Weniger Filialen, weniger Fleisch: Migros-Chef warnt vor SVP-Initiative
Die Migros, mit rund 92’000 Mitarbeitenden die grösste Arbeitgeberin der Schweiz, bezieht Position: Im hauseigenen Magazin spricht sie sich gegen die 10-Millionen-Initiative aus. Im Interview erklärt Migros-Chef Mario Irminger den Entscheid. Er äussert sich dabei auch im Namen des Branchenverbands IG Detailhandel, den er präsidiert. Und spricht also auch für Denner und Coop.
Es gibt die Wendung «Migros ist für alle da». Gilt das noch, oder ist die Migros nur noch für die halbe Schweiz da – für jene, die Nein stimmen?
Mario Irminger: Sie ist für alle da. Das ist selbstverständlich. Und wir wollen auch niemandem sagen, wie er oder sie stimmen soll. Das ist die Freiheit jedes Einzelnen. Doch zur Freiheit gehört auch, dass wir uns äussern und sagen dürfen, was die Konsequenzen der Initiative für die Migros als Grundversorgerin und für die Detailhandelsbranche insgesamt wären.
Mit welcher Absicht?
Bei Themen, die für uns relevant sind, möchten wir einen Beitrag zur Meinungsbildung leisten. Und diese Initiative ist für uns hoch relevant.
Inwiefern?
Sie trifft uns, den Detailhandel und die Lebensmittelindustrie, im Kern. Wir stellen nicht infrage, dass die Migration Probleme und Herausforderungen mit sich bringt. Aber der Lösungsansatz der Initiative – ein Bevölkerungsdeckel – ist aus unserer Sicht falsch.
Heisst: Sie anerkennen Probleme, sagen aber, die Initiative löse sie nicht?
Sie schafft neue Probleme. Denn wir haben in der Schweiz ein grosses Thema: die demografische Entwicklung.
Die Alterung der Gesellschaft.
Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension. Gleichzeitig werden wir – meist bei guter Gesundheit – immer älter, bleiben mobil, haben Ansprüche. Deshalb werden wir eine gewisse Migration schon nur brauchen, um das heutige Leistungsniveau im Detailhandel aufrechtzuerhalten. Denn die Kunden bevorzugen kleinere, nahegelegene Läden mit frischem Angebot und langen Öffnungszeiten. Das braucht Personal.
Und das findet man im Inland nicht ausreichend?
Nein. Erst recht nicht für unsere Industriebetriebe. Das sehen wir etwa bei Micarna, einem der grössten Fleischverarbeiter der Schweiz. Es ist jetzt schon schwierig, die Stellen zu besetzen.
Das liegt wohl am Beruf: Auch lokale Metzgereien finden oft keine Nachfolger und schliessen.
Wir beschäftigen bei Micarna gut 3000 Mitarbeitende, davon werden in den nächsten Jahren 20 Prozent pensioniert, also rund 540 Personen. Hinzu kommt die übliche Fluktuation von jährlich 10 bis 15 Prozent. Wenn wir die Leistungsfähigkeit aufrechterhalten wollen, brauchen wir Ersatz für diejenigen, die aus dem Arbeitsprozess ausscheiden. Und das ist eine enorme Herausforderung, die wir mit inländischen Arbeitskräften nicht bewältigen können.
Das heisst: Wird die 10-Millionen-Schweiz-Initiative angenommen, gibt es weniger Fleisch an der Theke?
Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der heutige Servicelevel – in der Verarbeitung ebenso wie in den Läden – nicht mehr aufrechterhalten werden kann.
Konkret?
Kürzere Öffnungszeiten, weniger Filialen – oder allenfalls auch weniger Fleisch, weniger Auswahl. Wenn weniger Menschen arbeiten, wird das Angebot kleiner. Das ist die einfache Konsequenz. Die Situation wird noch schwieriger, als sie heute schon ist. Denn bereits jetzt finden wir in der Fleischverarbeitung, aber auch in anderen Bereichen, kaum genügend Arbeitskräfte.
Können Sie Zahlen nennen?
Aktuell sind rund 60 Prozent unserer Micarna-Mitarbeitenden ausländische Staatsbürger, in der Zerlegerei, wo also das Fleisch ausgebeint wird, sind es sogar 90 Prozent. Wir sind auf sie angewiesen – heute schon und um die Lücken zu füllen, die auf uns zukommen.
Fühlen sich die Schweizer zu fein für solche Arbeiten? Man überlässt sie den Ausländern?
Diese Formulierung wählen Sie. Tatsache ist: Vor zehn Jahren war das Verhältnis noch anders – damals hatten wir mehr Schweizer als Ausländer. Es ist ein schleichender Wandel, aber er ist deutlich.
Im ganzen Unternehmen oder vor allem in den industriellen Betrieben?
Wir haben aktuell mehr als 1000 offene Stellen bei der Migros. Es ist schwer, sie zu besetzen. Vor allem Filialpersonal, Mitarbeitende in unseren eigenen Bäckereien, in der Fleisch- und in der Milchverarbeitung. Dabei geht es nicht primär um hochqualifizierte Fachkräfte, sondern um viele grundlegende Tätigkeiten, die den Betrieb am Laufen halten.
