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Schweiz

Warum es sich wieder mehr lohnt, in den Schweizer Staat zu investieren

Ein Stift, ein Notizblock und Schokolade liegen auf einem Tisch an einem Mediengespraech der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zur geldpolitischen Lagebeurteilung, am Donnerstag, 18. Juni 2026 in Ber ...
«Der Schweizer Bondmarkt ist nicht völlig immun gegen die internationalen Zinsbewegungen, reagiert aber deutlich gedämpfter als die grossen Auslandsmärkte», ordnet Experte Thöny ein.Bild: keystone

Warum es sich wieder mehr lohnt, dem Schweizer Staat Geld zu leihen

Wer dem Schweizer Staat für zehn Jahre Geld leiht, erhält wieder deutlich mehr Zins. Und das, obwohl die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Leitzins bei null Prozent hält. Der Grund dafür liegt vor allem an den internationalen Anleihemärkten. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.
07.10.2026, 19:4707.10.2026, 19:47

Warum steigen die langfristigen Renditen?

Die Renditen langfristiger Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Monaten weltweit deutlich nach oben bewegt. Auch in der Schweiz ist diese Entwicklung zu beobachten: Die SNB hält ihren Leitzins bei null Prozent. Gleichzeitig ist die Rendite zehnjähriger Schweizer Staatsanleihen («Eidgenossen») seit dem Ausbruch des Iran-Krieges von ihrem bisherigen Jahrestief von 0,18 Prozent stetig gestiegen. Ende September erreichte sie mit 0,69 Prozent den bisherigen Jahreshöchststand. Aktuell liegt sie bei 0,58 Prozent.

Damit zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen kurzfristigen und langfristigen Zinsen: Die SNB kann den kurzfristigen Preis des Geldes bestimmen, nicht aber direkt die Rendite einer zehnjährigen Anleihe. Bei langfristigen Anleihen zählen neben den Erwartungen über die künftige Geldpolitik auch Inflation, Wirtschaftswachstum, die Entwicklung der Staatsfinanzen und die Nachfrage nach Anleihen.

Was sind Anleihen genau?

Anleihen sind sogenannte festverzinsliche Wertpapiere. Staaten, Unternehmen oder Banken verschaffen sich damit frisches Kapital: Sie nehmen Geld auf und geben dafür eine Anleihe aus, die dem Gläubiger – das können andere staatliche Institutionen sein, Zentralbanken, Geschäftsbanken, aber auch private Investoren – einen regelmässigen Zins (auch Kupon genannt) abwirft.

Anleihen haben eine feste Laufzeit, beispielsweise mehrere Monate, oder gar fünf oder zehn Jahre. Am Ende dieser Zeit erhält der Gläubiger den ursprünglichen Wert der Anleihe (den Nennwert) zurück.

Die Wertpapiere, zum Beispiel Staatsanleihen, können am sogenannten Sekundärmarkt gehandelt werden. Je nach Nachfrage – beeinflusst von Erwartungen für die Zukunft – schwanken sie im Preis (dem Kurs). Weil das Risiko langfristig höher ist, werfen langjährige Anleihen in der Regel einen höheren Zins ab als kurzfristige.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte Termprämie – vereinfacht gesagt die zusätzliche Rendite, die Anleger dafür verlangen, ihr Geld über viele Jahre fest anzulegen und dabei Unsicherheiten über Inflation, Zinsen und die wirtschaftliche Entwicklung zu tragen. Steigt diese Prämie, können langfristige Renditen zulegen, selbst wenn die Märkte keine entsprechend starken Zinserhöhungen der Notenbanken erwarten.

Allerdings werde eine solche Prämie in der Schweiz nicht wirklich gezahlt. Wie Markus Thöny im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP sagt, gibt es hierzulande praktisch keine zusätzliche Laufzeitprämie. «Selbst bei sehr langen Eidgenossen erhalten Anleger kaum mehr Rendite für das zusätzliche Zinsrisiko», so der Chef Swiss Fixed Income bei Lombard Odier IM.

Wichtiger Wert: Die Anleihenrendite (Bond yield)

Bei Anleihen werden die Begriffe Zins und Rendite oft gleichbedeutend verwendet. Das ist aber nicht korrekt: Bei Anleihen spricht man genau genommen von einer Rendite (der Effektivverzinsung) und nicht vom Zins. Dies, weil der tatsächliche Gesamtertrag nicht nur aus dem festen Zins (dem sogenannten Kupon) besteht.

Da Anleihen festverzinsliche Wertpapiere sind, bedeutet die Rendite hier nicht der Zins, sondern die Rendite, die eine Anlegerin aus einer Investition in eine Anleihe erzielt (meist jährlich berechnet).

