit der Erklärung schliessen, dass alles im grünen Bereich ist. Noch mit dem Zusatz "Milliardengewinne" aber wir sprechen hier ja über einen Verlust, dann müsste wenigstens stehen: solche Milliardenverluste sind heutzutags normal.
  • Normi 31.10.2018 16:36
    Highlight Highlight Ist das nicht so gewollt damit der Franken an Wert verliert und die CH so besser exportieren kann ?
    • Ueli der Knecht 31.10.2018 17:55
      Highlight Highlight Die Verluste resultieren aus einer kurzfristigen Dollarschwäche (resp. Frankenstärke). So ist das genau nicht gewollt. Der Dollar hat sich aber inzwischen wieder mehr als erholt, so dass vermutlich alle Verluste bereits wieder in massive Gewinne umgewandelt wurden.

      Bei einem anhaltenden Aufwärtsdrang des Dollars kann die Nationalbank nach und nach Dollarreserven verkaufen (und dadurch Franken vernichten, womit dann vielleicht mal wieder positive Zinsen und eine Normalisierung möglich wären).

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