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10-Millionen-Schweiz: Ökonom spricht über Nutzen von Zuwanderung

Beine von Menschen in Zürich Rushhour Business Zuwanderung
Die Schweiz stimmt im Juni über die 10-Millionen-Initiative ab.Bild: keystone

Ökonom zu Zuwanderung: «Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben»

Reto Föllmi erklärt, weshalb die Schweiz nicht nur den Nutzen der Zuwanderung haben kann – und in welchem Bereich ein Ja zur SVP-Initiative den Reformdruck befeuern könnte.
16.05.2026, 15:4916.05.2026, 15:49
Kari Kälin
Kari Kälin
Reto Föllmi ist Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen.
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Bild: uni st. gallen

Kann die Schweiz ihren Wohlstand halten, wenn die Zuwanderung deutlich sinkt – etwa von 80’000 auf 40’000 Personen pro Jahr, wie es der SVP vorschwebt?
Reto Föllmi: Eine deutlich tiefere Zuwanderung wäre für die Schweiz grundsätzlich verkraftbar – allerdings nur mit Anpassungen im Geschäftsmodell vieler Unternehmen. Firmen könnten für offene Stellen nicht mehr so einfach Personal im Ausland rekrutieren und müssten stärker in die Ausbildung und Förderung des eigenen Nachwuchses investieren. Das dürfte in gewissen Branchen funktionieren, in anderen – etwa in der IT oder bei hoch spezialisierten Fachkräften – aber deutlich schwieriger sein. Und von Letzteren haben wir gerade auch steuerlich stark profitiert.

Kann man das Wirtschaftswachstum vom Bevölkerungswachstum entkoppeln?
Das ist grundsätzlich möglich. Wirtschaftswachstum ohne oder mit weniger starkem Bevölkerungswachstum funktioniert über Innovation, bessere Prozesse und eine daraus resultierende höhere Produktivität. Bei Wirtschaftswachstum mit stärkerem Bevölkerungswachstum wird der Gesamtmarkt aber schneller grösser.

Ist in der Schweiz mehr Produktivität nur bedingt möglich, da Ausländer bei eher schlecht bezahlten Jobs oder Jobs mit unattraktiven Arbeitszeiten übervertreten sind?
Mit der Personenfreizügigkeit kann man die Qualifikation der Zuwanderer nicht so leicht steuern. Es ist der Schweiz aber gelungen, im Durchschnitt sehr gut ausgebildete Menschen anzuziehen. Dank der Personenfreizügigkeit finden zum Beispiel Tech-Konzerne wie Google ihre Arbeitskräfte im europäischen Raum. Das steigert die Produktivität. Aber es arbeiten auch Ausländer in weniger gut bezahlten Branchen. Wir dürfen uns nicht beklagen, wenn uns das Servicepersonal von Restaurants nicht im lokalen Dialekt anspricht, wenn offenbar wenige Einheimische diese Arbeit verrichten.

Ein Kritikpunkt der Initianten lautet: Die Schweiz wächst vor allem in die Breite, aber das Pro-Kopf-Wachstum fällt bescheiden aus.
Wenn man auf die Zahlen schaut, kann man diese Aussage in dieser Form nicht bestätigen. Wir haben einige gute Jahre hinter uns, auch bezüglich Pro-Kopf-Wachstum. Nach Einführung der Personenfreizügigkeit ist die Schweiz pro Kopf leicht stärker gewachsen als vorher. Was nicht heisst, dass dies kausal auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen ist. In den 1990er-Jahren stagnierte die Wirtschaft. Auch Reformen im Binnenmarkt schufen die Basis für einen Aufschwung.

«Wir können nicht nur den Nutzen haben, dass viele hoch qualifizierte Menschen mit überdurchschnittlich hoher Erwerbsquote einwandern. Wir müssen auch die nötige Infrastruktur schaffen.»

In der Schweiz wächst die Bevölkerung im europäischen Vergleich überdurchschnittlich schnell, seit der Jahrtausendwende um fast 2 Millionen Menschen auf 9,1 Millionen. Ist das verkraftbar?
Die Bevölkerungszahl steigt in der Tat schnell. Es ist politisch legitim zu fragen, ob uns das Wachstum überfordert und man die Zuwanderung bremsen soll.