Vielleicht würden sich Schweizer dafür finden, wenn Sie die Löhne erhöhen würden?
Das ist nicht der Punkt. Die Löhne sind aus unserer Sicht angemessen. Im internationalen Vergleich – etwa mit Deutschland oder Frankreich – sind sie zwei- bis dreimal so hoch. Bei uns liegt der Mindestlohn für Ungelernte bei 4200 Franken, nebst attraktiven Sozialleistungen wie einer fortschrittlichen Pensionskasse und Mitarbeiterrabatten. Aber die Lebenshaltungskosten sind natürlich auch höher.
Wir Schweizer brauchen also Migration, damit wir weiterhin Fleisch essen können, das wir wiederum nicht selbst verarbeiten wollen. Wäre es da nicht ehrlicher, das Fleisch zu importieren?
Dann hätten wir eine ganz andere Diskussion. Da käme die wohl stärkste Lobby in Bern ins Spiel: die Landwirtschaft. Wir haben rund 47’000 landwirtschaftliche Betriebe in der Schweiz, die darauf angewiesen sind, dass ihre Produkte hier verarbeitet werden. Stellen wir auf Fleischimport um, dann verändern wir unsere Landwirtschaft grundlegend. Das wiederum hätte Folgen für den Bergtourismus. Eindimensionale Lösungen schaffen immer eine ganze Reihe von neuen Problemen.
Dann hat die Trump-Regierung recht, die sagt: Migros und Coop dominieren den Markt, sie lassen zu wenig ausländische Produkte zu, und strenge Biovorschriften würden US- Agrarprodukte benachteiligen.
Bei uns entscheidet immer die Kundschaft. Wo kauft sie ein? Will sie inländische oder ausländische Produkte? Bio oder nicht? Die Konsumentinnen und Konsumenten haben die Wahl. Der Wettbewerb im Schweizer Detailhandel ist gross. Die Idee, einfach alles zu importieren, wenn wir es hier nicht mehr produzieren können, greift zu kurz und löst keine Probleme.
Wo rekrutieren Sie Mitarbeitende – etwa für Micarna? Woher kommen sie?
Nach unserer Erfahrung läuft viel über bereits bestehende Migration. Es gibt viele Menschen, die schon in der Schweiz sind, aber enge Verbindungen zu ihren Herkunftsländern haben. So ziehen sie ihre Verwandten oder Bekannten nach. Das war früher nicht anders, als etwa viele Menschen aus Apulien in die Schweiz kamen, weil sich hier Gemeinschaften gebildet hatten. Heute sehen wir eine starke Zuwanderung aus Südwesteuropa, namentlich aus Portugal, sowie aus Ost- und Südosteuropa. Rein wirtschaftlich ist Migration notwendig.
Die Wirtschaft profitiert, aber die Migration hat negative Begleiterscheinungen.
Ja. Wohnungsnot, steigende Energiepreise, überlastete Infrastruktur, steigende Gesundheits- und Sozialkosten sind eine Realität. Die Ursachen sind vielschichtiger, als einfach die Migration dafür verantwortlich zu machen. Und eine Obergrenze bei der Bevölkerungszahl festzulegen, löst die Probleme nicht.
Was wäre denn Ihr Lösungsvorschlag?
Man muss das gesamtheitlich betrachten und die eigentlichen Treiber analysieren. Ich bin nicht Politiker, sondern beurteile die Initiative, die jetzt vorliegt. Ich denke jedoch, die Schweiz kommt nicht darum herum, ihre Infrastruktur auszubauen: Der Bundesrat prüft Massnahmen zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und er hat festgelegt, welche Strassen- und Schienenprojekte er prioritär umsetzen will. Das halte ich für den richtigen Ansatz. Zudem hat der Bundesrat in den Bilateralen III eine Klausel ausgehandelt, um die Zuwanderung besser steuern zu können.
Viele Menschen treibt vor allem der Wohnungsmarkt um.
Das ist vor allem ein Thema in Grossstädten. In kleineren Städten und auf dem Land ist es weniger ausgeprägt. Die Lösungen müssen vor Ort entstehen – etwa durch verstärkten Wohnungsbau mit bezahlbaren Mieten. Das ist ein wichtiges Thema. Wir als Migros sind teilweise auch im Immobilienbereich tätig, besitzen Wohnungen – teils direkt, teils zusammen mit Partnern wie Banken.
Wäre genossenschaftlicher Wohnungsbau ein mögliches neues Feld für die Migros?
Das ist nicht ausgeschlossen. Es ist grundsätzlich denkbar, aber es gibt keinen Entscheid dazu.
Die Initiative spricht auch Wachstumskritiker an. Funktioniert die Schweiz, funktioniert die Migros nur, wenn immer alles wächst?
