«Den Grossbetrieben und dem Bundesrat sind wir Nebenerwerbler ein Dorn im Auge»
Auf den ersten Blick sieht es auf dem Hof Tannhüsern im Kanton Luzern aus wie im Bilderbuch. Hinter dem alten Bauernhaus grasen Kühe und ihre Kälbchen auf der einen Weide, Pferde auf der anderen. Unter Hochstammbäumen kräht ein Hahn, gackern Hühner, schnattern Enten. Und verteidigen zwei schlecht gelaunte Gänse lautstark ihr Territorium, bevor sie sich in einem kleinen Teich erfrischen.
Daneben graben drei Wollschweine zufrieden grunzend ihren gesamten Aussenbereich um. Wenn sie dabei grosse Steine finden, befördern sie diese in eine Ecke, wo sie Bauer Christof Bühler einsammeln kann. «Sie haben gerne Ordnung», sagt er und lacht.
Doch die Idylle trügt. Der Druck auf Klein- und Nebenerwerbsbetriebe wie Bühlers steigt. Was mit der neuen Agrarstrategie des Bundesrats auf dem Spiel steht, zeigt sich bei einem Besuch.
100 Prozent Arbeit, 50 Prozent Lohn
Vergangene Nacht hat Bühler kaum vier Stunden Schlaf abbekommen. «Wir hatten eine schwierige Geburt», sagt er und nickt der einzigen Kuh zu, die sich um 7 Uhr morgens im Stall befindet. Mit ihrem ganzen Körper stellt sie sich schützend vor ihr geschwächtes Kälbchen.
Mit seinen 15 Kühen und 15 Kälbchen betreibt Bühler sogenannte Mutterkuhhaltung. Das heisst: Seine Kälbchen dürfen bei ihren Müttern bleiben und saugen am Euter statt am Schoppen. Bis sie geschlachtet werden. Ihr Fleisch liefert Bühler an Coop, der es unter der Marke «Natura Beef» verkauft. Pro Kilo Fleisch landen etwa 14 Franken bei Bühler. «Das ist ein guter Preis», sagt er.
Trotzdem kann er allein von der Landwirtschaft nicht leben. Obwohl sein Betrieb im Jahr 2600 Stunden Arbeit gibt und damit eine vollzeitangestellte Person beschäftigen kann. Das hat das kantonale Landwirtschaftsamt für ihn berechnet. In Beamtensprache heisst das, Bühler betreibt einen 1-SAK-Betrieb. SAK steht für Standardarbeitskraft.
An diesem Morgen mistet Bühler die Ställe aus, holt die Tiere von der Weide herein, füttert sie, verabreicht den Pferden Medikamente und wartet auf den Tierarzt, der das neugeborene Kalb untersucht. Am Nachmittag wird er einen neuen Zaun auf seiner Weide aufstellen. Dazwischen warten noch mehr Aufgaben auf ihn.
50 Prozent seines Einkommens erwirtschaftet Bühler, indem er eine Pferdepension und Agrotourismus betreibt. Vier Zimmer mit insgesamt neun Betten kann man bei ihm buchen. Zum Frühstück gibt es Apfelsaft und Konfi von den eigenen Obstbäumen, Milch vom Nachbarsbetrieb und Brötchen von der lokalen Bäckerei.
Frühstück zubereiten, Betten frisch beziehen, putzen, Buchungen organisieren, Konfi kochen, mosten – all das muss Bühler ebenfalls im Alltag meistern. Hinzu kommt die Arbeit für seine «Hobbytiere», wie er seine Hühner, Enten, Gänse und Schweine nennt. Er hält sie nicht, weil es wirtschaftlich Sinn ergibt. Sondern aus Freude und Überzeugung.
Abfälle gibt es auf seinem Hof nicht. Die Essensreste der Touristinnen und Touristen füttert er den Wollschweinen. Kommt er nicht nach, alles Obst von seinen 137 Hochstammbäumen zu pflücken und weiterzuverarbeiten, überlässt er die Früchte seinen Tieren. «Kreislaufwirtschaft», sagt Bühler.
