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Herbert Bolliger: «Ich brauche kein Rüebli, um schneller zu laufen.» bild: Sandra Ardizzone

«Ich kann mir die Goldküste nicht leisten» – 9 Anekdoten von Noch-Migros-Chef Bolliger  

Herbert Bolliger tritt Ende Jahr als Migros-Chef ab. Im «TalkTäglich» setzt er nochmals Ausrufezeichen: zum Einkaufstourismus, Manager-Boni, seiner Begegnung mit Mick Jagger – und wieso er sich kein Haus an der Goldküste leistet.



Herbert Bolliger ist in sichtlich aufgeräumter Stimmung, als er zur «Talk Täglich»-Aufzeichnung erscheint. Man merkt dem obersten Migros-Chef an, dass ihm nach 12 Jahren an der Spitze des grössten privaten Arbeitgebers der Schweiz viel Druck wegfällt, mit dem Rücktritt Ende Jahr vor Augen.

Das sagt der 63-jährige Wettinger auch später, wenn die Kamera läuft: «Den zeitlichen Druck und die Belastungen, die man in einem so grossen Unternehmen hat, werde ich sicher nicht vermissen.» Auch sonst sagt Bolliger im Gespräch mit Moderator Rolf Cavalli ungefiltert seine Meinung und erzählt nicht ohne Selbstironie Anekdoten aus seinem Leben als Migros-Chef.

Seine letzte Pendenz

Es ist nicht die wichtigste, aber witzigste. Die Erfinder der «Freitagstasche» hätten ihm gebeichtet, dass sie in der Migros, welche die Frechheit gehabt habe, eine «Donnerstagstasche» einzuführen, mal eine solche geholt hätten, ohne zu zahlen. «Das Geld haben sie mir in einem Couvert nachträglich geschickt», so Bolliger: «Doch wie verbuchen? Diese knifflige Aufgabe überlasse ich gerne meinem Nachfolger.»

Das Konsum-Kind

Bolliger war kein Migros-Kind. «In Wettingen gab es fünf bis sechs Konsum-Läden und nur eine Migros. Als Bub ging ich halt dorthin, wo es näher war und natürlich dorthin, wo einem die Mutter schickte, in den Konsum.» Zur Migros sei er eher zufällig gekommen. Er habe bei Bayer gearbeitet, aber etwas gesucht, das mehr seinem Studium der Betriebswirtschaft entsprochen habe. Auf ein Inserat der Migros für eine Stelle im Controlling mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund habe er dann sofort reagiert.

Von Wettingen bis an die Migros-Spitze

Herbert Bolliger ist in Wettingen aufgewachsen, wo er auch heute wohnt. Bolliger hat Betriebswirtschaft studiert, ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bolliger war Chef von Migros Aare, der grössten der zehn Migros-Genossenschaften, bevor er 2005 Präsident der Migros-Generaldirektion wurde. Ende 2017 geht Bolliger mit 63 Jahren in Pension, wie es die Migros-Statuten vorsehen.

Der Denner-Kauf

Den Coup von 2007 zählt Bolliger zu den Höhepunkten seiner Laufbahn. «Uns ist es gelungen, das Familienunternehmen gut zu integrieren und das Angebot der Migros optimal zu ergänzen.» Es sei aber vor allem für den damaligen Denner-Chef Philippe Gaydoul ein sehr emotionaler Einschnitt gewesen, habe dieser sich doch vom Unternehmen getrennt, das sein Grossvater aufgebaut habe.

Sein grösster Fehler

«Ich hätte in der Digitalisierung noch mehr Gas geben sollen.» Obwohl Bolliger mit der Migros sehr früh ins Online-Shopping investiert hatte, unterschätzte auch er die Dynamik. «Ich hätte nie erwartet, dass Zalando ein so grosses Business macht und nicht geglaubt, dass ein Geschäft funktioniert, in dem 50 Prozent der Waren von den Kunden zurückgeschickt werden.»

Die Zukunft des Einkaufens

Im Non-Food-Berich werden sich die Läden laut Bolliger nochmals massiv verändern. Das klassische Warensortiment werde noch einen Drittel ausmachen, auf einem Drittel der Verkaufsfläche werde man via Bildschirm Waren anschauen, diese virtuel probieren und dann online bestellen. Ein weiterer Teil des Ladens werde eher Richtung Unterhaltung mit Cafés und Relaxing-Zonen gehen.

Kampf dem Einkaufstourismus

Der Migros-Chef unterstreicht seine jüngste Forderung, die Mehrwertsteuer auf Ausland-Einkäufe dürfe nicht mehr erlassen werden. «Es ist eine Ungerechtigkeit, wenn nur der der Schweizer, der im Inland einkauft eine Konsumsteuer zahlen mus.» Bolliger warnt: «Wenn das so weitergeht mit dem Auslandeinkauf, wird man die Mehrwertsteuer bei uns noch mehr erhöhen müssen. Die Schweizer, die im Inland einkaufen, sind so am Schluss sogar doppelt gestraft.»

Goldküste zu teuer für Migros-Chef

Auf die Frage von Moderator Cavalli, ob er als Migros-Chef aus Überzeugung in Wettingen wohne und warum nicht wie andere Top-CEOs an der Goldküste oder in einem steuergünstigen Kanton, meint Bolliger: «Ich kann es mir schlicht nicht leisten!» Auch als der Moderator Bolliger erinnert, er verdiene über 900'000 Franken im Jahr, insistiert der Migros-Chef: «Für die Goldküste müssen Sie mehrere Millionen haben.» Er habe das ernsthaft angeschaut und durchkalkuliert. Seine Frau habe nämlich mal thematisiert, allenfalls am Zürichsee ein Haus zu kaufen, nachdem die Kinder ausgezogen seien. Lachend betont Bolliger aber: «Mir geht es gut.»

Bonus-Kritik

Ein Migros-Chef bekommt keinen Bonus zusätzlich zum Grundsalär. Das würde Bolliger auch bei anderen Firmen so halten. «Bonussysteme schaffen falsche Anreize. Ich brauche kein Rüebli, damit ich schneller laufe.» Das sei der Vorteil bei der Migros: «Wir können nachhaltig langfristige Ziele anstreben. Das geht nur, wenn man nicht alle paar Quartale gewinngetrieben dem Finanzmarkt Resultate ausweisen muss.»

Begegnung mit den Stones

Bolliger erinnert sich an das Rolling-Stones-Konzert, das die Migros zu ihrem Jubiläum 10 Jahre Cumulus organisiert hatte. Mick Jagger habe sich im Vorfeld gut informiert über die Migros. «Die Grundwerte haben ihm imponiert», so Bolliger, der auch sonst gerne an Rockkonzerte wie von Bruce Springsteen geht. «Ich kam auch immer pünktlich.» Das sei wichtig im Zeitmanagement: Nicht nur fürs Geschäft, auch für die Freizeit muss man genügend Zeit einzuplanen.

Ab Januar wird Bolliger etwas mehr davon haben.

Hier siehst du den Talk mit Herbert Bolliger in voller Länge:

Video: © Tele M1

(aargauer zeitung)

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12 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Lester
29.11.2017 08:05registriert March 2014
Das beste Beispiel, dass Top-Manager auch ohne Bonus ausgezeichnete Leistungen erbringen können.
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dracului
29.11.2017 07:36registriert November 2014
Herbert Bolliger war mir immer sehr sympathisch und ich finde es äussert bedauerlich, dass er geht. Er war für mich ein Prototyp eines umsichtigen Managers, den es in der Schweiz zu wenig gibt! Dass er die Digitalisierung etwas verschlafen hat, mag man ihm verzeihen, schliesslich war und leider ist er damit in bester Gesellschaft in der Schweiz.
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sentir
29.11.2017 10:06registriert June 2015
Diese Jammerei wegen dem Einkaufstourismus.
Ich kann es nicht mehr hören!
Mein Wohnort ist zu weit von der Grenze weg, als dass sich das lohnen würde.
Wenn ich aber z.B. in Basel bin (egal in welchem Geschäft), sehe ich nur Angestellte aus DE und FR.
Vor allem die grossen Konzerne der Damen und Herren Jammeris, sparen also mit ausländischen ArbeiterInnen. Aber wir sollen nicht in unser Portemonnaie schauen und preisbewusst einkaufen, sondern brav unser Geld für künstlich überteuerte Produkte ausgeben.
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