100'000 Dollar für Millisekunden: Wall Street reagiert auf Trumps Social-Media-Pläne
Ein paar Millisekunden: So viel früher können ab dem 1. August zahlende Nutzer die Posts auf «Truth Social», der Social-Media-Plattform des US-Präsidenten, einsehen. Der neue Dienst unter dem Namen «Truth API» kostet Berichten zufolge 100'000 US-Dollar – pro Monat, wohlverstanden.
Konkret erhält, wer für ein solches «Abo» bezahlt, einen (minimal) schnelleren Zugang zu Posts der zehn Accounts, die auf der Plattform die höchste Reichweite haben. Dazu gehören auch derjenige von Donald Trump selbst sowie der offizielle White-House-Account, aber auch solche von anderen hochrangigen Regierungsmitgliedern.
Das Vorhaben von Trump Media & Technology Group (TMTG), zu dem unter anderem «Truth Social» gehört, gesellt sich zu einer Reihe von Plänen und Aktionen, wie Donald Trump die Präsidentschaft zu seinen Gunsten monetarisiert. Sein Portfolio, das etliche Wirtschaftszweige von Immobilien über Kryptowährungen bis hin zum Verkauf von Uhren oder Bibeln umfasst, brachte ihm vergangenes Jahr Einnahmen von weit über zwei Milliarden US-Dollar ein.
Obwohl Trump und ihm nahestehende Personen deswegen (noch) nicht formell angeklagt wurden, gibt es bis heute Dutzende Hinweise auf Insiderhandel. Gerade kürzlich berichtete CNN, wie Trump auf seinem «Truth Social»-Account mehr als 20 Unternehmen beworben hat, nur wenige Tage nachdem er Aktien besagter Firmen gekauft hatte. Dabei kündigte er mitunter Regierungsmassnahmen an, von denen die Unternehmen, in die er gerade investiert hatte, mit hoher Wahrscheinlichkeit profitieren würden.
«Rechtliches Minenfeld»: Wall Street hat viele Fragezeichen
Da die Handlungen der Trump-Regierung als dermassen unvorhersehbar gelten, wurden deren Social-Media-Posts in der Vergangenheit immer wieder zu Auslösern von erheblichen Bewegungen an der Börse. So liess Trumps Beitrag zu den Zöllen am sogenannten «Liberation Day» im vergangenen Jahr die Aktienkurse um zwölf Prozent sinken. Ein weiterer Post vom Juni, in dem er ankündigte, den Iran «sehr hart» zu treffen, führte zu einem sofortigen und sprunghaften Anstieg des Ölpreises.
Ab dem 1. August will Trump Media also institutionellen Kunden, Finanznachrichtenagenturen und Hochfrequenzhandelsunternehmen die Möglichkeit geben, für einige Millisekunden Vorsprung zu bezahlen. Wie gut das Angebot bei Wall-Street-Firmen ankommt, ist noch unklar. Laut einer Mitteilung von Trump Media habe man bereits vor dem Start am 1. August Kunden gewinnen können. Namen wurden allerdings keine genannt.
Laut Studien machen Hochfrequenzhandel-Trades heutzutage über 50 Prozent des derzeitigen Handelsvolumens an den US-Börsen aus. In Europa sind es etwas weniger.
Klar ist: Für «Normale» Traderinnen und Trader ist «Truth API» nutzlos. Für sie lohnt sich weder das Investment von 100'000 US-Dollar pro Monat, noch sind sie fähig, den «Vorteil» einiger Millisekunden für sich zu nutzen.
Finanzunternehmen und ihre Anwälte versuchen derweil, die potenziellen Risiken abzuschätzen, die damit verbunden wären, wie die Financial Times berichtet. Für den Zugang zu den Gedanken, Entscheiden und Ansichten des Präsidenten zu zahlen, bevor andere davon erfahren, könnte demnach illegal sein. Mehrere Anwälte bezeichneten das Produkt laut FT als «rechtliches Minenfeld».