Unter anderem, weil die Infrastruktur nicht mit dem Wachstum Schritt halten kann?
Mit politischem Willen wäre das möglich. Die Gemeinden und Kantone haben es mit den Zonen- und Richtplänen in der Hand. Der Bund kann zum Beispiel die Verkehrsinfrastruktur anpassen. Bekanntlich lehnte das Volk den Autobahnausbau aber ab. Auch bei der Zuwanderung gilt: Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben. Wir können nicht nur den Nutzen haben, dass viele hoch qualifizierte, eher jüngere Menschen mit überdurchschnittlich hoher Erwerbsquote einwandern und auch noch helfen, die AHV zu finanzieren. Wir müssen auch die nötige Infrastruktur schaffen. Nichts im Leben ist gratis.

Die Neuzuzüger haben nichts zur Infrastruktur beigetragen, die ihnen ab sofort zur Verfügung steht.

Das ist absolut korrekt. Auf der anderen Seite kann sich die Schweiz die Ausbildungskosten sparen. Man muss in der Zuwanderungsdebatte immer im Blick haben, was passiert, wenn wir keine Zuwanderung mehr hätten. Die jetzige Infrastruktur, beispielsweise Bahnstrecken, ist ja trotzdem da. Die Schweiz schrumpft nicht einfach. Ohne Zuwanderung fehlt das Geld, diese Infrastruktur zu unterhalten. Das wäre eine sehr negative Entwicklung.

Profitierten von der Zuwanderung vor allem die Unternehmer und Immobilienbesitzer, während das einfache Volk an den sogenannten Füllungskosten leidet, dem Druck auf dem Wohnungsmarkt, dem Dichtestress?
Unternehmen profitieren von wachsenden Märkten. Es gibt dann aber auch neue Marktteilnehmer. Migros profitiert von mehr Kunden, allerdings ist der Markt auch attraktiv für Discounter. In der Tat profitieren Landbesitzer von der Verknappung des Wohnraums. Wir dürfen bei diesem Thema aber nicht übertreiben. Die Bestandesmieten sind nicht so stark gestiegen. Die Angebotsmieten und Wohneigentum hingegen sind deutlich teurer geworden. Wir spüren hier auch die Auswirkungen des Raumplanungsgesetzes. Es werden zu wenig neue Bauten realisiert. Die Prozesse, bis eine Gemeinde einen neuen Zonenplan erstellen kann, dauern zu lange. Und nicht selten scheitern Einzonungen an der Urne. Die Infrastrukturprobleme sind also zum Teil hausgemacht.

«Den stärksten Effekt hätte eindeutig ein höheres Rentenalter. […] Für Unternehmen würde es interessanter, zum Beispiel eine 60-jährige Person einzustellen, wenn sie noch 6 oder 7 Jahre im Betrieb bleibt anstatt bloss 5.»

Verschärfen wir den Fachkräftemangel, wenn wir die Zuwanderung deckeln?
Mir gefällt der Begriff «Fachkräftemangel» nicht. Ein solcher kann immer nur kurzfristig bestehen. Wenn zum Beispiel weniger Reinigungspersonal zur Verfügung stünde, würden die Löhne steigen – oder die Leute lassen ihre Wohnungen etwas weniger oft extern putzen. Sinkende Zuwanderung führt tendenziell zu besseren Löhnen. Zum Beispiel für die Gastrobranche könnte das bedeuten, dass die Kunden höhere Preise zahlen müssten – oder dass es weniger Restaurants gibt.

Ein höheres Rentenalter, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, weniger Teilzeitpensen: Sind das vielversprechende Rezepte, um die Zuwanderung zu dämpfen?
Den stärksten Effekt hätte eindeutig ein höheres Rentenalter. Es würde auch die Vermittelbarkeit älterer Arbeitnehmer erhöhen. Für Unternehmen würde es interessanter, zum Beispiel eine 60-jährige Person einzustellen, wenn sie noch 6 oder 7 Jahre im Betrieb bleibt anstatt bloss 5. Viele Menschen sind in diesem Alter noch sehr fit. Klar ist auch: Bei körperlich sehr anstrengenden Jobs ist ein höheres Rentenalter weniger realistisch. Teilzeitpensen sind eine Wahl, das kann die Politik kaum steuern. Sie kann aber dafür sorgen, dass jene, die mehr arbeiten, nicht auch noch bestraft werden, etwa durch die Steuerprogression. Das Gleiche gilt für die Kita: Es lohnt sich nicht mehr zu arbeiten, wenn der Kitaplatz dann weniger stark vergünstigt wird, obwohl man jetzt ja mehr Betreuung bräuchte.

«Auch 2070 werden die Zuwanderer immer noch mehr in die AHV einzahlen, als sie daraus beziehen. Die AHV hätte grosse Probleme, wenn die Zuwanderung ausbleiben würde.»

Ein höheres Rentenalter findet keine politischen Mehrheiten.
Der Druck ist nicht hoch genug. Auch, weil uns die Zuwanderer die AHV zum Teil saniert haben. Ohne dieses «süsse Gift» des Zuwanderungsgewinns würden wir anders über die AHV reden. Wir haben hier wieder das Fünfer-und-Weggli-Problem: Reformen werden vertagt.

Schieben wir das Problem schneeballsystemartig auf die lange Bank, weil die Zuwanderer von heute die AHV-Bezüger in 30 Jahren sind?
Das kann man so nicht sagen. Auch 2070 werden die Zuwanderer immer noch mehr in die AHV einzahlen, als sie daraus beziehen. Die AHV hätte grosse Probleme, wenn die Zuwanderung ausbleiben würde. Wenn wir die AHV dauerhaft stabilisieren wollen, brauchen wir immer eine gewisse Zuwanderung. Ein Babyboom ist nicht in Sicht.

Könnte ein Ja zur 10-Millionen-Schweiz schneller zu einem höheren Rentenalter führen?
Das ist denkbar. Aber das dauert noch eine Weile. Wir sind erst bei 9,1 Millionen angelangt. (aargauerzeitung.ch)

Video: watson/lucas zollinger
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Nony
16.05.2026 16:34registriert Februar 2019
Ein höheres Rentenalter ist ja gut und schön, wenn denn auch dafür gesorgt wird, dass die Leute solange eine Anstellung finden. Heute ist es für ü50 schon sehr schwierig eine Arbeit zu finden und da sind es immerhin noch rund 15 Jahre um die es geht. Somit liegt es in erster Linie erst einmal an den Arbeitgebern zu beweisen, dass sie daran interessiert sind, den Älteren auch eine Arbeit zu geben, bevor über ein höheres Rentenalter debattiert wird.
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Denverclan
16.05.2026 16:35registriert September 2016
Fertig um den Brei reden, 40‘000 Zuwanderer sind nicht null und 80‘000 sind 40‘000 zuviel. Irgendwann muss man regulieren, besser „sofort“ als nie oder zu spät. Wenigstens diese Baustelle sollte jetzt angegangen werden, andere müssen noch folgen. Es ist ein steter Prozess, man kann nicht immer alles einfach schleifen lassen. Das Volk hat es in den Händen, dass sich im Parlament etwas bewegt. Im Übrigen ist links wie rechts gefordert dort Kompromisse einzugehen, das ständige sich gegenseitig blockieren ist langfristig, gelinde gesagt, ungesund für unser kleines Land. Der Bürger ist nicht blöd.
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Ruland
16.05.2026 16:35registriert Mai 2026
Migration brachte in den 70er-Jahren wirtschaftlichen Nutzen. Heute zeigt sich jedoch in vielen EU-Ländern, dass Zuwanderung soziale Spannungen, Integrationsprobleme und steigende Belastungen (Infrastruktur, Sozialwerke, usw.) verursacht. Die Vorstellung, Migration löse den Fachkräftemangel nachhaltig, ist ideologisches Wunschdenken: Häufig fehlen Qualifikation, Leistungsbereitschaft und langfristige Integration – da bei den meisten Zuwanderer nur Konsumwohlstand im Vordergrund steht.
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