Mutiger Schritt: Wie die IT-Cracks der Schweizer Armee Microsoft den Rücken kehren
Gerade bei der Digitalisierung hat die Schweiz gute Nachrichten nötig.
Zu viele staatliche IT-Projekte wurden schon in den Sand gesetzt. Zu viele gut gemeinte, aber schlecht durchgeführte Beschaffungen liefen aus dem Ruder.
Dann wartete die Techjournalistin Adrienne Fichter Anfang Monat im Online-Magazin «Republik» mit einer kleinen Sensation auf: Das Kommando Cyber der Schweizer Armee zieht die Software-Reissleine und verzichtet in naher Zukunft auf Microsoft-Produkte in der Cloud (siehe Quellen).
Aus Sicherheitsgründen setzen unsere militärischen IT-Cracks neu auf die europäische Open-Source-Alternative OpenDesk. Den Anfang machen bis im Herbst jene Spezialisten, die «eine besonders schützenswerte Identität» haben.
Gegenüber der «Republik» erklärte der Leiter des Kommando Cyber, Divisionär Simon Müller: «Microsoft 365 ist eine sehr gute Lösung, aber für eine Armee wie uns, die einen höheren Anspruch an Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Integrität ihrer Daten stellt, ist sie nicht geeignet.»
Vom Totalversagen zur späten Einsicht
Blicken wir zurück, zeigt sich ein schwieriges Bild. Die Eidgenossenschaft hat sich über die letzten Jahrzehnte in eine Abhängigkeit manövriert. Man kaufte blindlings Software-Lizenzen. Verknüpfte immer mehr staatliche Kernprozesse mit «günstigen» ausländischen Anbietern.
Der Staat trug also mit Steuergeldern zum Ausbau jener digitalen Quasi-Monopole bei, die uns Konsumentinnen und Konsumenten heute schon teuer zu stehen kommen. Und die uns als Gesellschaft noch viel mehr kosten könnten.
Sensible Daten werden in Rechenzentren verarbeitet und gespeichert, die jederzeit dem Zugriff amerikanischer Behörden und Geheimdienste unterliegen. Und wir müssen über einen eigentlichen «Kill Switch» reden: US-Präsident Donald Trump kann unliebsame Gegner, ob Politiker oder Richter, quasi auf Knopfdruck digital ausschalten.
Die Naivität der offiziellen Schweiz gegenüber den marktbeherrschenden US-Konzernen war ein Fehler. Der Bundesrat und die Bundesverwaltung haben unsere digitale Souveränität aus der Hand gegeben. Eine Kehrtwende hin zu demokratiefreundlichen, europäischen Lösungen ist dringend nötig.
Rote Karte für Palantir
Ein erster Lichtblick war der Umgang mit der KI-basierten Analysesoftware des US-Unternehmens Palantir. Die Schweizer Armee hat den umstrittenen Big-Data-Konzern nach gründlicher Evaluierung wegen Sicherheitsbedenken abgewiesen, wie die «Republik» Ende 2025 publik machte.
Die Bedenken wegen eines unkontrollierten Datenabflusses nach Amerika waren grösser als die PR-Versprechungen und Umwerbungen durch die Palantir-Chefs.
Während der Bund bei Microsoft ins Messer lief, will man die Abhängigkeit von US-Software generell verringern. Rückendeckung für den überfälligen Kurswechsel liefert auch der Gesetzgeber. Das 2024 eingeführte Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel (EMBAG) verankert den zentralen Grundsatz «Public Money, Public Code». Es fordert, dass staatlich entwickelte Software quelloffen sein muss.
Das Kommando Cyber geht hier lobenswert voran. Es nutzt nicht nur Open-Source-Lösungen, sondern engagiert sich aktiv in der entsprechenden Entwickler-Community. Ein starkes Zeichen war die jüngste Veröffentlichung der eigenen militärischen Such- und Analysesoftware «Loom» für die Allgemeinheit. Das ist gelebte digitale Souveränität.
Das eigentliche Hauptproblem
Doch die Freude verpufft sofort, wenn wir auf die Kantone blicken. Hier liegt eines der ungelöste Hauptprobleme. Während die IT-Sicherheitsfachleute der Armee vormachen, wie man sich aus den Fängen von Big Tech befreit, rollen Kantone wie Zürich, Zug oder Schwyz weiterhin den roten Teppich aus. Sie buhlen um die Gunst mächtiger Tech-Konzerne, ob sie nun Amazon, Google oder Microsoft heissen.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich die US-Techgiganten geschickt einnisten und immer neue Abhängigkeiten schaffen. Und sie betreiben im Hintergrund – direkt und über ein dichtes Netz von Partnern und Verbänden – massives Lobbying. Mit Kampagnen, Sponsoring und direktem Druck auf Entscheidungsträger versuchen sie, ihre Vormachtstellung auch in öffentlichen Verwaltungen zu zementieren.
Die Big-Tech-freundliche Haltung der kantonalen Verantwortungsträger ist nicht nachhaltig. Sie torpediert vielmehr die Bemühungen des Bundes um echte Datensouveränität. Und sie schadet der eigenen Wirtschaft. Wie sollen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hierzulande mit ihren Produkten bestehen und reüssieren, wenn Politik und Verwaltung den Verlockungen aus Übersee nachgeben?
Es ist höchste Zeit für ein Umdenken auf allen Ebenen des Staates. Digitale Souveränität und regionale Wirtschaftsförderung gehen vor. Wer sie den Einflüsterungen der Lobbyisten opfert, spielt mit der Zukunft der Schweiz.
Dem grünen Nationalrat und Unternehmer Gerhard Andrey, zitiert von der «Republik», ist beizupflichten:
PS: Wie kam es soweit?