Das bedeutet: Nicht nur der Verkauf des Produkts, sondern auch die Bezahlung dafür könnte widerrechtlich sein. Laut Richard Painter, einem US-Rechtsprofessor und ehemaligen Ethikberater von Ex-Präsident George W. Bush, könnte die Nutzung rechtliche Risiken für zahlende Unternehmen mit sich bringen, wie er gegenüber der FT sagt. «Wäre ich der Leiter der Rechtsabteilung eines dieser institutionellen Investoren, würde ich sagen: ‹Fassen Sie das gar nicht erst an, es sei denn, Truth Social garantiert, dass es keine Vorabmitteilungen zu Beiträgen geben wird, die Informationen über das Vorgehen der US-Regierung enthalten›», so Painter.
Auch weitere Anwälte und Professoren weisen laut FT darauf hin, dass ein Abonnement aufgrund Trumps Beteiligung an dem Unternehmen mit rechtlichen Risiken verbunden sein könnte. Dem US-Präsidenten gehören indirekt über einen Treuhandfonds rund 52 Prozent der Trump Media and Technology Group.
Das Problem, so ein Rechtsprofessor und ehemaliger Chef der US-Börsenaufsicht gegenüber dem Magazin «Fortune», sei weniger, dass Trump Media einen schnelleren Zugang zu Informationen verkaufe, sondern vielmehr, wer die Gewinne davon einstreiche – in diesem Fall das Medienunternehmen im Besitz von Trump. Dadurch werde verschleiert, ob es sich bei diesen Posts und Informationen um persönliches Eigentum, staatliches Eigentum oder um ein privates Vermögen handelt, das zur Gewinnerzielung genutzt wird.
Gegenüber der FT äussern auch mehrere Händler und Manager ihr Missfallen. «Seine Tweets bewegen die Märkte, also müssen wir alle dafür bezahlen», lässt sich einer davon zitieren. Das Ganze sei «so schlimm, dass mich in dieser Hinsicht nichts mehr überrascht». Ein weiterer sprach von einem «riesigen Machtmissbrauch» und ein dritter bezeichnete die Idee als «skandalös», wies gleichzeitig aber darauf hin, dass einige Hedgefonds den Dienst möglicherweise aus treuhänderischer Pflicht gegenüber ihren Kunden abonnieren müssten. Dies, um nicht hinter die Konkurrenz zurückzufallen.
Auch das Wall Street Journal zitiert mehrere Händler, die der Meinung sind, dass der schnelle Feed von Truth Social wahrscheinlich zu einer «unverzichtbaren Technologie in der Branche» werden wird und viele Unternehmen sich dafür anmelden werden, nur um Schritt zu halten. Es handle sich vielmehr um defensive Kosten, sagt einer der Händler, und nicht darum, sich einen Vorteil zu erschaffen.
Politiker fordern Untersuchung
Ob das Verkaufsmodell der TMTG rechtswidrig ist, müsste unter anderem die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) beurteilen. Zu einer entsprechenden Untersuchung rufen denn auch mehrere US-Politiker auf.
So hat Ritchie Torres, ein demokratischer Abgeordneter aus New York, dem SEC-Vorsitzenden einen Brief zukommen lassen. Torres forderte darin die Behörde auf, «Truth API» vor dessen geplanten Einführung zu prüfen und festzustellen, ob dadurch Widerhandlungen gegen das Wertpapierhandelsgesetz, Marktmanipulation oder eine Gefährdung des Anlegerschutzes bestehen, wie Axios berichtet. Zudem fordert der New Yorker, dass die SEC öffentlich macht, ob sie eine Investigation plane oder nicht. Torres erklärt in dem Brief:
Der demokratische Senator Mark Warner mahnte ebenfalls in einem Brief die Finanzindustrie zur Vorsicht. Zudem forderte er die Unternehmen auf, nicht auf das Angebot einzugehen, denn «kein Unternehmen sollte dem Präsidenten dabei helfen, amtliche Regierungshandlungen in persönlichen Gewinn umzuwandeln». Auch Chuck Schumer, Fraktionsführer der Demokraten im US-Senat, wählte klare Worte.