Allein kann er all diese Aufgaben nicht stemmen.
Beim Schrumpfen zuschauen
Bühlers Eltern helfen mit. Sie wohnen nach wie vor auf dem Hof. Deshalb schaut an diesem Morgen auch Bühlers Vater vorbei. Und erzählt:
16 Kühe, 12 Muttersauen, 500 Legehennen habe er gehabt. Aber mit den Jahren sah sich Bühler senior gezwungen, immer mehr zu verkleinern.
In den 1990er-Jahren musste er die Legehennen aufgeben. 2017 hörte er mit den Schweinen auf. Und als Bühler junior 2023 den Hof übernahm, stieg er aus der Milchproduktion aus. Alles aus demselben Grund: weil es sich wirtschaftlich in dieser Grössenordnung nicht lohnte. Vater Bühler sagt:
So wie dem Hof Tannhüsern erging es in jener Zeit vielen Landwirtschaftsbetrieben. Weil die Politik ihre Agrarstrategie ab den 1990er-Jahren komplett umkrempelte. Ein Grund für den Systemwechsel: gestiegene Erwartungen an die Landwirtschaft. Die Bauern sollten nicht mehr nur die Nahrungsmittelversorgung des Landes sicherstellen. Sie sollten jetzt auch ökologisch und tierfreundlich produzieren.
Die neue Agrarpolitik verabschiedete sich von Preis- und Abnahmegarantien für produzierte Nahrungsmittel. Stattdessen führten Bundesrat und Parlament die Direktzahlungen ein. Neu galt: Für Lebensmittel bestimmt die Nachfrage den Preis. Für Leistungen, welche die Landwirtschaft im Interesse der Gesellschaft erbringen sollte – etwa Tierwohl, Umweltleistungen, das Offenhalten der Kulturlandschaft –, bezahlt der Staat mit Direktzahlungen.
In der Summe sollte sich so ein existenzsicherndes Einkommen für die Bäuerinnen und Bauern ergeben. Gleichzeitig sollten die Betriebe einen Anreiz erhalten, sich weiterzuentwickeln. Effizienter zu werden. Wettbewerbsfähiger.
Das passierte auch. Mit zwei Nebeneffekten. Seit den 1990er-Jahren ist einerseits zu beobachten, wie die Landwirtschaftsbetriebe im Durchschnitt grösser werden. Andererseits ist die Anzahl der Betriebe seither rückläufig.
«Wachse oder weiche», sagt Bühler spöttisch. Nicht nur mit Blick in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Denn die neue Agrarpolitik 2030+ (AP30+) erhöht den Druck auf Klein- und Nebenerwerbsbetriebe abermals.
AP30+: Adieu Kleinbauern?
Im Februar kommunizierte der zuständige Bundesrat Guy Parmelin erste Details zur AP30+. Ihr Ziel: Die Schweizer Landwirtschaft soll «effizienter und nachhaltiger» werden.
Aktuell gilt: Bauernbetriebe ab 0,2 SAK haben Anspruch auf Direktzahlungen. Für die AP30+ steht nun zur Diskussion, diese Untergrenze in den Tal- und Hügelzonen auf 0,5 SAK zu erhöhen. Insgesamt 2100 Klein- und Nebenerwerbsbetriebe würden mit dieser Änderung keine Direktzahlungen mehr erhalten. Die Kleinbauern-Vereinigung kritisiert, dass deren Existenz bedroht wäre.
Bauer Christof Bühlers 1-SAK-Betrieb wäre von dieser Änderung zwar nicht direkt betroffen. Sorgen macht ihm die Entwicklung trotzdem. Ab 2030 soll sich nämlich noch mehr ändern: Übernimmt beispielsweise eine junge Landwirtin einen Betrieb, muss sie eine dreijährige Lehre mit EFZ-Abschluss vorweisen können. Ansonsten hat sie keinen Anspruch auf Direktzahlungen. Ein Berufsattest (EBA) oder ein Nebenerwerbskurs (NEK) wie bisher soll nicht mehr ausreichen.
Wäre diese Massnahme schon 2023 in Kraft gewesen, hätte Bühler den Hof seiner Eltern nicht übernehmen können. Er kommt eigentlich aus der Kulturbranche, arbeitete jahrelang als Bühnenbildner. Den Hof übernahm er im Alter von 35 Jahren, weil seine Eltern den Betrieb ansonsten hätten verkaufen oder verpachten müssen. Damit hätten die Bühlers Land und Haus verloren, das seit 1790 im Familienbesitz sind.
Übernommen hätte den Hof wahrscheinlich ein Grossbetrieb. Denn genau das sei die Strategie des Bundesrats, glaubt Bühler:
Dieser Eindruck könnte stimmen. Auf Anfrage des Tages-Anzeigers liess das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) verlauten, dass die «Haupttätigkeit» von Zuerwerbs- und Nebenerwerbsbetrieben nicht die Landwirtschaft sei, «weshalb auch die Professionalität der Betriebsführung tendenziell tief ist». Wenn grössere Betriebe deren Flächen übernehmen würden, könnten diese «rationeller bewirtschaftet» werden.
Dieser Schlussfolgerung kann Hansjürg Jäger, Dozent für Agrarpolitik und -märkte, jedoch nicht zustimmen:
Landwirtschaft der Zukunft
Gemäss Jäger ist der Hauptgrund, weshalb die Schweiz eine so grosse Biodiversität besitzt, die Landwirtschaft. Sie halte Flächen frei, die ansonsten verwalden würden. Trotzdem müsse man grundsätzlich festhalten:
Diesen Eindruck hat auch Bühler. Er führt watson durch eine hohe Magerwiese. Grillen zirpen, Schmetterlinge, Käfer, Bienen stäuben bei jedem Schritt davon. Er sagt: «Ich habe viel mehr Biodiversitätsflächen, als ich gesetzlich haben müsste.»
Sein Betrieb befindet sich in der sogenannten Hügelzone. Grosse Maschinen können hier nicht fahren. Kleinere Flächen um den Hof herum bearbeitet er mit einer Sense und verfüttert das Gras seinen Wollschweinen.
Die Kapazität, dasselbe regelmässig auf den grösseren Flächen auf seinem Land zu tun, hat Bühler nicht. Darum überlässt er diese Flächen der Natur.
Eine Win-win-Situation: Er hat weniger Arbeit und erhält obendrauf für seinen Beitrag zur Biodiversität Direktzahlungen. Auf einem Grossbetrieb, der jede Fläche maximal effizient nutzen muss, um rationell produzieren zu können, wäre das undenkbar.
Gemäss Hansjürg Jäger orientiert sich die Schweizer Agrarpolitik an Ländern wie den USA, Niederlanden, Deutschland und Frankreich. Ziel: Die Schweizer Landwirtschaft wettbewerbsfähiger machen, damit sie den Anschluss an die Weltmärkte nicht verliert.
In der Realität kann die Schweiz die Voraussetzungen, die für eine so kompetitive Landwirtschaft wie in jenen Ländern nötig wären, aber gar nicht erfüllen. Unsere Landschaft ist zu hügelig, die Flächen sind zu klein, die Erntefenster zu kurz, um grosse Maschinen auszulasten. Bühlers Hof ist das beste Beispiel dafür.
Warum der Bundesrat dennoch stärker auf Grossbetriebe setzen will, kann Bühler deshalb nicht verstehen. Er macht sich Sorgen, ob es Betriebe wie seinen in Zukunft überhaupt noch geben wird. Und er fragt sich:
Gemäss Hansjürg Jäger von der HAFL befindet sich der Bundesrat in einem Konflikt, den er nur unzureichend auflösen kann:
Kurzum: Wachse oder weiche. Die Politik führt mit der AP30+ den Kurs fort, den sie in den 1990er-Jahren eingeschlagen hat.
