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Schweizer Armee setzt auf europäische Software statt Microsoft

Elektronische Kriegsführung. Armeebotschaft 2026.
CC BY-NC-ND 3.0 CH
Das Kommando Cyber setzt auf eine europäische Open-Source-Lösung.Bild: VBS / CC BY-NC-ND 3.0 CH
Analyse

Mutiger Schritt: Wie die IT-Cracks der Schweizer Armee Microsoft den Rücken kehren

Unter US-Präsident Donald Trump wird unsere Abhängigkeit von marktbeherrschenden Tech-Konzernen zum unkalkulierbaren Sicherheitsrisiko. Immerhin gibt es nun ein Zeichen aus Bern.
20.07.2026, 15:2320.07.2026, 20:46

Gerade bei der Digitalisierung hat die Schweiz gute Nachrichten nötig.

Zu viele staatliche IT-Projekte wurden schon in den Sand gesetzt. Zu viele gut gemeinte, aber schlecht durchgeführte Beschaffungen liefen aus dem Ruder.

Dann wartete die Techjournalistin Adrienne Fichter Anfang Monat im Online-Magazin «Republik» mit einer kleinen Sensation auf: Das Kommando Cyber der Schweizer Armee zieht die Software-Reissleine und verzichtet in naher Zukunft auf Microsoft-Produkte in der Cloud (siehe Quellen).

Aus Sicherheitsgründen setzen unsere militärischen IT-Cracks neu auf die europäische Open-Source-Alternative OpenDesk. Den Anfang machen bis im Herbst jene Spezialisten, die «eine besonders schützenswerte Identität» haben.

Die Abkehr von marktbeherrschenden US-Plattformen ist nicht weniger als ein sicherheitspolitischer Paukenschlag. Und sie kommt keinen Tag zu früh.

Gegenüber der «Republik» erklärte der Leiter des Kommando Cyber, Divisionär Simon Müller: «Microsoft 365 ist eine sehr gute Lösung, aber für eine Armee wie uns, die einen höheren Anspruch an Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Integrität ihrer Daten stellt, ist sie nicht geeignet.»

Vom Totalversagen zur späten Einsicht

Blicken wir zurück, zeigt sich ein schwieriges Bild. Die Eidgenossenschaft hat sich über die letzten Jahrzehnte in eine Abhängigkeit manövriert. Man kaufte blindlings Software-Lizenzen. Verknüpfte immer mehr staatliche Kernprozesse mit «günstigen» ausländischen Anbietern.

Der Staat trug also mit Steuergeldern zum Ausbau jener digitalen Quasi-Monopole bei, die uns Konsumentinnen und Konsumenten heute schon teuer zu stehen kommen. Und die uns als Gesellschaft noch viel mehr kosten könnten.

Sensible Daten werden in Rechenzentren verarbeitet und gespeichert, die jederzeit dem Zugriff amerikanischer Behörden und Geheimdienste unterliegen. Und wir müssen über einen eigentlichen «Kill Switch» reden: US-Präsident Donald Trump kann unliebsame Gegner, ob Politiker oder Richter, quasi auf Knopfdruck digital ausschalten.

Die Naivität der offiziellen Schweiz gegenüber den marktbeherrschenden US-Konzernen war ein Fehler. Der Bundesrat und die Bundesverwaltung haben unsere digitale Souveränität aus der Hand gegeben. Eine Kehrtwende hin zu demokratiefreundlichen, europäischen Lösungen ist dringend nötig.

Rote Karte für Palantir

Ein erster Lichtblick war der Umgang mit der KI-basierten Analysesoftware des US-Unternehmens Palantir. Die Schweizer Armee hat den umstrittenen Big-Data-Konzern nach gründlicher Evaluierung wegen Sicherheitsbedenken abgewiesen, wie die «Republik» Ende 2025 publik machte.

Die Bedenken wegen eines unkontrollierten Datenabflusses nach Amerika waren grösser als die PR-Versprechungen und Umwerbungen durch die Palantir-Chefs.

Während der Bund bei Microsoft ins Messer lief, will man die Abhängigkeit von US-Software generell verringern. Rückendeckung für den überfälligen Kurswechsel liefert auch der Gesetzgeber. Das 2024 eingeführte Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel (EMBAG) verankert den zentralen Grundsatz «Public Money, Public Code». Es fordert, dass staatlich entwickelte Software quelloffen sein muss.

Das Kommando Cyber geht hier lobenswert voran. Es nutzt nicht nur Open-Source-Lösungen, sondern engagiert sich aktiv in der entsprechenden Entwickler-Community. Ein starkes Zeichen war die jüngste Veröffentlichung der eigenen militärischen Such- und Analysesoftware «Loom» für die Allgemeinheit. Das ist gelebte digitale Souveränität.