Die Anleihe kann am Markt nämlich zu einem Preis über ihrem Nennwert oder unter ihrem Nennwert erworben werden. Der Nennwert ist der Betrag, der dem Besitzer der Anleihe bei deren Fälligkeit zurückbezahlt wird.
Die aktuelle Rendite ergibt sich aus dem Verhältnis des Kupons (des Zinses) der Anleihe zu ihrem Marktpreis.

Preis und Rendite stehen daher in einem umgekehrten Verhältnis zueinander: Steigt der Kurs einer Anleihe, sinkt ihre Rendite.

Daraus ergibt sich das Fazit: Nur wenn man eine Anleihe von Herausgabe bis zu ihrem Laufzeitende hält, entspricht der Zins der Rendite.

Warum steigen die Renditen auch in der Schweiz?

Die Schweiz ist dabei ein interessanter Sonderfall. Anders als etwa die USA, Frankreich oder Japan verfügt sie über vergleichsweise solide Staatsfinanzen. Der Renditeanstieg lässt sich deshalb nicht einfach mit einer wachsenden Sorge um die Tragfähigkeit der Schweizer Staatsschulden erklären.

«Der Schweizer Bondmarkt ist nicht völlig immun gegen die internationalen Zinsbewegungen, reagiert aber deutlich gedämpfter als die grossen Auslandsmärkte», ordnet Experte Thöny ein. Im September seien die Schweizer Zinsen zwar gestiegen, das Ausmass sei aber im Vergleich zu den USA und Europa überschaubar. Neben den soliden Staatsfinanzen nennt er auch den stark institutionell geprägten Markt.

Hinzu kommen die Entwicklungen bei Inflation und Energiepreisen. Die Schweizer Inflation ist im September zwar erstmals seit zwei Jahren wieder auf 1,0 Prozent gestiegen. Dies ist aber vornehmlich höheren Energiepreisen geschuldet. Damit liegt die Teuerungsrate immer noch innerhalb der Spanne von 0 bis 2 Prozent, die die SNB als Zielband hat.

Der Schweizer Markt ist zudem durch die besondere Rolle des Frankens geprägt. In unsicheren Zeiten kann die Nachfrage nach der Schweizer Währung steigen, was wiederum die Geldpolitik der SNB beeinflusst. Die Nationalbank hat deshalb neben dem Leitzins auch den Devisenmarkt als Instrument zur Verfügung. Ein starker Franken kann die Inflation dämpfen, zugleich aber die Exportwirtschaft belasten.

Ist die Schweiz vor dem globalen Bond-Ausverkauf geschützt?

Nein – aber die Ursachen und die Auswirkungen unterscheiden sich. In den USA steht vor allem die Kombination aus hohen Haushaltsdefiziten, einem grossen Angebot an Staatsanleihen und Unsicherheit über Inflation und Wirtschaftsentwicklung im Fokus. Wenn der Staat mehr Anleihen ausgibt, muss der Markt dieses zusätzliche Angebot aufnehmen.

Gleichzeitig benötigen Unternehmen insbesondere für Investitionen in KI, Rechenzentren, Energie und Infrastruktur erhebliche Summen. Staaten und Unternehmen konkurrieren damit zunehmend um langfristiges Kapital.

In Europa ist das Bild heterogener. Deutschland steht vor einem höheren Finanzierungsbedarf für Infrastruktur und Verteidigung, während Frankreich zusätzlich mit politischen und fiskalischen Unsicherheiten kämpft.

In Japan wiederum verändert sich das Umfeld nach Jahrzehnten extrem lockerer Geldpolitik. Die japanische Notenbank hält zwar weiterhin Anleihen, hat aber ihre Marktoperationen verändert und die Normalisierung ihrer Geldpolitik vorangetrieben.

Die Schweiz hat ein anderes Ausgangsproblem. Hier geht es weniger um die Frage, ob der Staat seine Schulden noch finanzieren kann, sondern stärker darum, wie stark sich die internationalen Kapitalmarktbedingungen auf einen traditionell sehr renditearmen Markt übertragen.

Was haben US-Schulden, KI-Investitionen und Ölpreise miteinander zu tun?

Auf den ersten Blick wenig – für den Anleihemarkt hängen sie aber zusammen. Alle drei Faktoren können beeinflussen, wie viel langfristiges Kapital benötigt wird und welche Rendite Anleger dafür verlangen.

Die USA müssen enorme Mengen an Staatsanleihen platzieren. Gleichzeitig benötigen Unternehmen Milliarden für die KI-Infrastruktur und andere Investitionen. Steigende Ölpreise wiederum können die Inflation und damit die Unsicherheit über die künftige Geldpolitik erhöhen.

Für Anleger bedeutet das: Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob die SNB, die Europäische Zentralbank oder die US-Notenbank Fed die Leitzinsen senkt oder erhöht. Entscheidend ist zunehmend, wie viel Kapital weltweit benötigt wird, wie viel davon zur Verfügung steht und welche Risiken Anleger für die kommenden fünf, zehn oder 30 Jahre sehen. (sda/awp/lak)

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