Warnzeichen aus der Wirtschaft: Warum gerade alle auf die Anleihen schauen
Der Anleihenmarkt – auch Bondmarkt genannt – funktioniert anders als der Aktienmarkt. Während Letzterer so schnell steigen wie er kurz darauf wieder fallen kann, gilt der Bondmarkt als sehr stabil.
Was sind Anleihen genau?
Anleihen sind sogenannte festverzinsliche Wertpapiere. Staaten, Unternehmen oder Banken verschaffen sich damit frisches Kapital: Sie nehmen Geld auf und geben dafür eine Anleihe aus, die dem Gläubiger – das können andere staatliche Institutionen sein, Zentralbanken, Geschäftsbanken, aber auch private Investoren – einen regelmässigen Zins (auch Kupon genannt) abwirft.
Anleihen haben eine feste Laufzeit, beispielsweise mehrere Monate, oder gar fünf oder zehn Jahre. Am Ende dieser Zeit erhält der Gläubiger den ursprünglichen Wert der Anleihe (den Nennwert) zurück.
Die Wertpapiere, zum Beispiel Staatsanleihen, können am sogenannten Sekundärmarkt gehandelt werden. Je nach Nachfrage – beeinflusst von Erwartungen für die Zukunft – schwanken sie im Preis (dem Kurs). Weil das Risiko langfristig höher ist, werfen langjährige Anleihen in der Regel einen höheren Zins ab als kurzfristige.
Wenn der Markt für Anleihen also in die Schlagzeilen kommt, wie es diese Woche der Fall war, ist das meist kein gutes Zeichen. Darum geht es:
Was ist diese Woche passiert?
Das Schlagwort der Stunde lautet: Anleihenrendite. Es beschreibt, einfach gesagt, die jährliche Rendite, die man mit einer Anleihenanlage erzielt. Die Renditen stehen in einem inversen Zusammenhang zum Preis einer Anleihe: Je stärker der Preis am Markt sinkt, desto grösser wird die Rendite.
Diese Woche erreichten zahlreiche Anleihenrenditen Höhen, wie es sie schon länger nicht mehr gab. Mit anderen Worten: Die Wertpapiere, insbesondere die langjährigen, werden gerade auf den Markt geworfen.
Das zeigt zum Beispiel der Blick in die Entwicklung der Staatsanleihen diverser Länder. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen erreichte am Dienstag mit 5,18 Prozent den höchsten Stand seit 19 Jahren. Die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen aus Japan (2,77 Prozent zu Beginn der Woche) war letztmals im Jahr 2000 so hoch, diejenige von 10-jährigen britischen Staatsanleihen gar im Jahr 1998. Und auch bei deutschen Staatsanleihen (phasenweise 3,1 Prozent) lag die Rendite so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Wichtiger Wert: Die Anleihenrendite (Bond yield)
Da Anleihen festverzinsliche Wertpapiere sind, bedeutet die Rendite hier nicht der Zins, sondern vielmehr die Rendite, die eine Anlegerin aus einer Investition in eine Anleihe erzielt (meist jährlich berechnet).
Die Anleihe kann am Markt nämlich zu einem Preis über ihrem Nennwert oder unter ihrem Nennwert erworben werden. Der Nennwert ist der Betrag, der dem Besitzer der Anleihe bei deren Fälligkeit zurückbezahlt wird.
Die aktuelle Rendite ergibt sich aus dem Verhältnis des Kupons (des Zinses) der Anleihe zu ihrem Marktpreis.
Preis und Rendite stehen daher in einem umgekehrten Verhältnis zueinander: Steigt der Kurs einer Anleihe, sinkt ihre Rendite.
Im Durchschnitt, so schreibt es die Nachrichtenagentur Bloomberg, erreichten die Staatsanleihenrenditen aller G7-Staaten – also der gewichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt – den höchsten Wert seit zwei Jahrzehnten. Alleine in diesem Markt sind über 50 Milliarden US-Dollar investiert.
Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur bei den Renditen der gehandelten Anleihen, sondern auch bei den Zinsen, die für neu ausgegebene Anleihen verlangt werden: Am 13. Mai verlangten die Käufer bei der staatlichen Auktion brandneuer 30-jähriger US-Staatsanleihen einen Zinssatz von 5,046 Prozent – seit 2007 war für den Verkauf dieser Anleihen keine Rendite von über fünf Prozent mehr gefordert worden.
Was bedeutet das genau?
Zunächst heisst es, dass Investorinnen und Investoren zunehmend mehr fürs langfristige Ausleihen verlangen. Sie sagen also zum Beispiel einem Staat: Du kannst mein Geld gerne leihen, aber du musst mir in Zukunft mehr dafür geben.
Mit anderen Worten: Die (erwarteten) Risiken sind gestiegen.
Das führt zu einem realen Zinsanstieg – obwohl die Nationalbanken den Leitzins noch nicht erhöhten. Die Nationalbanken können jedoch direkt nur den kurzfristigsten aller Zinsen, also den Leitzins, kontrollieren. Die langfristigeren Zinsen entstehen am (Anleihen-)Markt, also durch die Vergabe von langfristigeren Krediten, und werden durch die Zukunftserwartungen der Investoren geformt.
Was sind die Gründe?
Die Frage für die Anleihenmärkte laute nicht, warum die Renditen in der vergangenen Woche so stark gestiegen seien, sondern warum dies nicht schon früher geschehen sei, schreibt das «Wall Street Journal» dazu.