Trump’s corruption knows no bounds
— Chuck Schumer (@SenSchumer) July 21, 2026
Truth API is the definition of insider trading: For $100K/month, investors can turn a profit off early access to his market-moving posts, while he rakes in hundreds of millions in fees
As usual, he's selling out America to the highest bidder pic.twitter.com/TRiZqqH3kC
Das Unternehmen selbst weist jegliche Vorwürfe von sich. Ein TMTG-Sprecher erklärte: «Ohne jedes erkennbare Gespür für Ironie werfen uns bestimmte Politiker fälschlicherweise vor, gegen die Prinzipien des freien Marktes zu verstossen, während sie gleichzeitig Unternehmen dazu drängen, ein Produkt zu boykottieren – und das alles in einer koordinierten Aktion, um einem börsennotierten Unternehmen zu schaden.»
Asymmetrie des Marktes könnte US-Börsen schaden
Unabhängig davon, ob Trumps Vorgehen als legal bewertet wird oder nicht, machen sich Expertinnen und Analysten Sorgen über das Signal, das solche Pläne aussenden. Die Frage, die sich laut Fortune stellt, ist, ob «die wesentlichen Merkmale eines fairen Marktes, wie transparente, zeitnahe und vergleichbare Informationen, nach und nach ausgehöhlt werden». Gleich drei Expertinnen und Experten des Wertpapierhandelsgesetzes äussern gegenüber dem Magazin deutliche Bedenken.
«Truth API» führe zu einem «zweigeteilten Markt, auf dem eine Handvoll gut vernetzter Insider über die Informationen verfügen», während alle anderen davon ausgeschlossen seien, sagte Tyler Gellasch, ein ehemaliger Berater der SEC. Das untergrabe das Kernprinzip der US-Märkte – nämlich einen fairen Zugang zu Informationen zu gewährleisten.
Dass nicht mehr dieselben Regeln für alle gelten und Informationen einigen wenigen vorbehalten sind – wenn auch nur für Millisekunden –, könnte ein schlechtes Licht auf den US-Finanzplatz werfen. «Wesentliche nichtöffentliche Informationen gehören der US-Regierung oder dem amerikanischen Volk, nicht Truth Social oder Präsident Trump», erklärte auch Renée Jones, frühere SEC-Führungsperson und heutige Rechtsprofessorin gegenüber «Fortune». Glaubten Anlegerinnen und Investoren, das System sei manipuliert, seien sie weniger geneigt, an den US-Börsenmärkten zu investieren. «Verlieren [sie] das Vertrauen, insbesondere in die Integrität der US-Märkte, könnten sie ihr Kapital anderswo anlegen», so Jones.
Tyler Gellasch sieht solche Tendenzen bereits: Es zeichne sich ein Trend in Richtung von Märkten mit strengeren Offenlegungsvorschriften und möglicherweise weg von den USA ab. Er sagt: «Ich gehe davon aus, dass die Anleger ihren Fokus allmählich auf andere Märkte verlagern werden, insbesondere auf die europäischen Märkte.» Werde nichts dagegen unternommen, dann gefährde dies den Wettbewerbsvorteil der USA auf dem Kapitalmarkt, so Gellasch.
Trump Media ist nicht rentabel
Ein möglicher Grund für die Einführung der Bezahloption von «Truth Social» könnte in der Rentabilität der Trump Media and Technology Group liegen – oder besser gesagt: in deren fehlender Rentabilität. Noch schreibt das Unternehmen nämlich rote Zahlen, im ersten Quartal resultierte ein Verlust von über 400 Millionen US-Dollar. Daran änderten bislang auch dessen neuste Projekte nichts: ein Prognosemarkt für Sportwetten, der Aufbau virtueller Vermögenswerte sowie diverse (Immobilien-)Fonds.
Bezeichnend: «Truth API» solle zu einer bedeutenden Einnahmequelle werden, sagte Kevin McGurn, Interims-Geschäftsführer von Trump Media, in einem Statement.
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