«Im gesamten Mittelland wird die Fichte keine geeigneten Wachstumsbedingungen mehr haben»
Die erneute Hitzewelle verschärft die bereits herrschende Trockenheit in der gesamten Schweiz. Das hat Auswirkungen auf das Grundwasser, den Wasserpegel von Seen und Flüssen sowie die Landwirtschaft und betrifft auch eines der wichtigsten Ökosysteme unseres Landes, die Wälder.
Erste Meldungen aus dem Jura über Blattverfärbungen an Buchen lassen Expertinnen und Experten aufhorchen, könnte dies doch ein regionaler Vorbote eines viel weitreichenderen Problems sein, wie der Biologe und Leiter der Abteilung Wald- und Bodenökologie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Arthur Gessler sagt.
Wichtigste Baumarten bedroht
«Unsere Modelle zeigen, dass viele Baumarten, die heute beispielsweise im Mittelland den Grossteil der Waldbestände ausmachen, an einigen Standorten bereits Mitte dieses Jahrhunderts keine geeigneten klimatischen Bedingungen mehr vorfinden könnten», sagt Gessler. Aktuell untersuche ein Forschungsteam im Jura, ob die jüngsten Schäden ein lokales Phänomen seien oder ob sie mit denen des Sommers 2018 vergleichbar seien.
Im ebenfalls trockenen und heissen Sommer vor acht Jahren waren in weiten Teilen der Schweiz mehrere Laubbaumarten von frühzeitigem Laubfall betroffen, jedoch erst im Spätsommer. Ein nicht unerheblicher Teil der Bäume starb in den folgenden Jahren ab oder musste aus Sicherheitsgründen gefällt werden.
Durch wiederholte Trocken- und Hitzeperioden, die sich durch den menschengemachten Klimawandel deutlich mehren, würden bestimmte Baumarten in Zukunft seltener werden oder regional gar nicht mehr vorkommen, so der Biologe. Besonders betroffen seien Buchen und Fichten und damit die in der Schweiz verbreitetesten Laub- und Nadelbäume. «Unsere beiden wichtigsten Baumarten sind gefährdet», sagt der Biologe und ergänzt:
Da der Mensch die Umweltbedingungen geändert habe, müsse er nun auch dafür sorgen, dass die Wälder resilienter werden, so Gessler. Gelinge dies nicht, seien diverse Funktionen, die der Wald für uns erfüllen würde, in Gefahr. An erster Stelle nennt der Biologe hierbei die Schutzfunktion des Waldes vor Naturgefahren.
Funktionen des Ökosystems Wald
Besonders im alpinen Raum bieten die Wälder den Siedlungen im Tal einen wichtigen Schutz vor Lawinen, Murgängen und Bergstürzen. Einerseits, weil deren Stämme Schnee, Schutt und Fels aufhalten, andernseits, weil die Wurzeln der Wälder die Hänge stabilisieren und ein Abrutschen verhindern. Brechen ganze Baumbestände zusammen, dann wird diese Schutzfunktion deutlich gemindert, warnt Arthur Gessler.
Doch die Wälder erfüllen noch zahlreiche weitere, wichtige Funktionen: Sie liefern den natürlichen Baustoff Holz, sind unverzichtbar für die Biodiversität der Schweiz, dienen insbesondere im Umfeld von Städten als Naherholungsgebiete, schützen vor Bodenerosion und fungieren als natürlicher Wasserspeicher. Nicht zuletzt nehmen die Wälder über ihre Blätter das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) aus der Luft auf und speichern dieses in den Ästen, den Wurzeln und dem Boden.
Gleichzeitig stossen sie Sauerstoff aus. «In sämtlichen Klimaszenarien wird damit gerechnet, dass der Wald einen Anteil des durch fossile Brennstoffe freigesetzten CO2 aufnimmt und der Atmosphäre entzieht. Das CO2 in der Atmosphäre verändert aber auch das Klima und die damit verbundenen Extremwetterereignisse wie Hitzeperioden und Dürren. Diese Ereignisse reduzieren wiederum die CO2-Aufnahme der Vegetation. Wir sehen hier einen deutlichen, den Klimawandel verstärkenden Rückkopolungseffekt», sagt Gessler.
Im Extremfall könne sich der gewünschte Effekt der CO2-Aufnahme gar ins Gegenteilige kehren, sagt Arthur Gessler weiter: «In Deutschland können wir bereits beobachten, dass Wälder zur Quelle von CO2-Emissionen werden. Sterbende und verrottende Bäume geben einen Teil des gespeicherten Kohlenstoffs wieder als CO2 in die Atmosphäre ab. Überschreitet diese Abgabe die Aufnahme von CO2 durch Photosynthese, also die Umwandlung von Kohlendioxid in Zucker und Sauerstoff, dann stösst der Wald netto CO2 in die Atmosphäre aus.»