Wenn man das Schweizer Wirtschaftswachstum von rund 1 Prozent betrachtet, ist es gar nicht so hoch. In den 1980er- und 1990er-Jahren hatten wir Wachstumsraten von 2 bis 4 Prozent. Es geht weniger um Wachstum als um eine Verschiebung innerhalb der Bevölkerung – vor allem durch die Alterung. Diese Entwicklung lässt sich kurzfristig nicht durch Automatisierung oder Robotik auffangen. Das würde zu einem deutlichen Rückgang der wirtschaftlichen Leistung führen.
Diese Verschiebung zeigt sich auch darin, dass viele Einheimische eher «komfortablere» Jobs machen, während anstrengendere Tätigkeiten zunehmend von Zuwanderern übernommen werden.
Menschen, die einwandern, sind oft in hohem Mass bereit, hart zu arbeiten – etwa im Detailhandel oder in der Produktion. Was sie antreibt, ist häufig die Vorstellung: Meinen Kindern soll es dereinst besser gehen! In der Schweiz hat die zweite Generation tatsächlich gute Bildungschancen. Wir im Detailhandel und in der Lebensmittelindustrie sind die eigentlichen Integrationskatalysatoren. Dort werden Menschen in die Kultur und in die Schweiz eingeführt, sehen ihre Möglichkeiten und bilden sich weiter. Damit kommen sie auch in der Migros weiter: Gut 20 Prozent unserer Filialleitenden kommen aus dem Ausland.
Die Secondos haben dann oft ihrerseits anspruchsvollere Stellen.
Absolut. In der Migros-Bank treffe ich immer wieder Mitarbeitende mit Namen, die nicht schweizerisch klingen, die das machen, was früher Einheimischen vorbehalten schien. Das ist sehr positiv: In der Schweiz läuft die Integration verglichen mit anderen Ländern sehr gut, sie führt zu mehr Wohlstand.
Laut Umfragen ist mehr als die Hälfte für die Initiative, vor allem Frauen und Junge stehen hinter dem Anliegen. Ist es für die Migros nicht riskant, sich so exponiert zu äussern – gerade, weil Frauen eine wichtige Kundengruppe sind?
Wir wollen einfach aufzeigen, welche Konsequenzen die Initiative haben könnte. Das ist unsere Aufgabe, ja unsere Pflicht.
Haben Sie keine Angst vor persönlichen Angriffen?
Nein. Ich glaube, wenn man es sachlich auf dieser Ebene betrachtet, dann nicht. Wir haben im «Migros-Magazin» beide Seiten beleuchtet – und dann Position bezogen. Der Fall von SBB-Chef Vincent Ducrot gibt mir aber schon zu denken. Wenn ein Manager oder Unternehmer wegen eines unternehmerischen Entscheids Personenschutz braucht, ist das nicht richtig. In der Schweiz sollte es möglich sein, eine sachliche Meinung oder einen sachlichen Entscheid zu vertreten, ohne Angst um die eigene Sicherheit haben zu müssen.
Verschickt die Migros jetzt eine Abstimmungsparole an die Mitarbeitenden?
Nein, intern machen wir gar nichts. Es gibt keine Abstimmungsparolen und keine Mobilisierung. Und wir werden in unseren Läden auch keine Flyer auflegen oder Plakate aufhängen.
Hand aufs Herz: Geht es Ihnen letztlich nicht einfach darum, dank mehr Zuwanderung mehr Umsatz und Gewinn zu machen – und letztlich mehr Bonus zu erhalten?
Bei der Migros bekommt niemand einen Bonus. Wir sind alle fix entlöhnt. Auch bei der Migros Bank. Und es funktioniert. Sie gehört zu den erfolgreichsten Retailbanken der Schweiz, zahlt marktfähige Löhne, aber keine Boni. Uns geht es also nicht um das eigene Portemonnaie, auch nicht um unseren Firmengewinn, der ohnehin nicht ausgeschüttet, sondern reinvestiert wird. Wir nehmen in der Branche die Initiative ernst. Sie hat einen grossen Einfluss darauf, wie die Zukunft der Schweiz gestaltet wird. Deshalb engagieren wir uns.
Hätte die Migros nicht genug Probleme, die Sie lösen müssten, statt sich in eine politische Debatte einzumischen?
(schweigt und schmunzelt)
Wird die Migros damit wieder politischer?
Ich glaube nicht. In der Vergangenheit hatten wir immer dann eine Stimme, wenn etwas eine hohe Relevanz für unsere Tätigkeit hatte und deshalb in den Abstimmungsraum gehörte.
Die politische Stimme der Migros ist zeitweilig verstummt.
Das mag mit einzelnen Personen zusammenhängen. Im Vergleich zur Gründerzeit sind wir heute eher weniger politisch aktiv. Wir äussern uns vor allem dann, wenn es eine direkte Relevanz für unser Geschäft gibt.
Und was machen Sie, wenn die Initiative angenommen wird?
Die Menschen sollen abstimmen, wie sie es für richtig halten. Wir akzeptieren selbstverständlich jedes Resultat. Was wir dann konkret machen und wo wir Einschnitte vornehmen werden, wenn die Bevölkerung den Wert von 9,5 Millionen erreicht, wird sich zeigen. (aargauerzeitung.ch)