Mit anderen Worten: Gründe gibt es gerade genug. Einerseits sind es oft hausgemachte Probleme innerhalb der betroffenen Volkswirtschaften. Aber es gibt auch globale Entwicklungen, welche die Weltwirtschaft als Ganzes treffen:
- der Iran-Krieg und seine Folgen.
- die vom Ölpreis getriebene Inflation, von der sich immer mehr abzeichnet, dass sie hier ist, um zu bleiben. Je höher die Inflation, umso mehr verlangen Marktteilnehmer höhere Zinsen, um für die Geldentwertung entschädigt zu werden.
- Verbunden mit der Erwartung höherer Inflation ist die Erwartung von höheren Leitzinsen durch die Zentralbanken – und die schwindende Hoffnung, dass diese demnächst gesenkt würden.
- Immer mehr ins Gewicht fallen dürfte aber auch die Sorge um die hohe Verschuldung vieler Staaten. Seit der Coronapandemie ist diese stetig gestiegen, da die Volkswirtschaften ihre finanziellen Probleme und die daraus entstandenen Defizite zunehmend über zusätzliche Verschuldung lösen. Die Folge ist rekord- oder fast rekordhohe Verschuldung in Ländern wie den USA, Grossbritannien, Italien, Frankreich oder Japan.
Im Falle der US-Treasuries, also der US-Staatsanleihen, gibt es noch eine weitere Entwicklung, die ins Gewicht fallen dürfte: Japan. Dort steigen seit Langem wieder die kurzfristigen Zinsen. Bisher hatten viele Investoren in Japan in US-Staatsanleihen investiert, da diese stets eine höhere Rendite abgeworfen hatten. Als Folge besitzt Japan heute den grössten Anteil an sogenannten Treasury Bonds. Da jedoch die Rendite im asiatischen Inselstaat zu steigen beginnt, lohnt es sich für Japanerinnen und Japaner wieder, in den heimischen Markt zu investieren. Das könnte einen weiteren Ausverkauf an US-Staatsanleihen im grossen Stil zur Folge haben.
Was bedeutet das für die Wirtschaft?
Höhere Zinsen bedeuten höhere Kosten für die gesamte Realwirtschaft. Denn am Anleihenmarkt orientieren sich viele weitere Zinssätze, zum Beispiel solche auf Hypotheken oder auf Konsumkredite. Das kann das Wirtschaftswachstum bremsen.
Zudem bedeuten höhere Anleihenrenditen, dass die Finanzierung der Staatsschulden den Staat, also letztlich die Steuerzahlenden, mehr kosten wird. Damit fliesst ein grösserer Teil der Steuereinnahmen in die Bedienung dieser Schulden und es bleiben weniger Mittel für soziale Leistungen – besonders ungünstig, wenn man den Hintergrund einer alternden Gesellschaft bedenkt.
Allerdings: Wo die Risiken steigen, tun dies in der Regel auch die Möglichkeiten für hohe Gewinne. Das ist besonders relevant für die Aktienmärkte. Denn nun werden Anleihen im Vergleich zu Aktien wieder attraktiver. Die hohen Renditen setzen die Börsenmärkte also unter Druck.
Hier muss jedoch erwähnt werden, dass sich die Aktienmärkte (bislang) noch relativ unbeeindruckt davon zeigen – ganz im Stil der letzten Monate, während deren die Börsen angesichts der Folgen des Iran-Kriegs überraschend gleichgültig agieren. Sollte es aber demnächst zu einem Einbruch kommen, werden die Anleihenmärkte diesen eher beschleunigen als bremsen.
Wie ist das Ganze einzuschätzen?
Der rasante Anstieg der Renditen bis zur Mitte der Woche bremste am Mittwoch etwas ab. Seither sind sie bereits wieder gesunken – ein leichtes Entspannungszeichen. Und natürlich könnte der Ausverkauf von Anleihen lediglich die Sorgen der Anleger hinsichtlich der kurzfristigen Inflation widerspiegeln und nicht etwa tiefergehende Befürchtungen einer Stagflation (eine besonders toxische Kombination aus langsamem Wirtschaftswachstum und hoher Inflation).
Wie gross muss also unsere Sorge über diese Entwicklung an den Anleihenmärkten wirklich sein? «Es gibt keinen Grund zur Panik, aber man sollte es auch nicht auf die leichte Schulter nehmen», beantwortet ein «New York Times»-Kolumnist diese Frage.
Ein ernstzunehmendes Signal sind alleine die hohen durchschnittlichen Renditen der Staatsanleihen der G7-Staaten: Der Markt gilt als besonders «sicherer Hafen» (Bloomberg) und nicht einmal während der Coronapandemie waren die Renditen dort so hoch wie diese Woche.
Denn die darunterliegenden Probleme sind allesamt keine kurzfristigen. Die Staatsverschuldung wird so schnell nicht abnehmen und wenn die Rate der Verschuldung die Wachstumsrate überholt, werden die Probleme erst richtig beginnen. Der Populismus ist weiter auf dem Vormarsch, was die Wirtschaft in der Regel überhaupt nicht beruhigt.
Und auch bei der Inflation zeigt sich: Während ökonomische Schocks nach der Finanzkrise eher deflationär wirkten (und die Zentralbanken gar Probleme bekamen, weil sie Negativzinsen einführen mussten), scheinen diese Schocks seit der Coronakrise eher inflationär zu wirken. Das ist eine Art Trendwende, wie das Wall Street Journal anmerkt, die eine neue Ära der Inflation einläuten könnte. Die Märkte beginnen also spätestens jetzt zu merken: Die Inflation ist wohl hier, um zu bleiben.
