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Wenn du Gesichter nicht den Personen zuordnen kannst. (Symbolbild)  bild: shutterstock

«Ich erkenne meine Kinder nicht» – die Frau, die Gesichter vergisst

Manche Menschen leiden an einer sonderbaren Störung des Gehirns: Sie können sich keine Gesichter merken. Wie das ist, erzählt uns eine Mutter, die anonym bleiben muss.

benedict wermter / watson.de



Ich kann Männer und Frauen unterscheiden, ich kann sehen, ob jemand blond ist, ich kann sehen, ob jemand hübsch ist. Die Menschen sehen für mich unterschiedlich aus, aber ich kann nicht erkennen, wer vor mir steht. Mein Gehirn kann die Informationen über Gesichter nicht mit Erinnerungen verknüpfen.

Menschen und ihre Gesichter sind für mich bedeutungslos, selbst wenn sie mir alles bedeuten.

Das sind meine Probleme:

Das Phänomen ist als Prosopagnosie bekannt, als PA. Manche Leute sagen auch Gesichtsblindheit dazu, aber der Begriff ist ungenau, denn ich kann Gesichter sehen – ich kann sie nur nicht zuordnen. Einigen Europäern fällt es schwer, Asiaten oder Dunkelhäutige zuzuordnen, und ich würde sagen, das ist bei mir mit meinen Mitmenschen ähnlich.

Proso.. whot?

Die Unfähigkeit, eine Person anhand ihres Gesichts zu erkennen, wird als Gesichtserkennungsschwäche, oder im Fachchinesisch als Prosopagnosie bezeichnet. 

Der Begriff leitet sich vom griechischen Prosop für Gesicht und Agnosie für Unkenntnis ab. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen apperzeptiven und assoziativen Prosopagnostikern. Erstere können weder Geschlecht, noch Alter und Emotionen erfassen und wissen auch nicht, wer vor ihnen steht. Letztere können nur keine Gesichter erkennen. Diese Formen können erworben werden, etwa bei Schlaganfällen.

Und es gibt kongenitale Prosopagnostiker, so wie unsere betroffenen Familienmitglieder. Dabei handelt es sich um eine angeborene Form der PA, bei der Betroffene ihre Krankheit lange nicht begreifen können, oder die gänzlich unentdeckt bleibt.

prosopagnosie.info, prosopagnosie.de

So erkenne ich Leute wieder

Am einfachsten ist es für mich, Menschen an ihrer Stimme zu erkennen. Wie klingt die Stimme und welche typischen Wörter verwendet mein Gesprächspartner? Aber auch das Gangbild und Bewegungsmuster sind wichtig. Neigt jemand seinen Kopf zur Seite, hat sie X-Beine, macht er eine typische, auffällige Handbewegung? Das alles sind für mich Anker, um eine Person zu identifizieren. 

Ich liebe abgekaute Fingernägel. Daran kann ich Menschen am besten zuordnen.

Klamotten und Frisuren eignen sich weniger als Strategien, um meine Mitmenschen zu erkennen, weil sie sich manchmal verändern. Wobei ein typisches Armband helfen kann.

Mein Mann sagt manchmal zum Spass, ich soll in die Orthopädie gehen, weil ich so gut körperliche Fehlstellungen erkennen kann. Ich habe auch schon Leute zum Arzt geschickt, die nichts von ihrer schiefen Hüfte wussten. Für mich ist es einfacher, jemanden von hinten zu identifizieren, weil ich genau hinsehen muss, um einen Anker zu finden. Ich muss mein Gegenüber regelrecht scannen, und das mögen die Leute natürlich nicht, wenn ich sie von vorne von oben bis unten anschaue.

Wie ich herausfand, was nicht stimmte

Bis ich Mitte 30 war, dachte ich halt: Ich bin eben etwas dumm. Ich wusste lange nichts von meiner Gesichtserkennungsschwäche. Sondern ich dachte, das ist normal so, ich bin eben nur etwas schlechter als andere darin, jemanden zu erkennen. Ich habe deswegen als Kind Gruppen gemieden und galt als Aussenseiterin. Ich habe mir eher intuitiv Freunde gesucht, die irgendwie auffielen. Weil sie rothaarig oder dick waren, oder weil sie stotterten.

Dann gab es Aha-Momente. Damals, als mein Mann und ich noch keine Kinder hatten, schauten wir einen Tatort und es ging um ein Phantombild. Mein Mann sagte, der Täter sähe nicht so aus, wie der auf dem Bild. Bis dahin glaubte ich, Phantombilder sind Hokus-Pokus. Ich dachte mir: Hä? Wieso kann der das so zuordnen?

Später, als eines unserer Kinder schon in die Grundschule ging, wurde bei einem Elternabend ein Bild von meinen Kindern von einem Grillfest hochgehalten.

Ich habe meine eigenen Kinder nicht erkannt, weil ich auf gestellten Fotos nichts zuordnen kann.

Die anderen Eltern haben gedacht, ich wäre verträumt oder so, aber mir war es einfach nur unendlich peinlich. Ich habe mich später einer Mutter anvertraut: «Du, mir fällt es schwer, andere Menschen zu erkennen.» Noch so ein Aha-Moment.

Wenig später wurde mir alles klar. Die Grundschullehrerin von meinem Sohn meinte, er sei irgendwie seltsam. Vielleicht hochbegabt, vielleicht sogar ein Autist. Wir haben uns in einem Forum für Hochbegabte ausgetauscht und dort hörten wir zum ersten Mal von PA. Später liessen wir uns testen und dann kam tatsächlich heraus, einige meiner Kinder und ich haben die Gesichtserkennungsschwäche. Wahrscheinlich auch die Familie meines Vaters.

Was sagt die Wissenschaft zu PA?

Besonders weit ist die Forschung noch nicht in Sachen PA. Erste Studien beschäftigen sich mit Häufigkeit und Erblichkeit. In einer Studie unter Schülern litten knapp 2,5 Prozent unter PA.

Geforscht wird an der Uni Bamberg, der Uni Bochum und im feinen Harvard.

Und wahrscheinlich ist mein Sohn sogar hochbegabt, denn er konnte in der Schule ein paar Klassen überspringen. Hochbegabung geht offenbar oft mit PA einher. Mit Autismus hat das aber nichts zu tun.   

Das Leben mit PA bedeutet mir …

Für mich ist PA keine Krankheit, sondern eher eine Einschränkung, so wie Farbenblindheit oder eine Lese-Rechtschreibschwäche. Wobei, wer nicht richtig lesen kann, ist abhängiger von anderen. Ich fühle mich eher weniger von anderen abhängig, weil ich früh gelernt habe, alleine auszukommen.

Hier finden Betroffene von PA Hilfe 

Wer glaubt, schwach im Erkennen von Gesichtern zu sein, oder wer von seiner Schwäche weiss, aber Rat und Anschluss sucht, sollte sich beim Ehepaar Grüter aus Münster melden.

Die Eheleute sind Ärzte, die selbst von PA betroffen sind, und die seit Jahren die Forschung zum Thema koordinieren. Sie betreiben die Seite prosopagnosie.de

Bloss habe ich das Gefühl, dass Informationen bei mir im Gehirn nicht am richtigen Ort abgespeichert sind oder dass mir der Zugriff auf Dateien fehlt, wie bei einem Computer, den man falsch benutzt.

Denn ich weiss eben oft nicht, wen ich wann und wo getroffen habe. Damit verschwimmt auch das, über was ich gesprochen habe.

Das ist es, was das Leben mit PA so schwierig für mich macht. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • TurnOver87 17.04.2018 14:54
    Highlight Highlight Manchmal würde ich mir wünschen Gesichter vergessen zu können... :)
    • Ha! Bermas. 17.04.2018 15:45
      Highlight Highlight Spannender Gedanke, ungünstiger Kontext;)
    • TurnOver87 19.04.2018 11:20
      Highlight Highlight Ja gut, etwas unsensibel von mir.. :D
  • Incendium 17.04.2018 13:54
    Highlight Highlight Ich bin entsetzt... "sonst wird es gefährlich für die Gesundheit der Klienten." Und doch Arbeitet sie in dem Beruf obwohl sie ein wandelndes Gesundheitsrisiko ist und es sehr wohl weiss. Such dir einen anderen job for fucks sake. Sie hätte aus eigenem willen heraus schon längst tun sollen wenn ihr wirklich was an ihren Klienten liegt.
    • Ha! Bermas. 17.04.2018 15:40
      Highlight Highlight Nun, da sie sich wegen ihrem "Defizit" von Beginn weg mehr Mühe geben musste, keine Fehler zu machen und aktiv Strategien entwickelt hat, korrekt zu arbeiten, mutmasse ich, dass die Chance auf einen Fehler ihrerseits kleiner ist, als bei anderen Mitarbeitern. Sie weiss ja um das Risiko und bis anhin ist nichts pasdiert! Und selbst wenn, wünsche ich ihr, nicht sofort aufzugeben. Jemand ohne diese Einschränkung stellt ja bei einem Fehler auch kaum seine ganze Berufung in Frage! Ich hoffe deshalb, sie lässt sich durch ihre schwierigen Umstände (inklusive Empörten wie Ihnen) nicht entmutigen:)
  • Sveitsi 17.04.2018 13:21
    Highlight Highlight Interessanter Artikel - danke!

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