Artenvielfalt als Chance
Um die Wälder «klimafit» zu machen, wie der Biologe Gessler es nennt, setzen die Forschenden zusammen mit den Schweizer Praktikern aus der Forstwirtschaft auf eine gezielte Aufforstung mit trocken- und hitzeresistenten Baumarten. Bei der Frage, welche Baumarten in welchen Regionen Sinn ergeben, werden die Försterinnen und Förster dabei von der Applikation «Tree App», die von der WSL und dem Bundesamt für Umwelt entwickelt wurde unterstützt.
Insbesondere Eichen sowie andere wärmeliebende Laubbaumarten wie die Kirsche oder Hainbuchen würden sich eignen, sagt Arthur Gessler. Zentral sei jedoch, dass verbreitet auf Mischwälder gesetzt werde: «Durch die Artenvielfalt steigen die Chancen, dass das Ökosystem überlebt, selbst wenn extreme Ereignisse eine oder zwei Baumarten zum Verschwinden bringen.» Ausserdem würden verschiedene Wurzeltiefen beispielsweise dazu führen, dass die Wälder das vorhandene Wasser besser aufnehmen und nutzen können.
Natürlich würde sich der Wald in einem gewissen Masse auch selbst regulieren, schliesslich seien Störungen auch etwas Natürliches. Das Problem dabei sei nur die Geschwindigkeit, mit welcher der menschengemachte Klimawandel voranschreite:
Auch kurzfristige Massnahmen gebe es keine, so Gessler: «Wenn wir sehen, dass Bestände absterben, dann ist es eigentlich schon zu spät. Deswegen versuchen wir, unterschiedliche Indikatoren zu finden, die uns schon Jahre vorher zeigen können, ob Bestände geschwächt sind.» Um den Wald «klimafit» zu machen, brauche es langfristiges Denken und Handeln.
Waldbrandgefahr steigt
Mit der Trockenheit einher geht jedoch noch eine weitere, wesentlich unberechenbarere Gefahr: das Risiko von Waldbränden. Lediglich in vereinzelten Regionen des Kantons Graubünden stuft der Bund die Gefahr noch als mässig ein. In der gesamten restlichen Schweiz gilt mindestens die Gefahrenstufe drei, in vereinzelten Regionen in Graubünden und im Wallis gar die höchste Gefahrenstufe fünf. In weiten Teilen der Schweiz gilt ein generelles Feuerverbot oder ein Feuerverbot in und um Wälder herum.
«In der Schweiz hängt die Waldbrandgefahr sehr stark mit menschlicher Aktivität zusammen», sagt Gessler. Durch Blitzeinschlag ausgelöste Brände seien eher selten. Aufgrund der aktuellen Trockenheit sind seine Verhaltensempfehlungen klar:
Während grossflächige Waldbrände in der Schweiz eher selten vorkommen, zerstören diese in umliegenden europäischen Ländern wie Griechenland, Italien, Spanien, Portugal oder Frankreich jeden Sommer Hunderttausende von Hektaren Wald. Erst kürzlich mussten in Südfrankreich rund 10'000 Menschen aufgrund von Waldbränden evakuiert werden, wie die deutsche Tagesschau berichtete.
Dass die Schweiz weniger betroffen von solchen Flächenbränden sei, liege einerseits daran, dass das Klima noch nicht ganz so trocken sei wie im mediterranen Raum, andererseits helfe aber auch die Zusammensetzung der hiesigen Wälder: «In der Schweiz haben wir grundsätzlich eine gut durchmischte Waldstruktur, wir haben keine grossflächigen, intensiv brennbaren Nadelbaumbestände in trockenen Gebieten.»
Gewisse Baumarten würden schneller brennen als andere, daher sei auch diesbezüglich eine gute Durchmischung der Wälder wichtig, so Arthur Gessler. Auch verfüge man in der Schweiz über ein gutes Überwachungssystem, dazu seien die Waldflächen bedeutend kleiner im Vergleich zu den stärker betroffenen europäischen Ländern. Dass sich auch in der Schweiz grossflächige Waldbrände in Zukunft mehren könnten, sei aufgrund der vermehrten Trockenheit jedoch nicht auszuschliessen.
Bund spart bei Forschung
In Bezug auf die zu treffenden Massnahmen spüre er grundsätzlich politischen Rückhalt, sagt Gessler und lobt die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt. Was das WSL jedoch treffe, seien die vom Bundesrat 2025 beschlossenen Kürzungen der Forschungsgelder im Rahmen des Entlastungspakets für den Bundeshaushalt von 2027. Jährlich will der Bund damit schweizweit in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation mehr als 460 Millionen Franken pro Jahr einsparen.
Für das WSL, das der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) angeschlossen ist, bedeutet dies Personaleinsparungen um die 10 Prozent in den nächsten fünf Jahren, wie Arthur Gessler erläutert. Dies werde natürlich auch die Arbeit beim WSL beeinflussen, so der Forscher. Abschliessend mahnt Gessler, dass man nur mit Anpassungsmassnahmen nicht weit kommen werde. Man müsse das Problem auch an der Wurzel packen, sagt der Biologe:
