Ökonom zu Zuwanderung: «Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben»
Kann die Schweiz ihren Wohlstand halten, wenn die Zuwanderung deutlich sinkt – etwa von 80’000 auf 40’000 Personen pro Jahr, wie es der SVP vorschwebt?
Reto Föllmi: Eine deutlich tiefere Zuwanderung wäre für die Schweiz grundsätzlich verkraftbar – allerdings nur mit Anpassungen im Geschäftsmodell vieler Unternehmen. Firmen könnten für offene Stellen nicht mehr so einfach Personal im Ausland rekrutieren und müssten stärker in die Ausbildung und Förderung des eigenen Nachwuchses investieren. Das dürfte in gewissen Branchen funktionieren, in anderen – etwa in der IT oder bei hoch spezialisierten Fachkräften – aber deutlich schwieriger sein. Und von Letzteren haben wir gerade auch steuerlich stark profitiert.
Kann man das Wirtschaftswachstum vom Bevölkerungswachstum entkoppeln?
Das ist grundsätzlich möglich. Wirtschaftswachstum ohne oder mit weniger starkem Bevölkerungswachstum funktioniert über Innovation, bessere Prozesse und eine daraus resultierende höhere Produktivität. Bei Wirtschaftswachstum mit stärkerem Bevölkerungswachstum wird der Gesamtmarkt aber schneller grösser.
Ist in der Schweiz mehr Produktivität nur bedingt möglich, da Ausländer bei eher schlecht bezahlten Jobs oder Jobs mit unattraktiven Arbeitszeiten übervertreten sind?
Mit der Personenfreizügigkeit kann man die Qualifikation der Zuwanderer nicht so leicht steuern. Es ist der Schweiz aber gelungen, im Durchschnitt sehr gut ausgebildete Menschen anzuziehen. Dank der Personenfreizügigkeit finden zum Beispiel Tech-Konzerne wie Google ihre Arbeitskräfte im europäischen Raum. Das steigert die Produktivität. Aber es arbeiten auch Ausländer in weniger gut bezahlten Branchen. Wir dürfen uns nicht beklagen, wenn uns das Servicepersonal von Restaurants nicht im lokalen Dialekt anspricht, wenn offenbar wenige Einheimische diese Arbeit verrichten.
Ein Kritikpunkt der Initianten lautet: Die Schweiz wächst vor allem in die Breite, aber das Pro-Kopf-Wachstum fällt bescheiden aus.
Wenn man auf die Zahlen schaut, kann man diese Aussage in dieser Form nicht bestätigen. Wir haben einige gute Jahre hinter uns, auch bezüglich Pro-Kopf-Wachstum. Nach Einführung der Personenfreizügigkeit ist die Schweiz pro Kopf leicht stärker gewachsen als vorher. Was nicht heisst, dass dies kausal auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen ist. In den 1990er-Jahren stagnierte die Wirtschaft. Auch Reformen im Binnenmarkt schufen die Basis für einen Aufschwung.
In der Schweiz wächst die Bevölkerung im europäischen Vergleich überdurchschnittlich schnell, seit der Jahrtausendwende um fast 2 Millionen Menschen auf 9,1 Millionen. Ist das verkraftbar?
Die Bevölkerungszahl steigt in der Tat schnell. Es ist politisch legitim zu fragen, ob uns das Wachstum überfordert und man die Zuwanderung bremsen soll.
Unter anderem, weil die Infrastruktur nicht mit dem Wachstum Schritt halten kann?
Mit politischem Willen wäre das möglich. Die Gemeinden und Kantone haben es mit den Zonen- und Richtplänen in der Hand. Der Bund kann zum Beispiel die Verkehrsinfrastruktur anpassen. Bekanntlich lehnte das Volk den Autobahnausbau aber ab. Auch bei der Zuwanderung gilt: Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben. Wir können nicht nur den Nutzen haben, dass viele hoch qualifizierte, eher jüngere Menschen mit überdurchschnittlich hoher Erwerbsquote einwandern und auch noch helfen, die AHV zu finanzieren. Wir müssen auch die nötige Infrastruktur schaffen. Nichts im Leben ist gratis.
Die Neuzuzüger haben nichts zur Infrastruktur beigetragen, die ihnen ab sofort zur Verfügung steht.
Das ist absolut korrekt. Auf der anderen Seite kann sich die Schweiz die Ausbildungskosten sparen. Man muss in der Zuwanderungsdebatte immer im Blick haben, was passiert, wenn wir keine Zuwanderung mehr hätten. Die jetzige Infrastruktur, beispielsweise Bahnstrecken, ist ja trotzdem da. Die Schweiz schrumpft nicht einfach. Ohne Zuwanderung fehlt das Geld, diese Infrastruktur zu unterhalten. Das wäre eine sehr negative Entwicklung.
Profitierten von der Zuwanderung vor allem die Unternehmer und Immobilienbesitzer, während das einfache Volk an den sogenannten Füllungskosten leidet, dem Druck auf dem Wohnungsmarkt, dem Dichtestress?
Unternehmen profitieren von wachsenden Märkten. Es gibt dann aber auch neue Marktteilnehmer. Migros profitiert von mehr Kunden, allerdings ist der Markt auch attraktiv für Discounter. In der Tat profitieren Landbesitzer von der Verknappung des Wohnraums. Wir dürfen bei diesem Thema aber nicht übertreiben. Die Bestandesmieten sind nicht so stark gestiegen. Die Angebotsmieten und Wohneigentum hingegen sind deutlich teurer geworden. Wir spüren hier auch die Auswirkungen des Raumplanungsgesetzes. Es werden zu wenig neue Bauten realisiert. Die Prozesse, bis eine Gemeinde einen neuen Zonenplan erstellen kann, dauern zu lange. Und nicht selten scheitern Einzonungen an der Urne. Die Infrastrukturprobleme sind also zum Teil hausgemacht.
Verschärfen wir den Fachkräftemangel, wenn wir die Zuwanderung deckeln?
Mir gefällt der Begriff «Fachkräftemangel» nicht. Ein solcher kann immer nur kurzfristig bestehen. Wenn zum Beispiel weniger Reinigungspersonal zur Verfügung stünde, würden die Löhne steigen – oder die Leute lassen ihre Wohnungen etwas weniger oft extern putzen. Sinkende Zuwanderung führt tendenziell zu besseren Löhnen. Zum Beispiel für die Gastrobranche könnte das bedeuten, dass die Kunden höhere Preise zahlen müssten – oder dass es weniger Restaurants gibt.
Ein höheres Rentenalter, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, weniger Teilzeitpensen: Sind das vielversprechende Rezepte, um die Zuwanderung zu dämpfen?
Den stärksten Effekt hätte eindeutig ein höheres Rentenalter. Es würde auch die Vermittelbarkeit älterer Arbeitnehmer erhöhen. Für Unternehmen würde es interessanter, zum Beispiel eine 60-jährige Person einzustellen, wenn sie noch 6 oder 7 Jahre im Betrieb bleibt anstatt bloss 5. Viele Menschen sind in diesem Alter noch sehr fit. Klar ist auch: Bei körperlich sehr anstrengenden Jobs ist ein höheres Rentenalter weniger realistisch. Teilzeitpensen sind eine Wahl, das kann die Politik kaum steuern. Sie kann aber dafür sorgen, dass jene, die mehr arbeiten, nicht auch noch bestraft werden, etwa durch die Steuerprogression. Das Gleiche gilt für die Kita: Es lohnt sich nicht mehr zu arbeiten, wenn der Kitaplatz dann weniger stark vergünstigt wird, obwohl man jetzt ja mehr Betreuung bräuchte.
Ein höheres Rentenalter findet keine politischen Mehrheiten.
Der Druck ist nicht hoch genug. Auch, weil uns die Zuwanderer die AHV zum Teil saniert haben. Ohne dieses «süsse Gift» des Zuwanderungsgewinns würden wir anders über die AHV reden. Wir haben hier wieder das Fünfer-und-Weggli-Problem: Reformen werden vertagt.
Schieben wir das Problem schneeballsystemartig auf die lange Bank, weil die Zuwanderer von heute die AHV-Bezüger in 30 Jahren sind?
Das kann man so nicht sagen. Auch 2070 werden die Zuwanderer immer noch mehr in die AHV einzahlen, als sie daraus beziehen. Die AHV hätte grosse Probleme, wenn die Zuwanderung ausbleiben würde. Wenn wir die AHV dauerhaft stabilisieren wollen, brauchen wir immer eine gewisse Zuwanderung. Ein Babyboom ist nicht in Sicht.
Könnte ein Ja zur 10-Millionen-Schweiz schneller zu einem höheren Rentenalter führen?
Das ist denkbar. Aber das dauert noch eine Weile. Wir sind erst bei 9,1 Millionen angelangt. (aargauerzeitung.ch)

