Körperdysmorphie: Wenn der eigene Körper zum Feind wird
«Der Mensch ist eigentlich nicht dafür gemacht, sich immer zu sehen», sagt die Ernährungspsycholische Beraterin Nicole Huberger in der SRF-Sendung «Puls». Trotzdem greifen viele Jugendliche täglich zum Handy, machen Selfies – bis zu hundert pro Tag.
Die Gesundheitssendung zeigt, wie der ständige Blick in Spiegel und soziale Medien das Selbstbild prägt – und welche Faktoren dazu beitragen können, dass sich eine Körperdysmorphie entwickelt.
Menschen mit einer körperdysmorphen Störung beschäftigen sich intensiv mit ihrem Aussehen. Die Gedanken an das eigene Äussere nehmen oft so viel Raum ein, dass der Alltag massiv beeinträchtigt wird. Betroffene verbringen Stunden damit, ihre Makel zu kontrollieren oder zu verstecken. Das kennt auch Mia.
Isolation statt Jugend
Mia heisst eigentlich anders. Sie möchte anonym bleiben, will aber trotzdem ihre Geschichte erzählen. Sie ist 21 und leidet unter Körperdysmorphie. Bereits mit 15 Jahren gab sie ihr soziales Leben und ihre Träume auf. Die Erkrankung führte bei ihr zu totaler Isolation. Drei Jahre lang verliess sie kaum das Haus. Stattdessen scrollte sie stundenlang durch soziale Medien, verglich sich mit anderen Frauen und zweifelte an sich selbst.
Als sie noch die Schule besuchte, stand sie stundenlang vor dem Spiegel. «Ich stand jeweils um 3 Uhr morgens auf, um mich bereit für die Schule zu machen», sagt sie. Doch in der Schule war sie so erschöpft, dass sie sich kaum konzentrieren konnte und immer wieder einschlief.
In der Schweiz leiden schätzungsweise zwei von hundert Menschen an dieser Erkrankung – Frauen und Männer gleichermassen. Viele der Betroffenen haben den Wunsch nach Schönheitsoperationen. Studien zufolge sind rund 20 Prozent der Menschen, die sich Schönheitsoperationen unterziehen, von einer körperdysmorphen Störung betroffen.
Körperdysmorphie und der Drang zu chirurgischen Eingriffen
Auch Mia entschied sich mit 19 zu chirurgischen Eingriffen: zuerst eine Nasenkorrektur, später eine Haartransplantation. Zufrieden mit ihrem Aussehen ist sie aber noch immer nicht. «Mit den Haaren bin ich noch nicht zufrieden. Ausserdem würde ich gerne noch meine Augenlider und meine Lippen verändern.» Angst vor Eingriffen hat sie keine: «Der Schmerz in mir drin ist viel schlimmer, als all diese Operationen mir zufügen könnten.»
«Hilfreich sind die Operationen in den meisten Fällen aber nicht», sagt Tanja Roth vom Psychologischen Institut Zürich. Bei einer Körperdysmorphie handelt es sich um eine Störung der Körperwahrnehmung – Operationen verändern nur den Körper, nicht die Wahrnehmung. Studien zufolge verbessert sich das Selbstbild nach Eingriffen nur in etwa drei Prozent der Fälle.
Nicht alle fühlen sich jederzeit wohl in ihrem Körper. Viele Menschen gehen ungern in die Badi, meiden enge Kleidung oder lassen keine Fotos von sich machen. Bei einer Körperdysmorphie geht die Unsicherheit jedoch weit darüber hinaus: Betroffene verbringen oft Stunden vor dem Spiegel, ihr Alltag ist stark beeinträchtigt und viele ziehen sich häufig zurück.
Bei der Entstehung einer Körperdysmorphie spielen mehrere Faktoren eine Rolle. «Soziale Medien und Selfies können die Störung verstärken, sind aber nicht die Ursache», so Roth. Eine zentrale Rolle spielen oft negative Erfahrungen wie Mobbing, Ausgrenzung oder belastende Beziehungserfahrungen.
Mia kennt das nur zu gut: «Ich war ein eher dickeres Kind. Meine Grossmutter kritisierte mich ständig und nahm mir Essen weg. In der Schule war ich unbeliebt, wurde ausgegrenzt und hatte immer das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt.» Sie schminkte sich, glättete die Haare, wollte gefallen – doch Freunde und echte Anerkennung blieben aus.
Nach mehreren Klinikaufenthalten und Psychotherapie wagt sich Mia inzwischen mehr und mehr aus dem Haus. Über ihren Bruder hat sie ihren jetzigen Freund kennengelernt. «Ich hätte nie gedacht, dass mich jemand ausserhalb der Familie je akzeptieren würde.» Nun hat sie auch wieder ein Ziel in ihrem Leben: die Matura nachzuholen.
Wenn der Wunsch nach mehr Muskeln krankhaft wird
Neben der Körperdysmorphie gibt es auch die sogenannte Muskeldysmorphie – eine Zwangsstörung, die vor allem Männer betrifft. Körperunzufriedenheit nehme auch bei Männern zu, sagt Roland Müller, Psychologe mit Fokus auf die Gesundheit von Männern. «Ideale und Bilder verunsichern uns zunehmend. Viele suchen dann Halt in gängigen Körpernormen.»
Betroffene sind ständig besorgt, nicht muskulös genug zu sein. Wie bei der Körperdysmorphie drehen sich die Gedanken stark um das eigene Aussehen, nur liegt der Fokus auf Muskelmasse und Körperform.
Das kennt auch der 51-jährige Philipp. Nach einem Burnout und einer Depression entwickelte er eine Muskeldysmorphie. Er trainierte extrem, fühlte sich trotzdem nie gut genug. Eine Therapie half ihm – doch das Streben nach Perfektion begleitet ihn bis heute. «Das Perfide an Selbstwahrnehmungsstörungen ist: Man weiss bewusst, was mit einem passiert – und doch nagt es unbewusst immer weiter an einem.»