Wie schätzt der Bundesrat die Abhängigkeiten der Bundesverwaltung von Software-Konzernen wie Microsoft ein? Diese Frage richtete der grüne Nationalrat Jonas Fricker im Jahr 2017 an die Schweizer Regierung.
Zufall oder nicht: Im selben Jahr wurde Donald J. Trump erstmals Präsident der Vereinigten Staaten.
Frickers damaliger parlamentarischer Vorstoss trug den Titel «Digitale Souveränität der Schweizer Bundesverwaltung». Er wurde von Links-Grün, aber auch von einem grünliberalen und einem freisinnigen Nationalrat unterstützt.
Die Antwort aus Bundesbern liess zwei Jahre auf sich warten. Erst Mitte 2019 veröffentlichte der Bundesrat den Bericht «Abhängigkeit von Herstellern und Wege zur Risikominderung bei IT-Beschaffungen». Dieser Bericht basierte auf den unabhängigen Einschätzungen von externen IT-Fachleuten.
Die Warnungen vor einer zu grossen Abhängigkeit von einzelnen (ausländischen) Software-Anbietern wurden offensichtlich in den Wind geschlagen. 2024 gab die Bundesverwaltung den Umstieg auf Microsoft 356 bekannt. Ein Jahr später schlug der damalige Armeechef, Thomas Süssli, Alarm.
Die Recherche, die alarmierte
Auslöser für Frickers Interpellation 2017 waren Recherchen des internationalen Journalisten-Netzwerks «Investigate Europe» gewesen. Unter dem Titel «Software-Kolonie Europa» wurde das Gebaren des marktbeherrschenden US-amerikanischen Tech-Konzerns Microsoft thematisiert.
Zentrale Erkenntnis war, dass die öffentlichen Verwaltungen in Europa fast ausschliesslich auf Microsoft-Software setzten. Dadurch entstand eine Abhängigkeit, die Europas Sicherheit und politische Handlungsfähigkeit gefährdete.
Das «Microsoft-Dilemma» liess aufhorchen:
- «Vendor Lock-in»-Effekt und unkontrollierbare Kosten: Die Behörden steckten in einem geschlossenen System fest. Die Abhängigkeit vom US-Konzern trieb die Kosten für Lizenzen kontinuierlich in die Höhe und blockierte gleichzeitig den technischen Fortschritt.
- Aushebelung der Gesetze: Das geltende Beschaffungs- und Wettbewerbsrecht wurde systematisch untergraben. Weil Microsoft-Produkte betriebsintern oft als «systemwichtig» eingestuft wurden, fanden in vielen Fällen keine regulären und fairen Ausschreibungen mehr statt.
- Massiver politischer Einfluss und Lobbyismus: Microsoft übte einen enormen politischen Einfluss aus. Die Untersuchung legte personelle Verflechtungen offen, die Rede war vom «Drehtüreffekt»: Aktuelle oder ehemalige Microsoft-Lobbyisten, Manager und Berater waren in Ministerien auf technischer oder politischer Ebene beratend tätig, was zu schweren Interessenkonflikten führte.
- Kontrollverlust: Experten warnten davor, dass die europäischen Staaten die Kontrolle über ihre eigene IT-Infrastruktur verlieren. Der Einsatz der proprietären Microsoft-Software in Regierungsnetzwerken wurde von einigen Fachleuten als nicht mehr vereinbar mit einem unabhängigen Rechtsstaat kritisiert. Europa degradiere sich selbst zu einer «digitalen Kolonie» der USA.
- Frühzeitige Abhängigkeit im Bildungssystem: Microsoft durchdrang gezielt Schulen und Universitäten. Durch das Verteilen von Gratis-Softwarepaketen an Bildungseinrichtungen wurden Jugendliche an die Produkte gebunden. Mit dem Ziel, so eine lebenslange Abhängigkeit zu schaffen und den Markt für die Zukunft zu sichern.
- Fatale Sicherheitsrisiken: Da Microsoft-Software nicht quelloffen, sondern proprietär ist (Closed Source), liess sich der Code nicht unabhängig auf Hintertüren oder Schwachstellen überprüfen. Als mahnendes Beispiel fiel in diese Zeit der weltweite Ransomware-Angriff «WannaCry». Wegen geleakter Informationen zu Windows-Schwachstellen, die der US-Geheimdienst NSA nicht gemeldet hatte, sondern selbst ausnutzte, verbreitete sich eine Schadsoftware um den Globus und verursachte Schäden in Milliardenhöhe.
Um sich aus der Microsoft-Umklammerung zu befreien, forderten die befragten Experten und die Journalisten schon damals einen Richtungswechsel. Europa müsse eigene, unabhängige IT-Architekturen aufbauen und gezielt den Einsatz von Open-Source-Software (quelloffene Software) in der öffentlichen Verwaltung vorantreiben.
Knapp zehn Jahre später geht's an die Umsetzung. Als Beschleuniger könnten die steigenden Preise und Lizenzkosten wirken, die Microsoft und Co. durchsetzen.
Quellen
- republik.ch: Die Cyber-Spezialisten des Bundes kehren Microsoft den Rücken (9. Juli)
- vgt.admin.ch: Kommando Cyber veröffentlicht mit «Loom» erstes Open-Source-Projekt (April 2026)
- republik.ch: Wie hartnäckig Palantir die Schweiz umwarb (Dezember 2025)
- netzpolitik.org: Palantir-Software hat verheerende Risiken (Dezember 2025)
- efd.admin.ch: Abhängigkeit von Herstellern und Wege zur Risikominderung bei IT-Beschaffungen (PDF, 2019)
- parlament.ch: Digitale Souveränität der Schweizer Bundesverwaltung (2017)
- Neue Details zu unbekannten Drohnen über Schweizer Militäranlage – die Sonntagsnews
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