Kommando Cyber (Kdo Cy), Bildschirm, Cyber Defense, Verteidigung, Abwehr, Cyberabwehr, Cyberverteidigung
Im Kommando Cyber arbeiten 800 Berufsleute, hinzu kommen insgesamt ca. 13'000 Milizangehörige. Sie schützen die IT-Systeme der Schweizer Armee vor Cyberangriffen.Bild: VBS

Das eigentliche Hauptproblem

Doch die Freude verpufft sofort, wenn wir auf die Kantone blicken. Hier liegt eines der ungelöste Hauptprobleme. Während die IT-Sicherheitsfachleute der Armee vormachen, wie man sich aus den Fängen von Big Tech befreit, rollen Kantone wie Zürich, Zug oder Schwyz weiterhin den roten Teppich aus. Sie buhlen um die Gunst mächtiger Tech-Konzerne, ob sie nun Amazon, Google oder Microsoft heissen.

Sicherheitspolitische Bedenken werden für ein paar zusätzliche Steuermillionen oder das Image als Innovationsstandort weggewischt.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die US-Techgiganten geschickt einnisten und immer neue Abhängigkeiten schaffen. Und sie betreiben im Hintergrund – direkt und über ein dichtes Netz von Partnern und Verbänden – massives Lobbying. Mit Kampagnen, Sponsoring und direktem Druck auf Entscheidungsträger versuchen sie, ihre Vormachtstellung auch in öffentlichen Verwaltungen zu zementieren.

Die Big-Tech-freundliche Haltung der kantonalen Verantwortungsträger ist nicht nachhaltig. Sie torpediert vielmehr die Bemühungen des Bundes um echte Datensouveränität. Und sie schadet der eigenen Wirtschaft. Wie sollen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hierzulande mit ihren Produkten bestehen und reüssieren, wenn Politik und Verwaltung den Verlockungen aus Übersee nachgeben?

Es ist höchste Zeit für ein Umdenken auf allen Ebenen des Staates. Digitale Souveränität und regionale Wirtschaftsförderung gehen vor. Wer sie den Einflüsterungen der Lobbyisten opfert, spielt mit der Zukunft der Schweiz.

Dem grünen Nationalrat und Unternehmer Gerhard Andrey, zitiert von der «Republik», ist beizupflichten:

«Die Digitalisierung wird zunehmend als geopolitische Waffe eingesetzt. Deshalb muss auch die zivile Verwaltung unabhängiger von Big Tech werden.»

PS: Wie kam es soweit?

Wie schätzt der Bundesrat die Abhängigkeiten der Bundesverwaltung von Software-Konzernen wie Microsoft ein? Diese Frage richtete der grüne Nationalrat Jonas Fricker im Jahr 2017 an die Schweizer Regierung.

Zufall oder nicht: Im selben Jahr wurde Donald J. Trump erstmals Präsident der Vereinigten Staaten.

Frickers damaliger parlamentarischer Vorstoss trug den Titel «Digitale Souveränität der Schweizer Bundesverwaltung». Er wurde von Links-Grün, aber auch von einem grünliberalen und einem freisinnigen Nationalrat unterstützt.

Die Antwort aus Bundesbern liess zwei Jahre auf sich warten. Erst Mitte 2019 veröffentlichte der Bundesrat den Bericht «Abhängigkeit von Herstellern und Wege zur Risikominderung bei IT-Beschaffungen». Dieser Bericht basierte auf den unabhängigen Einschätzungen von externen IT-Fachleuten.

Die Warnungen vor einer zu grossen Abhängigkeit von einzelnen (ausländischen) Software-Anbietern wurden offensichtlich in den Wind geschlagen. 2024 gab die Bundesverwaltung den Umstieg auf Microsoft 356 bekannt. Ein Jahr später schlug der damalige Armeechef, Thomas Süssli, Alarm.

Bundesverwaltung prüft Ausstieg
Wie das Online-Magazin «Republik» am 9. Juni berichtete, «arbeitet die Bundeskanzlei an einer Machbarkeitsstudie zur Frage, wie schnell es möglich ist, Microsoft 365 zu verlassen und zu Open Desk zu wechseln». Eigentlich hätte das Resultat gemäss ihren Informationen bereits Ende Juni veröffentlicht werden sollen, schrieb Adrienne Fichter. «Doch der Bundesrat konnte sich vor den Sommerferien nicht mehr mit dem Thema befassen, weshalb die gesamte Kommunikation auf Mitte August vertagt wurde.»

Die Recherche, die alarmierte

Auslöser für Frickers Interpellation 2017 waren Recherchen des internationalen Journalisten-Netzwerks «Investigate Europe» gewesen. Unter dem Titel «Software-Kolonie Europa» wurde das Gebaren des marktbeherrschenden US-amerikanischen Tech-Konzerns Microsoft thematisiert.

Zentrale Erkenntnis war, dass die öffentlichen Verwaltungen in Europa fast ausschliesslich auf Microsoft-Software setzten. Dadurch entstand eine Abhängigkeit, die Europas Sicherheit und politische Handlungsfähigkeit gefährdete.

Das «Microsoft-Dilemma» liess aufhorchen:

  • «Vendor Lock-in»-Effekt und unkontrollierbare Kosten: Die Behörden steckten in einem geschlossenen System fest. Die Abhängigkeit vom US-Konzern trieb die Kosten für Lizenzen kontinuierlich in die Höhe und blockierte gleichzeitig den technischen Fortschritt.
  • Aushebelung der Gesetze: Das geltende Beschaffungs- und Wettbewerbsrecht wurde systematisch untergraben. Weil Microsoft-Produkte betriebsintern oft als «systemwichtig» eingestuft wurden, fanden in vielen Fällen keine regulären und fairen Ausschreibungen mehr statt.
  • Massiver politischer Einfluss und Lobbyismus: Microsoft übte einen enormen politischen Einfluss aus. Die Untersuchung legte personelle Verflechtungen offen, die Rede war vom «Drehtüreffekt»: Aktuelle oder ehemalige Microsoft-Lobbyisten, Manager und Berater waren in Ministerien auf technischer oder politischer Ebene beratend tätig, was zu schweren Interessenkonflikten führte.
  • Kontrollverlust: Experten warnten davor, dass die europäischen Staaten die Kontrolle über ihre eigene IT-Infrastruktur verlieren. Der Einsatz der proprietären Microsoft-Software in Regierungsnetzwerken wurde von einigen Fachleuten als nicht mehr vereinbar mit einem unabhängigen Rechtsstaat kritisiert. Europa degradiere sich selbst zu einer «digitalen Kolonie» der USA.
  • Frühzeitige Abhängigkeit im Bildungssystem: Microsoft durchdrang gezielt Schulen und Universitäten. Durch das Verteilen von Gratis-Softwarepaketen an Bildungseinrichtungen wurden Jugendliche an die Produkte gebunden. Mit dem Ziel, so eine lebenslange Abhängigkeit zu schaffen und den Markt für die Zukunft zu sichern.
  • Fatale Sicherheitsrisiken: Da Microsoft-Software nicht quelloffen, sondern proprietär ist (Closed Source), liess sich der Code nicht unabhängig auf Hintertüren oder Schwachstellen überprüfen. Als mahnendes Beispiel fiel in diese Zeit der weltweite Ransomware-Angriff «WannaCry». Wegen geleakter Informationen zu Windows-Schwachstellen, die der US-Geheimdienst NSA nicht gemeldet hatte, sondern selbst ausnutzte, verbreitete sich eine Schadsoftware um den Globus und verursachte Schäden in Milliardenhöhe.

Um sich aus der Microsoft-Umklammerung zu befreien, forderten die befragten Experten und die Journalisten schon damals einen Richtungswechsel. Europa müsse eigene, unabhängige IT-Architekturen aufbauen und gezielt den Einsatz von Open-Source-Software (quelloffene Software) in der öffentlichen Verwaltung vorantreiben.

Knapp zehn Jahre später geht's an die Umsetzung. Als Beschleuniger könnten die steigenden Preise und Lizenzkosten wirken, die Microsoft und Co. durchsetzen.

Quellen

YouTube-Video mit dem Chef des Kommando Cyber zum Thema:

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Die beliebtesten Kommentare
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Rannen
20.07.2026 15:48registriert Januar 2018
Endlich, dieser Schritt ist überfällig, da müssen schon die jungen Cracks kommen, dass es Bewegung gibt
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Pixomaniac
20.07.2026 15:52registriert August 2025
Oh, es geschehen noch Zeichen und Wunder! Bei der Armee ist das aus Sicherheitsgründen überfällig!

Bei den Kantonen wird es das selbe Problem wie bei grösseren Unternehmen sein: Jahrzehntelang vergrössert man Komplexität und Abhängigkeit. Und jetzt sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und wenn die Verantwortlichen für das Problem schlichtweg null sensibilisiert sind, wird da nix passieren.

Das wird ein langer Prozess werden.
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Overton Window
20.07.2026 15:45registriert August 2022
Na endlich. Hätte man vor 25 Jahren schon haben können, auch in den übrigen Verwaltungen. Viele Länder haben es damals als Linux aufkam probiert, aber weil fast niemand mitgezogen ist wieder abbrechen müssen.

Hoffentlich setzt es sich jetzt irgendwann mal so richtig durch.
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