Weniger Fleisch, mehr Pflanzen: Warum das Thema nicht gegessen ist
Eine Schweiz, die bei der Lebensmittelversorgung weitgehend unabhängig vom Ausland ist. Äcker, auf denen vor allem Kartoffeln, Linsen und Bohnen wachsen und weniger Mais und Weizen, das in den Mägen von Rindern und Schweinen landet. Das war die Vision von Umweltaktivistin Franziska Herren. Einer Vision, der die Stimmbevölkerung am Sonntag eine klare Abfuhr erteilt hat.
72,5 Prozent der Stimmenden lehnen die Ernährungsinitiative ab. Am grössten ist die Ablehnung in den Zentral- und Ostschweizer Kantonen – wo es teilweise über 80 Prozent Nein-Stimmen gab. Am meisten Zuspruch gab es in Genf und Basel-Stadt mit einem Nein-Anteil von rund 63 Prozent.
Hier geht es zu sämtlichen Resultaten des Abstimmungssonntags:
Parmelin: «Bedeutet nicht, dass sich nichts ändern muss»
Angesichts der Tatsache, dass Herren auf keinerlei Unterstützung einer Partei zählen konnte, ist das ein beachtliches Ergebnis. Auch im direkten Vergleich zur Neutralitätsinitiative, hinter der zwar auch ein Einzelkämpfer stand – aber einer mit ganz anderem Netzwerk und Budget.
Sie sei sehr zufrieden, sagt Herren deshalb. Der Abstimmungskampf hat sich aus ihrer Sicht trotz Niederlage gelohnt. Dass akuter Handlungsbedarf besteht, die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, ist aus ihrer Sicht absolut klar.
Das Thema ist auch für den Bundesrat nicht gegessen. «Die Ablehnung der Initiative bedeutet nicht, dass sich nichts ändern muss. Im Gegenteil», sagte Landwirtschaftsminister Guy Parmelin am Sonntag.
Die Kernforderung der Initiative, nämlich eine Erhöhung des Selbstversorgungsgrads, strebt auch der Bund an. Wobei er deutlich weniger weit gehen will. Hat die Initiative einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent anvisiert, ist das erklärte Ziel des Bundes, dass mindestens die Hälfte der hierzulande verspeisten Kalorien in der Schweiz produziert wird.
Schweiz verfehlt die gesetzten Ziele
Macht man weiter wie bisher, ist das nicht zu schaffen, wie aus einem Anfang September publizierten Bericht hervorgeht. Derzeit beträgt der Selbstversorgungsgrad 42 Prozent – Tendenz sinkend. Der Bund schätzt die Wahrscheinlichkeit, das 50-Prozent-Ziel zu erreichen, als «gering» ein. Ein Grund dafür ist das Bevölkerungswachstum, aber auch trockene oder nasse Jahre.
Mittelfristig ist der Bundesrat deshalb zufrieden, wenn der Selbstversorgungsgrad nicht sinkt. Um die Inlandproduktion zu stärken, hat er schon 2018 die Absicht formuliert, dass «das knappe Ackerland primär für die direkte menschliche Ernährung genutzt werden» soll. Heute wächst auf rund 60 Prozent der Äcker Tierfutter. Auch den in diesem Bereich gesetzten Zielwert für 2030 wird man voraussichtlich verfehlen.
Mehr Geld für Hafer und Quinoa
Anfang September hat Guy Parmelin den Plan vorgestellt, wie er die Agrarpolitik weiterentwickeln will. Darin wiederholt die Landesregierung das Ziel für die Ackerflächen.
Doch wie will man es erreichen? Ein Hebel sind die Subventionen. Für den Anbau von Gerste, Hafer, Mais und anderem Getreide, das nicht zu Tierfutter wird, soll es künftig Geld vom Bund geben. Umgekehrt ist vorgesehen, die Beiträge für den Anbau von Futterpflanzen zu halbieren. Erst seit 2023 erhalten Bauern Gelder für den Anbau von Kichererbsen oder Linsen.
«Viel entscheidender aber ist, dass die Markterlöse stimmen», sagt Bauernverbandspräsident Markus Ritter. Er befürwortet darum, dass der Bundesrat etwa auch die Detailhändler in die Pflicht nehmen will. Mit ihnen sollen Zielvereinbarungen abgeschlossen werden, um den Absatz von pflanzlichen Proteinen zu stärken. Mehr Werbung für Hülsenfrüchte statt Rindfleisch: Das könnte also bald Realität werden – trotz Nein zur Ernährungsinitiative. (schweizheute.ch)
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